Rezensionen SPRECHSTÜCK

Hier finden Sie Rezensionen von tollen Sprechstücken in Wien und international

SommerBühne (4): They don´t Destroy Nestroy – Kobersdorf

Schlossspiele Kobersdorf.Burgenland                                                                                                Juni 2014

Die Schlossspiele in Kobersdorf – ein kleines, aber feines Festival, das sich dem Sprechtheater verschrieben hat – werden von Intendant Wolfgang Böck, übrigens begeisterter Motorradfahrer – geleitet. Seit dem Jahr 1972 spielt man Theater – auf Initiative der Gemeinde, um den Fremdenverkehr zu beleben. Das Konzept ging auf, und heute ist das Festival erfolgreich.

Heuer spielt man einen Nestroy- Klassiker: „Der Zerrissene“. Die Regie hat Christine Wipplinger inne. Sie macht aus dem Stück einen temperamentvollen Abend, der mitunter unter die Haut geht. Auch Musik spielt eine, wenn auch kleinere Rolle. Andreas Radovan hat hier den Vorsitz und passt die Tempi entsprechend der Tragik des Stückes an.

Böck selbst lässt es sich nicht nehmen, mitzuspielen. Das ist gut so. Er mimt den Gluthammer, wörtlich mit viel Glut, er legt sich richtiggehend ins Stück hinein. Wolf Bachofner, bekannt aus Serien wie „Kommissar Rex“, ist auch mit von der Partie.

Es werden viele Szenen auf den Arkaden des Schlosses Kobersdorf gestaltet. So wird der Spielort auch gleich mit eingebunden.

-MK-

 

Links:

http://www.schlossspiele.com

 

 

 

SommerBühne (1): Griechische Mythen in Laxenburg

Theatersommer. Laxenburg                                                                Juni 2014

Intendant Adi Hirschal setzt auf eine Komödie. Man spielt hier, an einem beliebten Sommerfrische-Ort, eine ebensolche. Unterhaltsame, leichte Sommerkost erwartet das Publikum.

„Die schöne Helena“, erdacht von Susanne F. Wolf, sehr frei nach Jacques Offenbach, hält hier Hof. Der Intendant in der Rolle des Homer, Barbara Kaudelka als die Göttin Venus matchen sich um eine Auftragsarbeit. Das geht nicht lange gut. Schicksal und Weissagungskraft sind die Themen, aber auch die Liebe mischt mit.

Die eigentlich aus dem Kinderfernsehen bekannte Sigrid Spörk gibt die Helena. Das macht sie etwas outrierend, aber es passt gut zur Rolle. Valentin Schreyer will sie als Prinz Paris kennenlernen und ringt um ihre Liebe. Das Publikum darf sich auf eine traditionsreiche Komödie, auch als Operette mehrfach gespielt und verfilmt, einstellen.

Das Bühnenbild ist, sagen wir, sommerlich. Blaue Hintergründe dominieren. Reduziert präsentiert sich die Franzensburg und wirkt auch auf eine harmonisch integrierte Weise im Stück mit. Nur die Musik (Sascha Lackner) ist gar ein wenig schmalzig. Aber stimmig.

-MK-


Tito Merelli darf nicht platzen..

Theater Akzent.Wien                                                                                                März 2014

Im Theater Akzent fand eine Neuinszenierung des Ken Ludwig-Klassikers Othello darf nicht platzen ihren Platz. Diese Komödie hat bereits eine berühmte Vorgabe (mit Otto Schenk in den Kammerspielen der Josefstadt), der sie an diesem Abend aber nicht nacheifert. Und das ist auch gut so. Denn es ist eine eigenständige Produktion. Witzig und unterhaltsam präsentiert sich dieser berühmte Opernsänger Tito Merelli („Lo Stupendo“ genannt), der den Othello im Stück geben soll und von Befürchtungen, das Stück könnte rassistisch sein, am Premierenabend keine Spur.

Interessant ist der Hinweis auf der Website des Theaters Akzent:

„Das Theater Akzent weist darauf hin, dass die inhaltliche Verantwortung für das eingemietete Stück »Otello darf nicht platzen« ausschließlich bei den durchführenden ProduzentInnen liegt. Das Theater Akzent distanziert sich von allfälligen politisch unkorrekten, nicht mehr zeitgemäßen Darstellungsweisen.“

In dieser doch recht bunten, actionreichen Komödie finden sich als Darstellende Thomas Weissengruber, Georg Leskovich, Marika Lichter, Marjan Shaki, Ann Mandrella, die allesamt ihre Figuren sehr effektvoll zeichnen. Und natürlich muss der Hauptdarsteller sein Haupt auch schminken. Denn sonst wäre das Stück nur die Hälfte von dem, was es ist.

-Martina Klinger-

 

 

 

 

Ui, nicht aufhaltsam

Volkstheater.Wien                                                                                                     21.02.14

Bert Brecht sprach schon im Jahr 1934 mit Walter Benjamin und verriet, dass er sich mit einem neuen Stück trage. Er brauchte wohl einige Jahre Bedenkzeit, denn er  verfasste erst 1941 eine „Historienfarce“, die er als Warnung gegen jedwede Diktatur verstanden wissen wollte.

Im Wiener Volkstheater wird am Premierenabend Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui zu einer Demonstration von Macht und wie sie ins Groteske abgleitet. Mit Maria Bill in der titelgebenden Rolle des Stückes hat sich das Theater einerseits sehr viel vorgenommen, andererseits wieder viel umgesetzt. Denn Bill spielt schonungslos. Sie schont niemanden, nicht das Publikum und nicht sich selbst. Es ist zugegebenermaßen ein herber Stoff eines herben Stückes. Die Regie von Michael Schottenberg ist insofern zielführend, als dass niemand wirklich aufhaltsam behandelt wird. Eher flott, resch und nicht sonderlich zögerlich. So bekommt das Stück Tempo, das an manchen Stellen nicht unpassend wieder herausgenommen wird. Die Bühne von Hans Kudlich ist geprägt von blau beleuchteten, kalt wirkenden Steinwänden und Special Effects wie Nebel treten auf.

Ganz bestimmt unterschieden werden muss laut Autor zwischen politischen Verbrechern und den Verübern politischer Verbrechen. Diese Trennlinie wird im Stück zwar wenig herausgearbeitet, dennoch gibt es eine stringente Handlung. Man muss Bert Brechts Stil nicht mögen, um die schauspielerischen Leistungen dieses Abends zu würdigen.

Die Züge von Al Capone, die der Hauptfigur ebenfalls immanent sein sollten, sind auf jeden Fall vorhanden, mag vermag es zu interpretieren. In weiteren Rollen sind sehr echauffiert Inge Maux, souverän Patrick O. Beck und Christoph F. Krutzler, bestimmt und herrisch Matthias Mamedof, man möchte sagen, ein Jungstar des Volkstheaters, und routiniert Rainer Frieb zu sehen.

-Martina Klinger-

Links:

http://www.volkstheater.at

Ein Quartett, gespielt zu zweit

Theater in der Josefstadt.Wien                                                                                                                    06.02.14

Wenn in der Liebe die Wogen hochgehen, sind oftmals die Umstände interessant. Wie kommt es dazu, dass sich die (Ex)-Partner duellieren? Doch Autor Heiner Müller bricht den von Pierre De Laclos verfassten Briefroman „Les Liaisons dangereuses“ (zu Deutsch: „Gefährliche Liebschaften“) herunter. Er möchte ein Porträt der beiden Hauptfiguren bringen. Entstanden ist daraus das Stück „Quartett“ (Regie: Hans Neuenfels), das Donnerstag im Theater in der Josefstadt Premiere hatte.

Mit zwei profunden, erprobten Hauptdarstellern kann die Josefstadt aufwarten: Helmuth Lohner und Elisabeth Trissenaar (Hausdebüt) geben das nunmehr einander entfremdete Paar. Es herrscht kein Funken Leidenschaft mehr zwischen Valmont und der Marquise de Merteuil. Was wollen sie dann noch, wenn nicht gegenseitige Liebe? Die Antwort scheint auf den ersten Blick einfach: Die Seelen anderer dafür verantwortlich machen, Menschen instrumentalisieren. Drangsalieren. Doch ganz so einfach, wie sich das anhört, ist es nicht. Die beiden treiben mit jedem ihrer selbst ausgewählten „Gegenspieler“, die ihnen traurigerweise auch noch in manchen Fällen vertrauen, ein abgekartetes Spiel. Ein Exempel sei Merteuils Nichte Cécile, die auf Wunsch ihrer Tante von Valmont verführt werden soll. Mit Akribie versetzt sich Lohner in die ihm zugeteilte(n) Rolle(n), mal laut donnernd, mal leise, hämisch, ja sogar zärtlich wagt er sich stellenweise auf das Terrain des Liebhabers.Dann wieder auf jenes des kaltblütigen Seelenquälers. Denn die Schwierigkeit dieses Abends liegt ganz klar in der Vielseitigkeit, die beide Darsteller in diesem Zwei-Personen-Stück hervorzukehren wissen.

Trissenaar versucht sich ebenfalls in der diabolischen Gleichgültigkeit, die die Marquise an den Tag legt. Ohne mit der Wimper zu zucken macht sie Menschen auf perfide Weise zu ihrem Instrument. Dieses setzt sie sogar gegen Valmont ein, um wiederum ihn zu quälen. Sie kann ihr gestisches und mimisches Repertoire ausspielen. Stellenweise kann sie Lohner als Valmont nicht ganz das Wasser reichen. Die leisen Intrigen, die im Laufe des Abends geschmiedet werden, versteht ihre Marquise aber meisterlich durchzubringen.

Die Regie  kann klarerweise nicht überall, wo sich zwischen Mann und Frau die Abgründe der Seele auftun, dazwischengehen. Aber der Regisseur versteht es, die Rollen auf sanfte wie auch auf grobe Art leiden zu lassen. Manchmal hat man das Gefühl, es entwickle sich eine gewisse Eigendynamik, was durchaus an dem in dieser Rolle schier über sich hinauswachsenden Lohner liegen kann. Denn der Mann beherrscht nicht nur seinen Text. Sondern an diesem Abend auch die karg gestaltete, aber effektive Bühne.

-Martina Klinger-

Links:

http://www.josefstadt.org

Ein paar Fleischklopse erobern New York City

Kammerspiele der Josefstadt.Wien                2013

In CHUZPE nach einem Roman von Lily Brett, sind Otto Schenk und Sandra Cervik mit innovativen Ideen, aber auch haarsträubenden Neurosen beschäftigt.

Im Jahr 2005 verfasste Lily Brett den Roman: You gotta have balls. Auf Deutsch wurde dies übersetzt mit Chuzpe. Die österreichische Erstaufführung feierte in einer Bühnenfassung von Dieter Berner an den Wiener Kammerspielen Premiere.

An diesem Abend bleibt wirklich kein Fleischbällchen auf dem anderen. Otto Schenk als Edek und Sandra Cervik als seine hypernervöse Tochter Ruth bringen die Abgründe ihrer Figuren deutlich hervor. Cerviks Ruth agiert so, wie sie agieren muss: Bei jeder neuen Idee ihres Dad hyperventiliert sie förmlich, und auch die beiden Polinnen als Gehilfinnen ihres Vaters lassen sie keinesfalls kalt. Laut, wie sie sein muss, aufgeregt, verständnislos für die Gehirnflausen eines Siebenundachtzigjährigen, der in New York die Fleischklopsbude seines Lebens eröffnen will.  Die „nur“ sieben oder acht Tische, die das Restaurant haben soll, stören sie schon gewaltig. Nebenbei lehrt er auch seine Tochter durch seine unkomplizierte Lebensführung eine Lektion. Schenk als Edek beherrscht die leisen, melancholischen, durchaus auch gewitzten Töne. Er versteht es, seine Tochter zur Weißglut zu bringen, ohne sie zu verletzen oder sie zu belügen.

Sehr interessant auch die beiden Polinnen (Grazyna Dylag und Gabriele Schuchter), die von der Idee Edeks begeistert sind und sofort, ohne Ruths Einverständnis, mitmachen wollen. Es ist ja auch sein gutes Recht, warum soll ein geschäftstüchtiger Mann nicht loslegen und seine Träume verwirklichen?

Wie Schenk es schafft, dermaßen in die Rolle einzusteigen, ist schon beeindruckend. Er spielt sich durch sein gestisches Repertoire. Cervik ist ihm allerdings in ihrer Rolle ebenbürtig, versucht gleichzeitig aber nicht, ihn zu übertrumpfen. Sie zeigt ausgewogenes, angemessen nervöses Spiel.

Die Quintessenz der Geschichte? Hör nie auf, anzufangen.

-Martina Klinger-

Links:

http://www.josefstadt.org