Fresken, Myrthen, Maschera – Gediegen in das Neue Jahr – Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2018.

 

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Der Italiener Riccardo Muti dirigiert 2018 zum fünften Mal das traditionsreiche Neujahrskonzert aus dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Die Wiener Philharmoniker üben sich heuer in Gediegenheit und dem Glamour von Italianitá. Die Wiener Stadtgärten stellten auch in diesem Jahr den Blumenschmuck in weiß, apricot und zartrosé.

Als Auftakt wählt man heuer Operette. Genauer gesagt den sehr oft verwendeten Einzugsmarsch aus dem Zigeunerbaron von Johann Strauss (Sohn). Im 3. Akt der Erfolgsoperette kommt dieser zum Einsatz. Muti legt über das eigentlich zackige Stück eine Art „Puccini-Schleier“. Es klingt somit einmal ganz anders.

Mit einer Spieldauer von acht Minuten und dreißig Sekunden zählt der Walzer Wiener Fresken (op. 249) von Josef Strauss zu den längeren Stücken. Eine Herausforderung vor allem für Violinen und Blechbläser. Wohlklingend, aber auch ein bisschen „lang“.

Wieder aus Motiven vom Zigeunerbaron (Zsupans Auftrittscouplet mit Borstenvieh und Schweinespeck, sowie der Schatzsuche von Saffi, Barinkay und Czipra) „bastelte“ Johann Strauss Sohn den nächsten Beitrag: Die Polka francaise Brautschau (op. 417). Ein leicht irreführender Name für Operettenfans: Mit der zu verheiratenden Arsena, die „mindenstens einen Baron“ heiraten soll, hat dieses kleine Stück nichts zu tun. Zum Schluss lässt man noch gepflegt die Pauke hören. Dass der Dirigent damit nicht seine aller-hellste Freude hat, ist auf gewisse Weise spürbar.

Als Nächstes wendet man sich einem anderen Werk vom gleichen Komponisten zu: Und zwar der Operette Wiener Blut. Die Schnell-Polka hierzu heißt Leichtes Blut (op. 319). Inspiriert ist sie vom „Tanzen, Dudeln, Lachen“ und dem „Remasuri in Hietzing“. Leichtfüßig wird sie auch interpretiert. Hier schenkt Christoph Koncz (Violine) dem Dirigenten ein kurzes Lächeln.

Von Vater Strauss dürfen ja auch manchmal die Werke nicht zu kurz kommen, man erinnere sich an frühere Neujahrskonzerte: 2018 ist er mit dem Marienwalzer (op. 212) ebenso wie mit einer Bearbeitung der Rossini-Oper Wilhelm Tell vertreten.

Beim Marienwalzer regieren gleichzeitig die Elemente wie Drama und Klang, Instrumente antworten aufeinander, an manchen Passagen ein wenig zünftig mit Trillern sogar. Eine Spieldauer von neun Minuten und fünfzig Sekunden sorgt für Entzücken. Diesmal ist es Tibor Kovac (Violine – Stradivari Cremona 1724), der verschmitzt lächelt.

Der Wilhelm Tell Galopp (op. 29b) ist rasant. Von fein-zurückhaltend bis aufbrausend ist mit einer tollen Variation dieser Version alles dabei. Man hat das Gefühl, die Oper kann bereits losgehen. Das Tempo ist eher das Spezialgebiet von Riccardo Muti. Wilhelm Tell, der tollkühne Held, den man nicht nur von der „Apfel-Story“ her kennt. Gioacchino Rossini widmete diesem eine Oper. Strauss ging ans Werk und steuerte seinerseits einen hübschen Galopp aus Motiven bei. Keine unübliche Vorgangsweise.

Und wieder ist die Operette gefragt: Diesmal bedient man sich eines anderen Komponisten, Franz von Suppé mit Boccaccio. Die Ouvertüre ist ein treffliches Stückchen für ein Neujahrskonzert. 1879 in Wien uraufgeführt, hat „Florenz immer noch schöne Frauen“.

Floral wird es mit dem Myrthenblüten-Walzer (op. 395) von Strauss Sohn. Die ältere Schreibweise, heute würde man die Myrte ohne „h“ schreiben, ist der Zeit geschuldet. Der immergrüne Strauch wurde vom jungen Strauss gepriesen. Auch hier findet man das Talent zu leisen Tönen wieder, die aber viel Elan und Kraft hervorbringen.

Ein Komponist, der erstmals beim Konzert zu hören war, ist Alphons Czibulka. Czibulka war österreichisch-ungarischer Militärkapellmeister. Er war eine Art Mozart, schon als Kind ein „Wunder“. Seine Komposition, die Stephanie-Gavotte (op. 312), entstand zu Ehren Prinzessin Stephanie von Belgien, und ferner Kronprinz Rudolf. Ein edles Stück Geschichte.

Ein ganzer „Block“ ist darauffolgend wieder dem Strauss gewidmet, und zwar dem „Schani“.

Seine Freikugeln (op. 326) lassen sich besonders schnell abfeuern, das beweisen die Philharmoniker einmal mehr. Oft hört man das kleine „Gustostück“ in der Operette Wiener Blut. 

Gut, die Geschichten aus dem Wienerwald (oder Wiener Wald)  (op. 325), werden immer und immer wieder gespielt. Später wurde dieser Walzer auch mit einer sehr tragischen Thematik überzogen. Natürlich, an der Umsetzung, fein gespielt, und mit einer Solistin an der Zither (Barbara Leister-Ebner) kann man nichts aussetzen. Wunderbar – die Häufigkeit der Aufführung ist allerdings wiederum auffällig.

Zum Fest-Marsch (op. 452) bittet das Orchester hernach. Hier lässt Ödön Racz mit konzentrierten Blicken seinen Bogen über den Kontrabass (M.I. Stadlmann, 1781) gleiten. Was ein prachtvolles Musikstück, kurz und wirklich sehr, sehr gut.

Zur Polka Mazurka Stadt und Land (op. 322) hört man schon beinah, wenn man wieder tiefer in die Operetten-Kiste greift, den Grafen Balduin Zedlau aus Wiener Blut zu seiner Geliebten Cagliari singen: „Dann und wann muss man doch auch bei der Frau sein, siehst du das ein?“ Ganz hübsch akzentuiert, auch von den Violinen.

„In hohem Maß in Verdis Diensten“ begreift sich der junge Strauss bei seiner Quadrille Un ballo in maschera (op. 272). Jetzt wird es (viel) italienischer! Aufrüttelnd und mit viel Glanz fließt dieses Werk, die Musiker haben daran viel Freude.

Meiner Meinung nach ein Meisterstück des Konzertes –  Der große Strauss´sche Konzertwalzer mit viel Italianitá: Rosen aus dem Süden (op. 388). Etwas leise zwar fast, feiner geht es aber kaum!

Eine frische Schnellpolka: Eingesendet (op. 240) heißt es dann für eine (Brief-)Sendung vom jüngeren Bruder Josef Strauss. Auch ein entzückendes, kleines Stück, zu welchem sich ganz hervorragend tanzen lässt. Und ein köstlicher Muti, als wollte er in Richtung Violinen sagen: „Was ist denn nun? Senden wir schon? Che c è?“ Ein ganz ordentlicher Trommelwirbel wird am Ende noch als I-Tüpfelchen draufgesetzt.

Ein fröhliches Lachen des Dirigenten kündigt eine Zugabe an: Die hinlänglich aus der Strauss´schen Fledermaus bekannte Schnellpolka Unter Donner und Blitz (op. 240), die musikalische Präzision erfordert.

Und nun: Der Donauwalzer (op. 314), der durch die Version 2018 eine opernhafte und sehr italienische Note erhält. Eine Neuinterpretation, kann man beinah sagen. Ein ganz interessanter und feinnuanciger, anderer Blickwinkel. Man spürt das Rauschen, aber auf eine andere Weise.

Der Radetzkymarsch von Strauss Vater (1848 am Wasserglacis in Wien uraufgeführt) komplettiert das Konzert. Hier dirigiert Riccardo Muti das Publikum sehr präzise und macht dann die sehr italienische „Weg-Wisch-Bewegung“. Besonders edle Führung ist hier angesagt.

Vielleicht hätte man an der Zusammenstellung der Stücke etwas arbeiten können. Es war sehr Strauss-lastig, besonders für einen italienischen Maestro.

Ein sehr nobles und auf das Wesentliche reduziertes Konzert ohne große Überraschungen, mit sehr wirksamer Musik. Riccardo Muti als Dirigent, welcher das letzte Mal 2004 am Pult der Philharmoniker stand, betonte bereits, dass er keinen Klamauk mit spaßigen Einlagen machen wolle. Die Musik an sich beinhalte den Humor. Eine äußerst angenehme Sichtweise, muss es nicht jedes Jahr Lustbarkeiten geben. Variatio delectat.