Neujahrskonzert 2015 – Techniksegen,Konfettiregen, Orient und Student

 

Wiener Musikverein                                                                                               01.01.2015

Innovativ statt traditionell – so gestalteten in diesem Jahr Maestro Zubin Mehta (der zum 5. Mal dirigiert) und die Wiener Philharmoniker  das Neujahrskonzert. Es stand im Zeichen der Technik und der Universität. Im schönen Goldenen Saal des Wiener Musikvereins regnete es dieses Mal sogar Konfetti.

Ein Winter-Vormittag. Begonnen wird mit der Ouvertüre zu Franz von Suppés Lustspiel „Ein Morgen, ein Mittag, ein Abend in Wien“. Ein flotter Einstieg. Ein bisschen klingt das fast wie Otto Nicolai, ist aber ein waschechter Suppé. Richtig, wie eine Ouvertüre klingen muss. Mehta setzt hier auf das richtige Tempo und die Gangart. Eine Hommage an den gebürtigen Inder bildet der zweite Walzer von Johann Strauss Sohn, „Märchen aus dem Orient“. Dieser wird sehr langsam und feingliedrig musiziert. Die Übergänge wirken ein wenig gebremst. Die Musiker achten sehr auf Genauigkeit. Dieser Walzer wurde von Strauss Sohn für den Sultan von Konstantinopel komponiert und trägt die Opuszahl 444. Durch die elegischen Mollpassagen führen die Philharmoniker sehr elegant.

Es folgt die Polka francaise von Josef Strauss „Wiener Leben“, die äußerst fein ziseliert und sehr lebhaft gestaltet wird. Man kann sich das bunte Treiben direkt vorstellen. Daraufhin servieren die Musiker von Josefs Bruder Eduard Strauss: „Wo man lacht und lebt“, eine reizende Schnellpolka. Pure Lebensfreude wird hier unter den Musikern spürbar, wo so mancher auch ins Schwitzen kommt. Besonders rasant, aber auf feine Genauigkeit achtend wird intoniert. Das synchrone Aufschwingen der Geigenbögen ist auch einen Blick wert.

Ein mit einigen rustikalen Motiven gespickter, sehr langer Walzer von Josef Strauss, die „Dorfschwalben aus Österreich“: Klarinetten (u.a. Daniel Ottensamer) und Oboen sowie Vogelgezwitscher sind hier sehr gefragt. Heftig bewegt, dann wieder im piano. Schön fließend und sanft legt sich die Melodie über die Instrumente, auch der Streichersatz kommt hier gut zur Geltung. Romantisch-verklärt und ländlich mit einem ernsthaften Einschlag ließe sich dieses Werk beschreiben, dem Josef Strauss richtiggehend (eigentlich für das Pianoforte komponiert) zu einem kleinen Meisterwerk verholfen hat. Auch eine Harfe hört man sehr gut heraus. Das Vogelgezwitscher kommt aber aus der Konserve und nicht aus der Natur, klarerweise. Interessante Apparationen werden dafür herangezogen, etwa eine Pfeife in Form eines Vogels.

Wieder eine sauber und trotzdem leidenschaftlich intonierte Schnellpolka „Vom Donaustrande“ von Johann Strauss Sohn. Einige Passagen erinnern fast an ein ganz leichtes Pizzicato, so fein sind sie gespielt. An einigen Stellen mit nobler Zurückhaltung, um dann wieder entfesselnden Klang zu bieten. Die Streicher (u.a. Erich Schagerl, Clemens Hellsberg) entlocken ihren Instrumenten hier besonders genau differenzierte Töne. An einen Strand erinnert dieses Werk aber eher nicht, auch nicht an Wellenrauschen. Möglicherweise gibt es eine gewisse Diskrepanz zwischen Titel und Werk.

Weiter geht es nach der Pause mit dem „Perpetuum mobile“, dem Musikalischen Scherz von Strauss Sohn. Das Fagott und die Oboe machen ihre Sache gut. und scherzweise schließlich von Maestro Mehta mit den Worten „et cetera, et cetera….“ abgebrochen. Das Publikum reagiert mit Applaus.

Der Accelerationen-Walzer von Strauss Sohn ist der Technik gewidmet von der die Strauss-Brüder ja sehr begeistert waren. Eduard und Josef aber mehr als Johann. Industrialisierung und Dampfmaschine: Dieses Werk klingt sanft und wenn man ganz genau das Orchester beobachtet, sieht man einen Geiger breit lächeln ob des lieblichen Tones, den er gerade spielt. In den oberen Reihen geben die Kontrabässe (u.a. Ödön Racz) alles. Dieser Walzer hat die Besonderheit, immer schneller zu werden und sich dadurch in den Weiten der Musik zu verlieren, man kann sich ein Tanzpaar vorstellen, das dazu immer schneller und schneller sich im Walzertakt dreht und sich quasi in den Augen des anderen verliert. Wer es weniger romantisch mag: Eine immer rascher in Bewegung kommende Maschine drängt sich als Denkfigur ob des Werkes auf.

Technisch geht es auch weiter: Mit der „Electro-magnetischen Polka“ von Johann Strauss Sohn. Am Anfang sehr leise und differenziert, geht es im Mittelteil schmissiger zu. Eine Denkfigur hierzu sind zwei sich anziehende und abstoßende Magneten.

Mit allerhand Gerätschaften, um auch monotone Geräusche zu erzeugen, macht man wieder bei Eduard Strauss „Mit Dampf“, einer Schnellpolka, Bekanntschaft. Da wird geraschelt, gedampft und herrlich musiziert. So schnell, dass man sich fast überschlägt.

Die Bewegung der Wellen imitiert schließlich der Walzer „An der Elbe“, ein langer, schöner Konzertwalzer. Dieser stammt von Johann Strauss Sohn. Dramatisch, fein.

Dem Dänen Hans Christian Lumbye, dem „Strauß des Nordens“, wird mit dem „Champagner-Galopp“ Rechnung getragen. Er wollte sich der Strauss-Dynastie musikalisch angleichen. Als kleines Bonmot serviert Zubin Mehta ausgewählten Musikern ein Glas des Schaumweins und gemeinsam wird es erhoben. Allerhand eigentümliche Apparaturen für den Klang werden auch hier verwendet. Eine kleine Gesangseinlage lassen die Wiener Philharmoniker nicht nehmen.

Die Studenten-Polka von Johann Strauss mit dem weit bekannten Motiv „Gaudeamus igitur“ folgt mit fröhlicher Weise. Der „Freiheits-Marsch“ von Strauss Vater, ist, nun ja, ein typischer Marsch. Aber nicht besonders „fesch“. Er hat recht leise Stellen.

Die allseits beliebte und bekannte „Annen-Polka“ (Strauss Sohn) widmet Zubin Mehta seiner Frau. Sie wird feingliedrig musiziert, aber nicht zu sehr aufgebauscht.

Nun der große Walzer mit Motiven aus der Operette „Wiener Blut“, „Wein, Weib und Gesang“. Sehr ausgedehnt, mit langsam getragenen, träumerischen Passagen, gewinnt er wenig an Schwung, aber hier ist das vollkommen in Ordnung.

Noch eine rasche Schnellpolka, dann ist auch schon der offizielle Teil (leider) beendet: Es folgt Eduard Strauss´ „Mit Chic!“, flott musiziert, ein selten gehörtes Kleinod.

Die „Üblichen Verdächtigen“ als Zugaben sind heuer nicht genug: Die „Explosions-Polka“, bei der vor allem die Trommel sich redlich müht. Am Ende gibt es einen großen Knall, und dickes Konfetti rieselt von der Decke des ehrwürdigen Musikvereinssaales. Eine gelungene Überraschung!

Donauwalzer (sehr schmelzend und fließend musiziert) und Radetzkymarsch (wobei Mehta das Applaudieren nach Rang getrennt bevorzugte) komplettieren das Konzert.

Der Goldene Musikvereinssaal war an diesem Vormittag mit üppigem Blumenschmuck der Wiener Stadtgärten (Anthurien, Rosen, Tulpen) versehen.

Ein Bravo allen Beteiligten! So fein akzentuiert musiziert!

-Martina Klinger-