Gespräch

Sommergespräch #7: Sandra Cervik und Herbert Föttinger im Gespräch mit Florian Krumpöck beim Kultur.Sommer.Semmering

Die beiden bekannten Persönlichkeiten plauderten im Südbahnhotel am Semmering/NÖ aus dem „Nähkästchen“, was ihre Berufung betrifft, auch Ernstes wie der Verfall von Sprache und Kultur kam zur Sprache. Intendant Florian Krumpöck, Pianist und Leiter des Kultur.Sommer.Semmering, begrüßte sie stilvoll im Ambiente des Grünen Salons.

Sie ist Kammerschauspielerin, Ensemblemitglied am Theater in der Josefstadt in Wien und Dozentin am Max Reinhardt Seminar, er ist Theaterdirektor der „Josefstadt“ und Schauspieler sowie Regisseur (auch Oper). Das Ehepaar Sandra Cervik und Herbert Föttinger prägt die österreichische Kulturlandschaft. Als Entscheidungsträger über Stücke und Ausführende auf der Bühne verfügen sie gleichermaßen über viel Erfahrung sowie Leidenschaft für diese Kunst. Wer genauer hinsieht, sieht energiegeladene und dynamische Menschen, die sich für ihr Metier einsetzen.

Was für eine persönliche Beziehung sie zum Semmering haben? Sandra Cervik kennt die Villa Olga gut und war als kleines Mädchen mit ihrer Mutter auch im Südbahnhotel schwimmen – es gab damals ein Schwimmbad. Herbert Föttinger verbindet mit der Gegend das Hotel Panhans und den „Fünf-Uhr-Tee“. Kennengelernt haben sich die beiden 1997 in Reichenau an der Rax.

Wie wird sich das Theater entwickeln, in einer Zeit, wo Netflix und das Starren auf das Smartphone (das Sandra Cervik anschaulich darstellt) immer mehr gelten? Wo die Leute auch nicht mehr viel miteinander reden, sondern sich lieber schreiben? Dass sich Leute auf den Bühnenbrettern emotionalisieren lassen, von Vorgängen und Konflikten und ein Abbild des (realen) Lebens betrachten möchten, das wird es immer geben, meint Herbert Föttinger.

Was sind Beweggründe für junge Leute, sich am Reinhardt-Seminar zu melden? Es gibt Leute, so Cervik, die wollen mit wenig Vorkenntnissen (Stichwort Shakespeare – sie arbeitete mit einem Studenten und er wusste fast nichts über den Dichter) schnell eine tolle Karriere machen und oft „nur“ zum Film, weil „das alle tun“. Der Grundgedanke ist: „Dann werde ich ein Star und bin im Fernsehen.“ Man sieht es und denkt, das will ich auch. Dabei werden oft nicht die Disziplin und die Arbeit (auch am Körper) berücksichtigt, die notwendig sind. SchauspielerIn wird man nicht von heute auf morgen. Das Medium Film unterscheidet sich grundlegend vom Theater. Unendliche Wiederholungen und Einstellungen von Szenen sind beim Film möglich. Man muss auch nicht seinen vollen Text können. Am Theater ist alles „live“, es gibt keine Wiederholungen oder „Takes“ (außer vielleicht Da-capo in der Oper, obwohl das auch von einigen nicht gerne gesehen wird, da es die Geschichte stört).

Den beiden Künstlern zuzuhören ist ebenso spannend wie inspirierend. Man bemerkt die „schöne Sprache“ und die wohlüberlegten Ausführungen.

Föttinger hat ein besonderes Herz für österreichische Dichter und propagiert auch im Haupthaus 2019/20 nur österreichische Stücke zu spielen (außer Tschechovs „Kirschgarten“). Nestroy und Raimund sind Unterhaltung mit Tiefsinn und Gesellschaftskritik aus früherer Zeit. Heute muss man das anders auf die Bühne bringen, damit es die Menschen anzieht und interessiert. Jüngstes Beispiel ist „Der Bauer als Millionär“ in der Spielzeit 2018/2019 des Theaters in der Josefstadt. Da gibt es eigentümliche Namen wie den Bauern Wurzel, oder bei Nestroy den Schlosser Gluthammer, die allesamt „ein wenig“ Berufsstand und Ironie transportieren.

Föttinger sagt auch, wenn er als Opernregisseur von „Rigoletto“ (Verdi – übrigens in Originalsprache) den Hofnarren mit Narrenstab und Halskrause auftreten lassen würde, würde das ein historisches Abbild, ein Bilderbogen, aber heute so nicht mehr auf der Bühne durchzuführen sein. Cervik lobt selten ihren Ehemann, wie sie sagt, aber jetzt tut sie es: Er will eine klare Personenführung anstreben. Man soll wissen, wer aus welchem Motiv was tut. Nicht in jeder Inszenierung sei das ersichtlich. Herbert Föttinger führt aus, dass jeder Gesang, jede Zeile einen Sinn hätte. Warum die Figur gerade das singt. Dem Opernbesucher mag dies klar sein, einem Laien ist ein 3-stündiger Operngenuss vielleicht unverständlich. Aber sind wir deshalb so weit, dass wir eine barrierefreie Sprache und Oper herstellen müssen? Versteht man eine komplexere Handlung mit mehreren Personen involviert, nicht mehr? Muss es á la „Hofnarr – Intrige – Stich – Sack – Gilda tot“ sein? Ein „Blockbuster“, wie Föttinger sagt.

Die beiden meinen dazu, dass der Verfall von Sprache auch durch die digitale Welt entstehe: Hier SMS, dort „Emojis“, die kurz und knapp anzeigen, wie es mir geht. Kein Schnitzler, kein Hofmannsthal, kein Nestroy „hätt´ so geredet“. Das sei schade, Sprache und altes Kulturgut müsse man erhalten. Mit den dunklen Jahren in Österreich 1938 sei auch etwas ganz Wichtiges verschwunden: Der jüdische Witz und der Humor.

In der Schule sei es so, dass zwischen viel moderner Literatur gerade mal so ein bisschen Werther oder Bert Brecht auftauchen würde. Das Gefühl für die Sprache wäre so wichtig.

Was ist mit Schauspielern vom Theater in der Josefstadt, die immer wieder Abstecher in Film und Serie machen? Abwechslung? Wie besprochen gelten andere Regeln bei Film und Serie. Öfters wären Soaps und Serien nicht sonderlich anspruchsvoll, nach dem Motto: „Kann ich ein Bier haben? – Nein!“ Am Theater firm zu sein, helfe Darstellern bei guten Serien enorm bei Sprache, Gestik und Mimik. Cervik verrät, dass sie Darstellern sofort ansehe, wenn sie keine Schauspielausbildung hätten. Wenn man sie, Cervik, etwa in den „Vorstadtweibern“ (ORF-Serie) als Helga Pariasek „Jetzt haben wir sie, die gesamte Regierung…vor allem den schönen Berti….Jetzt sag´ nicht, dass er Dir leid tut!“ sagen hört, klingt das profund. Oder wenn Josefstadt-Ensemblemitglied Michael Dangl in SoKo Kitzbühel die ermittelnden Beamten tief timbriert bittet: „Machen Sie mit mir, was Sie wollen.“ Man merkt die professionelle Ausbildung gleich.

Sandra Cervik und Herbert Föttinger lieferten eine höchst interessante und unterhaltsame Konversation am Semmering. Es folgte eine Lesung der beiden von Schnitzler-Briefen (zwischen ihm und Adele Sandrock).

Ihre nächsten Projekte spannen den Bogen über das Theater in der Josefstadt (zum Beispiel „Das Konzert“ mit Cervik als Marie und Föttinger als Gustav Heink) bis hin zum Gärtnerplatztheater in München, wo Föttinger ab Januar 2020 „Rigoletto“ inszenieren wird.

Info:

http://www.kultursommer-semmering.at

http://www.josefstadt.org

Sommertalk (6): Konstruktives Gespräch – Ioan Holender mit Kulturexpertinnen

Auf Schloss Leopoldskron, wo früher der Schauspielchef der Salzburger Festspiele Max Reinhardt residierte, fanden die Salzburger Festspielgespräche statt. Unter der charmanten und fordernden Moderation von Ioan Holender trafen sich Dr. Hedwig Kainberger, Ressortleiterin für Kultur bei den Salzburger Nachrichten und mehrfach ausgezeichnete Kulturjournalistin, und Bettina Hering, die Schauspielchefin der Salzburger Festspiele anno 2017. Diese gestaltet in enger Abstimmung mit Festspielintendant Markus Hinterhäuser das Programm.

Die Festspiele warten unter anderem mit „Lulu“ (Alban Berg), „Wozzeck“ (ebenso Berg) oder dem naturalistischen Drama Rose Bernd (Gerhart Hauptmann) auf. Der Jedermann, wie betont wird, ist natürlich singulär. Holender betont aber auch, dass dieser „nie ein wirklich erfolgreiches Stück“ gewesen sei, außer natürlich bei den Salzburger Festspielen. Bettina Hering spricht über Kooperationen mit Institutionen wie dem Wiener Burgtheater oder der Wiener Staatsoper in der Vergangenheit. Unter anderem habe man „Die tote Stadt“ nach Salzburg gebracht.

Holender meint, dass dabei immer Salzburg im Genre „Oper“ das berühmte Recht der ersten Nacht hätte. Er fragt sehr hartnäckig und dabei feinsinnig nach, ob es denn „selten oder nie“ vorkäme, dass Produktionen bei den Festspielen wiederaufgenommen werden. Doch, bekommt er Antwort, das wäre natürlich schon eine Option. Zum Beispiel wurden Werke von Andrea Breth schon wiederaufgenommen.

Dr. Kainberger fragt der charmante Ex-Staatsoperndirektor, ob sie wiederum den „Jedermann“ als ein gutes Stück bezeichnen würde. Sie antwortet: „Der Jedermann ist eigenwillig, er hat eine faszinierende Sprache. Die Sprache ist überhaupt das Element. Der Jedermann stellt eine wichtige Frage in unser aller Leben: Wie sterben wir gut?“. Die Kulturkritikerin hält die Neuinszenierung mit Tobias Moretti und Stefanie Reinsperger unter der Regie von Michael Sturminger für gut. Die Texteinstellungen wären sehr mutig.

Mit eine zentrale Fragestellung in diesem Salzburger Festspielsommer: Wieso will die Menschheit immer wissen, wer Jedermann und wer Buhlschaft darstellt? Ist das so wichtig? Es gibt immerhin eine eigene Pressekonferenz, um die beiden Hauptdarsteller vorzustellen. Dr. Kainberger antwortet: „Für „uns“ als Kulturkritiker ist es nicht so zentral wichtig. Aber: Der Jedermann steht für uns alle, und es ist ein Lehrstück, die Tischgesellschaft, das sind doch wir alle, die wir im Leben stehen.“

Der Jedermann habe die Aufgabe, mitzuteilen, dass man nie alleine sei. Auch wenn niemand bei einem ist. Und, Ioan Holender möchte noch etwas Wichtiges wissen: Was passiert denn nun, wenn der Hauptdarsteller des Jedermann, (in diesem Fall Tobias Moretti) krank wird? Ja, dann, meint Bettina Hering, dann „fällt die Vorstellung aus“. Warum? Könnte man denn nicht in Ausnahmefällen Cornelius Obonya wieder holen? Nein, es gibt nur einen Jedermann-Darsteller im Jahr, und der steht wie schon gemeint für die Allgemeinheit. Deshalb geht ein Ersatz nicht durch.

Wäre es nicht auch eine Option, einmal fremdsprachige Stücke bei den Salzburger Festspielen aufzuführen? Ja, natürlich, aber die Damen sind sich unter dem wachsamen Blick von Holender sicher: Wenn das Konzept stringent ist, dann kann das sein.

Ein stringentes Konzept, damit sind alle zufrieden.