"Vier Stern Stunden" der Münchner Tournee – in der Realität eine einzige Sternstunde!

Daniel Glattauers Komödie reiste mit der „Münchner Tournee“ der Komödie im Bayerischen Hof München bis nach Eisenstadt ins Burgenland. Vor vollem Haus spielten der aus Film und Fernsehen wohlbekannte Günther Maria Halmer und die beliebte Schauspielerin Janina Hartwig („Um Himmels Willen“) ein fabelhaftes Kammerspiel im Kulturzentrum Eisenstadt. Inszeniert hat Karl Absenger (bekannt von Operette und Komödie!).

Die „Sternstunden“: Das ist eine „hochkulturelle“ Veranstaltungsreihe inklusive Degustationsmenü und Podiumsgespräch im Kulturhotel mit wechselnden Stargästen. Ohne diese würde die Reihe niemanden hinter dem „Ofen“ hervorlocken. Und schon gar nicht das Hotel an sich! Das (echte) Saalpublikum wird zum Gesprächspublikum umfunktioniert. Der völlig überforderte Junior-Hotelchef und Kultur-Erbe muss jedoch Senioren von der Bridgerunde ins Publikum holen lassen und hat Angst, Reden zu halten. Der gealterte Starautor Frederic Trömerbusch setzt sich als Stargast widerwilligst auf die harten Hocker. Er soll mit der beflissenen Kulturjournalistin (Dr.) Mariella Brem eine Podiumsdiskussion über seine Werke führen. Sie wird ihm dabei viele Fragen stellen…. Trömerbuschs Lieblingsspruch: „TUE NIE DAS ERWARTBARE!“ Daran hält er sich. Er ist nicht allein: Seine Gefährtin Lisa, eine junge Bloggerin, mischt sich immer wieder in das für sie „todlangweilige“ Geschehen ein. Schlussendlich will sie einen Plan entwerfen, die Marketingschiene des Hotels zu übernehmen. Hotelerbe David-Christian Reichenshoffer soll das Kultur-Erbe seines Vaters fortführen. Doch eigentlich zieht er Fußballmatches und Bier der Hochkultur vor. Das bringt er auch lebhaft schreiend zum Ausdruck: „Ich hasse Kultur! Kultur war meinen Eltern wichtiger als die eigenen Kinder! Ich bin nur das nächste Glied in der Reihe, das Kultur weitertragen soll!“ Das Kur- und Kulturhotel (laut Angabe irgendwo in der österreichischen Provinz) hat zweifelsfrei schon bessere Zeiten gesehen. Das sieht man sofort auch an der kargen Ausstattung der Bühne. Eine Mitteltür, die zu dem spartanischen Kultursalon führt. Und das schlichte Hotelzimmer mit zwei auseinandergerückten Betten, wohin sich Trömerbusch mit Lisa zurückzieht, als das nicht gerade umjubelte Podiumsgespräch wegen Stromausfalls unterbrochen werden muss. Köstlich, als er seinen Polster im Fortgang des Interviews für die viel zu harten und hohen Hocker mitbringt und ihn notdürftig positioniert und dieser verrutscht.

Günther Maria Halmer zeichnet als Frederic Trömerbusch ein facettenreiches Bild und dabei hilft natürlich seine schauspielerische Erfahrung. Man merkt, wen man vor sich hat. Der ständig grantige Autor, der sich von der Welt unverstanden fühlt und das mit hartem Sarkasmus quittiert, ist eine Glanzrolle. Janina Hartwig ist superb besetzt als penible und pedantische Kulturjournalistin (hastet mit Büchern bewaffnet bis unters Kinn über die Bühne!), die jedes Wort von Trömerbusch im Kopf hat. Doch den interessiert das nicht. „Das ist von mir?“ fragt er einmal. „Natürlich, auf Seite 177.“ Sie beginnen leidenschaftlich zu streiten, sie nennt ihn „Trümmerbusch“ und fordert Aufmerksamkeit. Was für eine herbe Enttäuschung vorerst. Sie, die IHN so verehrt, und alles von ihm weiß. ER, der ihre „lächerlichen Fragen“ einfach wegwirft. Sogar der Hotelchef David-Christian (typisch und genial verkörpert von Florian Odendahl) hat nichts mehr zu melden bei den beiden, sie weisen ihn im Streit weg. Mit der jungen Lisa, die für Trömerbusch „ALLES“ ist (er umarmt sie zärtlich!) will es aber im Laufe des Stücks nicht mehr laufen. Daria Trenkwalder (die eine feine und sehr gut verständliche Sprache pflegt) alias Lisa schockiert zunächst, weil sie mit Niqab bekleidet die Kulturveranstaltung besucht. Von Reichenshoffer und Trömerbusch ignoriert und weggewunken, wird die vermeintliche Besucherin aus Abu Dhabi von Brem herzlich willkommen geheißen. Später erklärt sie, dass sie (experimentell) überall bei Veranstaltungen so auftaucht, um die Reaktionen der Gäste zu testen.

Das Körperliche ist immer wieder ein Thema zwischen Frederic und Lisa. Er will Romantik, sie will es schnell und gelegentlich. Sie sind eben zwei verschiedene Generationen. Rasch verdächtigt er sie der Untreue, als sie nicht mehr kann und will: „Wie alt ist er? 30? Ist er sportlich? Wie oft kann er?“ Auf dieses Niveau geht Lisa nicht ein, jedoch empfiehlt sie an anderer Stelle die kleinen, blauen Pillen. Worauf Frederic entnervt „Man kennt mich! Ich kann doch hier im Ort kein Viagra kaufen! Diese primitiven, synthetischen Pillen! Sonst muss ich der Apothekerin noch auf den Beipackzettel ein Autogramm geben!“ ruft. Das klingt fast verzweifelt, wenn es aus Trömerbuschs Mund kommt. Die Situationskomik eines ernsten Themas bringen Halmer und Trenkwalder gut rüber.

Nach der Pause überschlagen sich die Ereignisse. Reichenshoffer entschließt sich, die „Sternstunden“-Serie einzustellen. Mariella Brem wird also vom Juniorchef als Kultur-Fee entlassen! Entsetztes Gesicht bei Hartwig! Dann fasst sie sich aber und tritt ab wie eine Dame: „Dann gehe ich jetzt!“ Das Publikum leidet kurz mit. Aber, sie weiß so einiges nicht. Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Kündigung ist ihre Chance, Trömerbusch auf Augenhöhe zu begegnen, noch nicht vertan. Alle wirken nun befreit: Reichenshoffer reißt sich die „von Kultur verstaubte“ Krawatte nicht nur sinnbildlich vom Leibe, holt sich Bier aus der Hotelbar und schmeißt sich vor den Laptop, um ein Match zu schauen. Bald gesellt sich Lisa, getrennt von Trömerbusch, dazu. Auch ihre heimliche Leidenschaft ist Fußball. Die beiden einstigen Streithähne Trömerbusch und Brem finden sich in der Hotellobby/Bar bei Frank Sinatras „Strangers in the Night“, und entdecken, dass sie sich eigentlich gar nicht so fremd sind.

Ihre Gesprächsbasis zu fortschreitender Stunde, beschwipst von Wein (oder Himbeersaft?) sind Wörter mit den Vorsilben „ent-“ und „ver-“ und welche Wortgruppe den Vortritt bekommt. Sehenswert, wie Halmer und Hartwig sich durchlavieren, viel Applaus und Gelächter bei dieser Szene. Entlassen, Verlassen, Verzaubert, Entzaubert. Ent- sei eindeutig besser, so Trömerbusch.

Es kommt wieder zu einigen Streicheleinheiten, die Brem sichtlich genießt. Die „Paare“ finden sich in Harmonie, obwohl, nicht ganz: Zu Ende wollen der Hotelchef und Trömerbusch in den „Ring steigen“ und ballen die Fäuste (Wow!). Zum Kampf kommt es aber nicht, weil der Autor laut ausruft: „Tue nie das Erwartbare!“.

Eigentlich wenige Zutaten: Klischeehafter Hotelchef, sturer Autor, verklärte Journalistin und rebellische Bloggerin. Es braucht die richtigen Leute, um das umzusetzen. Das ist geglückt.

Ein Stern-Stunden-Abend der Stars im Burgenland.

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