Martina Ebm und Michael Dangl als Friderike und Stefan Zweig – Kultursommer Semmering 2021

Stefan Zweig – der deutschsprachige Schriftsteller, war einer der größten seiner Zeit. Er lebte von 1881 bis 1942. Mit seinen Eltern Moritz Zweig, einem jüdischen Textilunternehmer, und Ida Brettauer, Tochter einer Kaufmannsfamilie, wohnte er am Wiener Schottenring. Von 1920 bis 1938 war er mit seiner ersten Frau Friderike Maria Zweig, geborene Burger, einer Journalistin und Übersetzerin, verheiratet. Der Kultur.Sommer.Semmering unter Intendant und Pianist Florian Krumpöck widmet ihm einen Schwerpunkt als „Seelenwanderer“.

Aus seiner Feder stammen Werke wie die sehr bekannte „Schachnovelle“, „Die Welt von Gestern“, „Ungeduld des Herzens“, „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“, „Briefe einer Unbekannten“, „Der Amokläufer“, „Brennendes Geheimnis“ oder „Rausch der Verwandlung“. So viele höchst interessante Erzählungen er der Nachwelt hinterließ, so schlecht konnte er im Privatleben treu sein – oder bildlich gesprochen, „seinen Zweig ruhig halten“.

Die Schauspieler Martina Ebm und Michael Dangl, beide im Ensemble des Theaters in der Josefstadt, förderten feine Details aus dem Zusammenleben der Eheleute zutage – in Briefform. Nur Schriftstücke aus dem vorübergehenden Zusammensein (1919 – 1933) der Eheleute Zweig sind erhalten. Lediglich einseitig jene aus der Zeit des Kennenlernens oder der des Exils.

Die Solo-Flötistin Maria Fedotova und der Violinist Sebastian Gürtler schufen den musikalischen Rahmen und die Zwischentöne, die sich bei Zweigs abspielten. Im Programm des Kultur.Sommers ebenso angekündigt war die Cellistin Marta Sudraba, die sich jedoch nicht dazugesellte.

Seichte Liebkosungen und inniges Leid in Briefen

Eine ausführlichere Einführung in das historische Leben der beiden wäre essenziell gewesen, denn es wurde beinahe sofort in die Briefe „gehüpft“.

Launig war der überlieferte Verzehr eines köstlichen „Paprikaschnitzerls“ auf Stefans Seite. Ob da das Prädikat: „Literarisch wertvoll“ verliehen werden kann, angesichts seiner sonstigen schriftlichen Meisterwerke? Ein Zeitdokument! Niemand schreibt schließlich in persönlich – intimen Briefen im Stil eines hochtrabenden Literaten. Der Tenor: Dem Mann – Stefan (oder je nach Laune „Stefzi“) geht es „wie Gott in Frankreich“, während die Frau (oft: Fritzi oder nur „F“) sich mit „Haus und Hof“ und ihren Kindern beschäftigt, oder mit dem geliebten Haustier, das an kleinen Knochen zu ersticken droht, herumplagt.

Sie tut es gern, seufzt anfangs manchmal, will „Stefzi“ doch „bebend küssen“ und fühlt sich ihm unendlich verbunden, wenn sie nur sein „Oberhasi“ bleiben kann – „Unterhasis“ kann er haben. Und die nimmt dieser sich ohne falsche Scham: „Was haben Blonde doch für eine Frische!“ Neben seinen schriftlichen Tätigkeiten und seiner nachgeraden Reise-Wut widmet er sich sehr oft seinen körperlichen Bedürfnissen – machohaft würde man heute dazu sagen. Der Gänsebraten schmeckte ihm immer gut, frei nach dem Motto: Erst Verzehr, dann Verkehr. Nur wenn es zu heiß war an seinen Reisezielen, wurde auf „die Betätigung“ verzichtet, da sie „sonst etwas Unappetitliches“ angenommen hätte.

Und während „F“ sich ihren Mann anfangs mehr bei sich wünschte, später etwas weniger, holte er sich an immer entlegeneren Orten immer bessere Inspirationen. Er grüßte sie per Brief umso herzlicher und stellte fest „Was hast Du immer für eine Plage mit der Verwaltung“. Zweig lebte nach dem Krieg in Salzburg, wo er „kein inspirierendes Umfeld“ fand. Er forderte: „guten Mutes und bester Laune“ sollte „F“ sein, wann immer sie sich für ein Zusammensein verabredeten. Ein besonders eindrücklicher Satz von ihm: „Ich muss noch mehr reisen, damit ich Dich zu einer guten Korrespondenzverwalterin erziehen kann.“ – Gelächter, aber durchaus die Legitimierung für einen ernsten Hintergrund. Die Ehe der beiden leidet unter seiner Abwesenheit, Friderike sehnt sich nach Abwechslung – auch beruflich.

Der Mann erlebt – die Frau erbebt

Die duldsame Ehefrau, die sich vieles einfach gefallen lässt, weil sie eben so viel Gefallen an ihrem Stefan findet, wird von Martina Ebm mit Herzblut dargestellt. Immer wieder schweift ihr ausdrucksstarker Blick bestimmt, aber auch auf gewisse Weise hilfesuchend als „F“ durch den restlos ausverkauften Waldhof-Saal des Südbahnhotels am Semmering. Ihre Romantik bleibt. Bis zum Schluss, wo Zweig sie – schwer depressiv – in seinem Abschiedsbrief wissen lässt: „Meine schwarze Leber….nun wisse mich frei und glücklich.“

Man mag interpretieren, dass keine seiner beiden Ehen, keines seiner Reiseziele ihn vollends beglückt haben mag. Der dramatische Hintergrund, seine Flucht vor dem nationalsozialistischen Regime bis nach Brasilien wird deutlich – er starb an einer Überdosis des Schlafmittels Veronal. Zweig wurde am Cemiterio Municipal in Petropolis bei Rio de Janeiro beerdigt. Mit in den Tod folgte ihm 1942 seine zweite Ehefrau, Charlotte. Seit 1934 lebte er von Friderike getrennt. Zweig hielt einen Doktortitel, der ihm aufgrund seiner jüdischen Abstammung vom NS-Regime aberkannt wurde – 2003 wurde dies seitens der Universität Wien durch einen Senatsbeschluss für nichtig erklärt. Michael Dangl zeichnet das scheinbar leichte Lotterleben des Zweig (viele außereheliche Vergnügungen und literarische Ergüsse) mit spürbarer Lockerheit und ernsthaften, eindringlichen Forderungen nach.

Musik, die in Ohr und Herz dringt

Maria Fedotova, Sebastian Gürtler

Nicht nur gesprochenes Wort: Die Musik spielt eine ebenbürtige Rolle. Flöte und Violine liefern den „Soundtrack“ zur tragischen, recht einseitigen Liebesgeschichte. Mit Fantasie kann man die Flöte (von Maria Fedotova, Soloflötistin am Mariinsky-Theater St. Petersburg) der Weiblichkeit „F“ zuordnen und die Violine (von Sebastian Gürtler, Musiker beim Alban Berg Ensemble Wien und ehemals Konzertmeister des Volksopernorchesters Wien) dem männlichen Teil „Stefan“. Aus Béla Bartóks „44 Duos für zwei Violinen“ (hier für Flöte und Violine) wird ausgewählt. Diese besitzen unterschiedliche Schwierigkeitsgrade von leicht bis sehr schwer. Sie sind für ihre unterschiedlichen Rhythmen und zahlreiche Dissonanzen bekannt. Es geht vom „Neck-Lied“ bis zum „Transsilvanischen Tanz“. Das Auf und Ab, das Entfernen und Annähern der Eheleute kann durch diese sehr gut zur Geltung kommen. Direkt aggressive wechseln mit zarten Passagen. Die Auswahl umfasst etwa das „Scherzlied“, das „Spottlied“, den „Polstertanz“, das „Heuerntelied“ und den „Serbischen Flechttanz“.

Historisch bis modern – die aufreibende Liebe zwischen Flöte und Violine

Die Liebe ist nicht gleichförmig. Zu den modernen Kompositionen, die diese Lesung einrahmen, zählt „Digital Love“ des estnischen Komponisten Peeter Vähi, welche Maria Fedotova auch schon in St. Petersburg mit Vladislav Pesin gemeinsam an der Violine gespielt hat. Dieses Stück erzählt von modernen Formen der Liebeskorrespondenz. Oder der „Ländler für Violine“ von Hans Werner Henze. Der in Kaunas in Litauen geborene Arvydas Malcys schuf die Komposition „Lost in Desert“ für Flöte.

Manchmal ist also die Liebe eine Neckerei, sie kann digital blühen oder analog, manchmal fühlt man sich beschwingt, oder aber „verloren in der Wüste“. All das wird abgebildet.

Eine perfekte Location für Zweig – im Südbahnhotel am Semmering

Das Südbahnhotel am Semmering, welches auch der echte Stefan Zweig beehrte, bietet den perfekten historischen Rahmen für diese Ausführungen: Der Übergang von der Natur zu den großen Glasfronten und Terrassen ist fließend, wie eine Art Märchenschloss, das die gesamte Hocharistokratie zur Sommerfrische lud. Schöner geht es für eine solche musikalische Lesung nicht. Im Anschluss empfingen die Spitzenköche Leo Doci und Gerald Jeitler (zwei Hauben) vom Restaurant Bevanda die Gäste zu einem exklusiven Menü – thematisch gesehen bis an die kroatische Adria.

Maria Fedotova, Sebastian Gürtler, Martina Ebm, Michael Dangl
Schachbrett Südbahnhotel
Gäste auf der Terrasse des Waldhofsaals
Schlussapplaus

Das gesamte Programm des Kultur.Sommer.Semmering (bis 05. September) finden Sie hier Der Kultur.Sommer.Semmering 2021 – Das Programm – Ausblick auf Gediegenes & Aufregendes – musikalisch, dichterisch, kulinarisch und hier mit Preisen und Daten: Kultur.Sommer.Semmering 2021 (kultursommer-semmering.at)

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