Ein Bayer in Kärnten: Günther Maria Halmer bei den Ronacher KulturGastSpielen in Bad Kleinkirchheim

Das Hotel Ronacher ist bekannt für seine umfassenden herbstlichen KulturGastSpiele (Organisator: Günther Beelitz) mit berühmten Künstlern und Künstlerinnen. Eine autobiographische Lesung sollte es werden, in der Galerie des Fünf-Sterne-Hotels in Kärnten. Daraus wurde aber viel mehr.

Mit Günther Maria Halmer gab sich einer der individuellsten Schauspieler Deutschlands die Ehre, wollte aber nichts „lesen“. Nein, lieber frei sprechen und dabei das Leben erlebbar machen. Zu Anschauungszwecken nahm er das Buch aber doch in die Hand. Zugegeben: Eine „pure“ Lesung mit diesem Menschen wäre auch fad gewesen. Dieses Potenzial, darf man nicht schlummern lassen zwischen Buchseiten. Knappe zwei Stunden begab man sich gemeinsam mit Halmer auf eine abenteuerliche Reise durch seine Vergangenheit und Gegenwart. Was die Zukunft bringt, verriet er gleich zu Beginn: „Wäre ich ein Sänger, hätte ich für heute Abend absagen müssen, denn Sie hören es: Meine Stimme ist angeschlagen. Das liegt daran, dass ich gerade einen Film drehe, er trägt den Arbeitstitel Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen. Die Eichhörnchen verstecken nämlich Eicheln, Samen und Kastanien. Nur können sie sich nachher nicht erinnern, wo sie ihr Essen versteckt haben. Zu Ihrer Allgemeinbildung. Da spiele ich einen demenzkranken alten Mann, welcher barfuß durch den Park läuft und laut um Hilfe ruft. Ich musste oft rufen, weil es beim Film – wie Sie wissen – viele Einstellungen gibt. Nachbarn am Drehort wurden informiert, dass es sich um einen Dreh handelt und keine Gefahr droht.“

Geboren wurde Halmer am 5. Januar 1943 in Rosenheim. „1943 war kein gutes Jahr, um Kinder auf die Welt zu bringen.“ So steht es im Buch. Günther Maria Halmers Anfangsjahre waren nicht einfach. In der Schule fiel ihm Latein immer leicht, da er auch in der Kirche Aufgaben übernahm. Lateinische Gebete konnte er im Schlaf auswendig aufsagen. Auch musste er zum Beispiel immer ein goldenes Tablett unter das Kinn der Kirchenbesucher, die tabula halten, damit beim Einnehmen der Hostie auch keine Oblaten-Krümel auf den geheiligten Boden fielen. Auf diese Weise, meinte er, habe er „mehr Rachenmandeln, entzündete Hälse und belegte Zungen gesehen als jeder Hals-Nasen-Ohren-Arzt“.

Der Vater sah in ihm bereits einen Doppel-Doktor und Rechtsanwalt in seiner Heimatstadt Rosenheim in Bayern. Aber das wollte der junge Günther Maria Halmer nicht werden. Er hatte die Schule nicht so gerne, die Lehrer waren keine Vorbilder für ihn. Diese suchte er sich anderswo: Im Kinosaal. Heimlich sah er sich Filme mit seinen „Helden“ an: John Wayne, Burt Lancaster… Westernfilme und Werke mit starken Hauptdarstellern. Ein bisschen fühlte er sich dabei wie in Woody Allens Film „The Purple Rose of Cairo“, wo sich die Darstellerin in einen Kinohelden verliebt und er durch die Leinwand zu ihr kommt. Geld für das Kino bekam er durch kleine Schummeleien bei den Großeltern: Er bräuchte einen Radiergummi für die Schule, et cetera.

Er wusste lange nicht, was für einen Beruf er ergreifen sollte. Sein langer Weg führte ihn zunächst zur Bewerbung als Bankkaufmann in Rosenheim: Ausführlich beschrieb er dort die Lage und dass er sich nicht wohl fühlte. Sein Styling damals war nicht banktauglich: Glitzerjacke, Haartolle und Co. standen diesem Karriereweg wohl eher im Weg. Elvis Presley war zu einem Idol für ihn geworden (den er im Film „Liebe mit Lachfalten“ in seiner Rolle als Steffen Berger 2011 auch für einen Party-Auftritt lang darstellte) und er träumte von Musik und davon, ein umschwärmter Star zu sein. Sein gestrenger Vater erwischte Halmer einmal dabei, wie er in seinem Zimmer mit violettem Schal einen Rockstar imitierte. Mit einem Schlag war die erträumte Glitzer-Welt passé. So konnte es nicht weitergehen.

Eine weitere Station auf seinem Weg war das Militär. Dort erfuhr er als Erstes, dass man in Deutschland nicht „Okay!“ sondern „Jawohl!“ sagt, und nicht unbedingt die Wunschfrisur bekommt, die man möchte.

Die Hotelfachschule besuchte Halmer ebenso eher widerwillig. Er wollte gerne Filmstars am Empfang willkommen heißen, wurde stattdessen aber zum Kartoffelschälen geschickt. Abends aber zog er sich fesch um und ging in die Spielbank, hoffte, dort von reichen Damen angesprochen zu werden. Als man sein allabendliches Fehlen bemerkte, hieß es: Raus. „Fliegen kann jeder“ – bewahrheitet sich in diesem Fall somit auch.

Gelegenheitsjobs in Paris machten ihn, der seinen eigenen Weg finden wollte, ebenso nicht zufrieden. Winzige Zimmer und Campingkocher, da sagte er bald wieder: Rien ne va plus. Ein Freund verlautbarte, er würde nach Kanada gehen. In Quebec würde ebenso Französisch gesprochen. Halmer zögerte nicht und schloss sich an.

Lange Flugstunden waren zu absolvieren, irgendwann nachts landete er im Nirgendwo, wusste nicht wohin oder warum. Angekommen hörte er aus einer Baracke deutsche Lieder. Gelandet war er in einem Asbest-Bergwerk.

Als „Labourer“ schaufelte er Material, welches zu einem Asbest-Mehl verarbeitet wurde. Er dachte tagtäglich nach, und schwor sich, erst dann nach Deutschland zurückzukehren, wenn er wusste, welchen Beruf er ergreifen wollte. Er sagte, es sei keine sehr schlechte Arbeit gewesen, aber er war sich sicher, dass das nur eine Übergangslösung sei. Irgendwann wollte er dann „abhauen“. Bis jemand in der Baracke sagte: Ich gehe nach Hollywood und werde Schauspieler. Damit war auch Günther Maria Halmers Idee geboren. Schauspielerei! Das und nichts anderes!

Er flog zurück nach Deutschland, nicht ohne Acapulco mitsamt dem Helden Elvis zu würdigen (Er fühlte sich schon „wie er“.) Dort ging es für ihn zur Bewerbung an die renommierte Otto-Falckenberg-Schule zum Schauspielstudium. Er bat einen weisen Bekannten, ihm einige Theaterstücke zu nennen, die er proben könne. Da probierte er zum Beispiel einen alten Mönch aus, welcher ihm überhaupt nicht lag, wie er sagte.

Am Tag der Aufnahmeprüfung hätte Halmer aber glatt wieder „kalte Füße“ bekommen. Da standen ganz wilde Frauen und Männer, schrieen herum und benahmen sich sehr eigenartig. Dass das Teil der Vorbereitung auf die Prüfung war, schien in dem Moment unklar. Wer immer von der Bühne herauskam, wurde belagert: Was hast Du darstellen müssen? Eine junge Frau sagte: Eine Blume. Improvisieren musste ich. Was? Improvisieren? Das war eine „harte Nuss“. Der Rosenheimer konnte mit seinem laut eigener Aussage „käsigen Bayerisch“ den Hochdeutsch sprechenden Anwärtern scheinbar nicht nachkommen. Eine lateinische Grabrede überzeugte die Jury nicht. Haben Sie noch etwas? Und da fiel Halmer ein Lied ein, welches er mit der deutschen Kollegenschaft im Asbest-Bergwerk gesungen hatte. Er „performte“ mit vollem Körper-Einsatz. Rechnete sich aber keine Chancen aus.

Zuhause bei den Eltern saßen beide glückselig und aufrecht im Bett. Ein Brief von der Schauspielschule: Halmer war aufgenommen worden. Wie er sagte, einer der schönsten Tage in seinem Leben.

Noch während der Ausbildung gab er 1969 sein Debüt am Bayerischen Staatsschauspiel in München. Sein erstes Engagement führte ihn an die Münchner Kammerspiele. Am Theater in Oberhausen lernte er seine Ehefrau Claudia kennen, mit der er seit über 40 Jahren verheiratet ist.

Beeindruckende Szenen folgten, als er einige seiner Schauspielübungen von damals zum Besten gab: Alle noch im Kopf.

Die Schauspielkarriere startete für Günther Maria Halmer aber eher mit den bayerischen Paraderollen. Sein angeeignetes Hochdeutsch konnte er da eher nicht einsetzen. Regisseur Helmut Dietl holte ihn für die Rolle des Schlitzohrs „Tscharlie“ (Karl) zu den „Münchner Geschichten“. „Wer sich nix traut, wird nix im Leben!“, war der Wahlspruch dieses Charakters.

1979 folgte seine erste Kinoproduktion: „Lucky Star“. Die Rolle des Anwalt Abel in der gleichnamigen Fernsehserie 1988 brachte ihm viele Zuseher.

Auch Hollywood rief: In „Sophies Entscheidung“, einem US-Filmdrama aus dem Jahr 1982 spielte Halmer neben Meryl Streep die Rolle des Rudolf Höß. Neben Ben Kingsley war er in „Gandhi“ zu sehen.

Auch die seichtere, aber durchaus wichtige Schiene bediente Halmer im Lauf seiner Karriere: So bereiste er mit dem „Traumschiff“ etwa Mauritius, Namibia, Chile, Singapur und Kanada.

Unterhaltungsfilme mit Message sind ebenso eine Spezialität, der sich Günther Maria Halmer mit Leidenschaft widmet: Eine Sennerin zum Verlieben (mit Michaela May), Liebe hat Vorfahrt (mit Suzanne von Borsody), Plötzlich Opa (mit Max Felder), die Reihe „Die Nonne und der Kommissar“ und „Mein Nachbar, sein Dackel und ich“ (mit Ann Kathrin Kramer),  die italophile Komödie „Die Liebe hat das letzte Wort“ (mit Sabine Vitua) oder „Ein Drilling kommt selten allein“ (mit Thekla Carola Wied) sind nur einige zu nennende Titel.

Günther Maria Halmer erwies sich an diesem Abend als wortgewandter, lebhafter Erzähler, mit ernsten Untertönen. In seinen Erzählungen konnte man sich verlieren, als sei man selbst dabei gewesen.

Seine Autobiographie „Fliegen kann jeder – Ansichten eines Widerborstigen“ (erschienen bei C. Bertelsmann Verlag) widmet er seinen beiden Söhnen Daniel und Dominik.

 

Info:

zum Buch: https://www.randomhouse.de/Autor/Guenther-Maria-Halmer/p555576.rhd