Niveauvoll und wienerisch: Der CIMA Wiener Klassik Wettbewerb 2019

Das Organisationsteam aus Daniel Auner, MA, Mag. Tymur Melnyk, Tracy Liu Wen, BA und Mag. Barbara de Menezes Galante Auner stellte wieder einen fulminanten Klassikwettbewerb auf die Beine, das Galafinale mit virtuosen Kandidaten fand im Joseph Haydn Saal der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien statt.

Die Central International Music Academy von 05.-12. August lud auch heuer junge talentierte MusikerInnen aus aller Welt und lockte in die Musikstadt Wien. In die finale Endrunde kamen sieben von ihnen und zeigten im Rahmen der noblen Gala ihr Können vor Publikum und einer Fachjury unter dem Vorstand von Prof. DDr. Michael Frischenschlager (der Violinist wirkte unter anderem bei den Wiener Philharmonikern). Weiters Matei Ioachimesco (Flötist und renommierter Künstler) oder Vida Vujic (Cellistin und Professorin für Kammermusik an der MDW) sowie Luca Monti (Pianist).

Der Gewinner (1. Preis, Wiener Klassik Preis) heißt dieses Jahr Samuel Niederhauser. Er überzeugte mit seiner äußerst musikalischen und flüssigen Interpretation von Haydns Cello Konzert Nr. 1 in C Dur (Moderato). Eigentlich hat es Haydn für einen Freund komponiert, der der erste Cellist beim Fürsten Esterházy war. Niederhauser blieb beim Wechsel der Solo- und Tutti-Blöcke in seinem Element. Er hat wesentliches Potenzial, wenn es um Interpretation typisch wienerischer Elemente geht. Der 2. Platz geht an den Violinisten Maksim Tzekov (CIMA Preis), der das 5. Violinkonzert in A Dur von Wolfgang Amadeus Mozart (Allegro aperto) präsentierte. Weiche und gesangliche Teile kennzeichnen dieses Stück, ohne dass die Violine anfangs das Allegro des Orchesters aufgreift. Tzekov zeichnet sich hier insbesondere durch hingebungsvolle Momente aus, in denen er sein Spiel voll auskostet. Den 3. Platz belegt Alberto Bonivento (CIMA Preis) auf der Klarinette mit Mozarts Klarinettenkonzert in A Dur (Allegro). Bonivento präsentierte sich lässig und mimisch vielseitig, er sprach durch sein Instrument. Eine besondere Hingabe und Sicherheit sind ihm zu attestieren.

Konzentriert: YiMing Mao gewann mit einer Darbietung von Mozarts Violinenkonzert Nr. 5 einen Thomastik-Infeld Preis. Ebenso ging ein Thomastik-Infeld Preis an den engagierten jungen Andrej Efimovsky am Cello (Cello Konzert Nr. 2 in D Dur). Der Wittner Preis ging an die berührende Marie-Sophie Hauzel mit dem Klavierkonzert in C-Dur KV 467 (inklusive Verzierungen – welche in der Musik uferlos sind). Den Thomann Preis konnte Wakana Kimura an der Violine mit Mozarts Violinenkonzert Nr. 4 in D Dur für sich verbuchen.

Nachwuchspreise wurden ebenso an die kleinen „großen“ MusikerInnen der Zukunft aus der Junior Category (u.a. Sophie Hu – Violine, Elisabeth Russell – Flöte, Emily Zeng – Violine) vergeben. Große Freude und Jubel!

Das wunderbar präzise aufspielende Orchester unterstützte nicht nur die Solisten in tragender Weise, sondern ist auch eine Klang-Klasse für sich! Voll, kräftig und vor allem frisch! Geleitet wird es von Barbara de Menezes Galante.

Die Fairness und die Transparenz spielen in diesem Wiener Klassik Wettbewerb eine große Rolle. Alles soll intersubjektiv überprüfbar sein, so auch die Organisatoren. Nicht nur das große Talent, das an diesem Galaabend bewiesen wurde, führt die musikalische Seite Wiens in die Zukunft. Auch die passenden Rahmenbedingungen werden mitgeliefert. Die Vorrunde des Wettbewerbs wurde so organisiert, dass Juroren rein aufgrund der Akustik bewerteten. Sie sahen die Kandidaten also nicht.

Der CIMA Wiener Klassik Preis bildet eine weitere Chance für die musikinteressierte Community und auch für Menschen aus aller Welt, sich in den Kosmos der klassischen Musik, der Wiener Musik, der Kammermusik entführen zu lassen. Auch die Kleinsten haben daran sichtlich Freude.

Info über CIMA – Wiener Klassik Preis:

http://www.cima-music.com

Organisatoren:

http://www.danielauner.com

http://www.tymurmelnyk.com

https://barbaramgalante.wixsite.com/vita

Universität für Musik und darstellende Kunst:

http://www.mdw.ac.at

Sommergespräch #7: Sandra Cervik und Herbert Föttinger im Gespräch mit Florian Krumpöck beim Kultur.Sommer.Semmering

Die beiden bekannten Persönlichkeiten plauderten im Südbahnhotel am Semmering/NÖ aus dem „Nähkästchen“, was ihre Berufung betrifft, auch Ernstes wie der Verfall von Sprache und Kultur kam zur Sprache. Intendant Florian Krumpöck, Pianist und Leiter des Kultur.Sommer.Semmering, begrüßte sie stilvoll im Ambiente des Grünen Salons.

Sie ist Kammerschauspielerin, Ensemblemitglied am Theater in der Josefstadt in Wien und Dozentin am Max Reinhardt Seminar, er ist Theaterdirektor der „Josefstadt“ und Schauspieler sowie Regisseur (auch Oper). Das Ehepaar Sandra Cervik und Herbert Föttinger prägt die österreichische Kulturlandschaft. Als Entscheidungsträger über Stücke und Ausführende auf der Bühne verfügen sie gleichermaßen über viel Erfahrung sowie Leidenschaft für diese Kunst. Wer genauer hinsieht, sieht energiegeladene und dynamische Menschen, die sich für ihr Metier einsetzen.

Was für eine persönliche Beziehung sie zum Semmering haben? Sandra Cervik kennt die Villa Olga gut und war als kleines Mädchen mit ihrer Mutter auch im Südbahnhotel schwimmen – es gab damals ein Schwimmbad. Herbert Föttinger verbindet mit der Gegend das Hotel Panhans und den „Fünf-Uhr-Tee“. Kennengelernt haben sich die beiden 1997 in Reichenau an der Rax.

Wie wird sich das Theater entwickeln, in einer Zeit, wo Netflix und das Starren auf das Smartphone (das Sandra Cervik anschaulich darstellt) immer mehr gelten? Wo die Leute auch nicht mehr viel miteinander reden, sondern sich lieber schreiben? Dass sich Leute auf den Bühnenbrettern emotionalisieren lassen, von Vorgängen und Konflikten und ein Abbild des (realen) Lebens betrachten möchten, das wird es immer geben, meint Herbert Föttinger.

Was sind Beweggründe für junge Leute, sich am Reinhardt-Seminar zu melden? Es gibt Leute, so Cervik, die wollen mit wenig Vorkenntnissen (Stichwort Shakespeare – sie arbeitete mit einem Studenten und er wusste fast nichts über den Dichter) schnell eine tolle Karriere machen und oft „nur“ zum Film, weil „das alle tun“. Der Grundgedanke ist: „Dann werde ich ein Star und bin im Fernsehen.“ Man sieht es und denkt, das will ich auch. Dabei werden oft nicht die Disziplin und die Arbeit (auch am Körper) berücksichtigt, die notwendig sind. SchauspielerIn wird man nicht von heute auf morgen. Das Medium Film unterscheidet sich grundlegend vom Theater. Unendliche Wiederholungen und Einstellungen von Szenen sind beim Film möglich. Man muss auch nicht seinen vollen Text können. Am Theater ist alles „live“, es gibt keine Wiederholungen oder „Takes“ (außer vielleicht Da-capo in der Oper, obwohl das auch von einigen nicht gerne gesehen wird, da es die Geschichte stört).

Den beiden Künstlern zuzuhören ist ebenso spannend wie inspirierend. Man bemerkt die „schöne Sprache“ und die wohlüberlegten Ausführungen.

Föttinger hat ein besonderes Herz für österreichische Dichter und propagiert auch im Haupthaus 2019/20 nur österreichische Stücke zu spielen (außer Tschechovs „Kirschgarten“). Nestroy und Raimund sind Unterhaltung mit Tiefsinn und Gesellschaftskritik aus früherer Zeit. Heute muss man das anders auf die Bühne bringen, damit es die Menschen anzieht und interessiert. Jüngstes Beispiel ist „Der Bauer als Millionär“ in der Spielzeit 2018/2019 des Theaters in der Josefstadt. Da gibt es eigentümliche Namen wie den Bauern Wurzel, oder bei Nestroy den Schlosser Gluthammer, die allesamt „ein wenig“ Berufsstand und Ironie transportieren.

Föttinger sagt auch, wenn er als Opernregisseur von „Rigoletto“ (Verdi – übrigens in Originalsprache) den Hofnarren mit Narrenstab und Halskrause auftreten lassen würde, würde das ein historisches Abbild, ein Bilderbogen, aber heute so nicht mehr auf der Bühne durchzuführen sein. Cervik lobt selten ihren Ehemann, wie sie sagt, aber jetzt tut sie es: Er will eine klare Personenführung anstreben. Man soll wissen, wer aus welchem Motiv was tut. Nicht in jeder Inszenierung sei das ersichtlich. Herbert Föttinger führt aus, dass jeder Gesang, jede Zeile einen Sinn hätte. Warum die Figur gerade das singt. Dem Opernbesucher mag dies klar sein, einem Laien ist ein 3-stündiger Operngenuss vielleicht unverständlich. Aber sind wir deshalb so weit, dass wir eine barrierefreie Sprache und Oper herstellen müssen? Versteht man eine komplexere Handlung mit mehreren Personen involviert, nicht mehr? Muss es á la „Hofnarr – Intrige – Stich – Sack – Gilda tot“ sein? Ein „Blockbuster“, wie Föttinger sagt.

Die beiden meinen dazu, dass der Verfall von Sprache auch durch die digitale Welt entstehe: Hier SMS, dort „Emojis“, die kurz und knapp anzeigen, wie es mir geht. Kein Schnitzler, kein Hofmannsthal, kein Nestroy „hätt´ so geredet“. Das sei schade, Sprache und altes Kulturgut müsse man erhalten. Mit den dunklen Jahren in Österreich 1938 sei auch etwas ganz Wichtiges verschwunden: Der jüdische Witz und der Humor.

In der Schule sei es so, dass zwischen viel moderner Literatur gerade mal so ein bisschen Werther oder Bert Brecht auftauchen würde. Das Gefühl für die Sprache wäre so wichtig.

Was ist mit Schauspielern vom Theater in der Josefstadt, die immer wieder Abstecher in Film und Serie machen? Abwechslung? Wie besprochen gelten andere Regeln bei Film und Serie. Öfters wären Soaps und Serien nicht sonderlich anspruchsvoll, nach dem Motto: „Kann ich ein Bier haben? – Nein!“ Am Theater firm zu sein, helfe Darstellern bei guten Serien enorm bei Sprache, Gestik und Mimik. Cervik verrät, dass sie Darstellern sofort ansehe, wenn sie keine Schauspielausbildung hätten. Wenn man sie, Cervik, etwa in den „Vorstadtweibern“ (ORF-Serie) als Helga Pariasek „Jetzt haben wir sie, die gesamte Regierung…vor allem den schönen Berti….Jetzt sag´ nicht, dass er Dir leid tut!“ sagen hört, klingt das profund. Oder wenn Josefstadt-Ensemblemitglied Michael Dangl in SoKo Kitzbühel die ermittelnden Beamten tief timbriert bittet: „Machen Sie mit mir, was Sie wollen.“ Man merkt die professionelle Ausbildung gleich.

Sandra Cervik und Herbert Föttinger lieferten eine höchst interessante und unterhaltsame Konversation am Semmering. Es folgte eine Lesung der beiden von Schnitzler-Briefen (zwischen ihm und Adele Sandrock).

Ihre nächsten Projekte spannen den Bogen über das Theater in der Josefstadt (zum Beispiel „Das Konzert“ mit Cervik als Marie und Föttinger als Gustav Heink) bis hin zum Gärtnerplatztheater in München, wo Föttinger ab Januar 2020 „Rigoletto“ inszenieren wird.

Info:

http://www.kultursommer-semmering.at

http://www.josefstadt.org

Kultursommer 2019 – Poesie

Die Qual der Wahl

von West nach Ost

leichte Muse – schwere Kost

Ob Narrenkopf – ob Drachenbahn

Das Programm für Jedermann

In Bregenz leidet Rigoletto

im kühlen Nass zu dem Libretto

Zwischen Kufen, zwischen Steinen

muss Adele heuer weinen

zwei Frösche quaken mit ihr mit

diese Neuheit wird der Hit!

In Salzburg sorgt die Mode bei den Damen

nebenbei für manche Dramen

Das Kleid der Buhlschaft, ungerafft

ein Hosenanzug – wird begafft

in Steyr trinkt man Cabernet

geflirtet wird im Cabaret

in Klosterneuburg hoff(t)man(n) gar

auf gutes Wetter für Olympia

Im Osten ruft Papageno im steinernen Bruch

und am Neusiedler See singt der Ober-Eunuch!

Behandelte Aufführungen:

„Rigoletto“ (G. Verdi) auf der Seebühne in Bregenz / Vorarlberg

http://www.bregenzerfestspiele.com

„Die Fledermaus“ (J. Strauss) auf der Festung Kufstein /Tirol

http://www.festung.kufstein.at/de/die-fledermaus.html

„Jedermann“ (H. von Hofmannsthal) bei den Salzburger Festspielen / Salzburg

http://www.salzburgerfestspiele.at

„Cabaret“ (Kander/Ebb) beim Musikfestival Steyr/ Oberösterreich

http://www.musikfestivalsteyr.at

„Hoffmanns Erzählungen“ (J. Offenbach) bei der Operklosterneuburg/ Niederösterreich

http://www.operklosterneuburg.at

„Die Zauberflöte“ (W.A. Mozart) bei der Oper im Steinbruch St. Margarethen/ Burgenland

http://www.operimsteinbruch.at

„Das Land des Lächelns“ (F. Lehár) bei den Seefestspielen Mörbisch / Burgenland

http://www.seefestspiele.at

Sommerbühne #6: Salzburger Jedermann von H. von Hofmannsthal

Kaum ein traditionsreicheres Schauspiel gibt es als dieses: Das Sterben des reichen Mannes. Wer Jedermann denkt, denkt Salzburg. Wer Jedermann denkt, denkt an den gedeckten Tisch. Das Stück präsentiert sich reichlich variabel, allen zum Trotz. Eine Entwicklung hat es zweifelsfrei durchgemacht.

Schell, Jürgens, Berger, Hörbiger (Attila, Christiane), Lohner, Simonischek, Ferres, Reinsperger, Obonya, Moretti, Hochmair, Hobmeier, Minichmeyer, das sind klingende Namen sowie neue Impulse in den Ohren der Theaterfans. Sie alle verbindet, dass sie im Spiel vom Sterben des reichen Mannes mitgewirkt haben.

Im Jahr 2019 füllen Tobias Moretti als Jedermann und die „Neue“ Valery Tscheplanowa, gebürtige Russin, als Buhlschaft die Rollen aus. Sie spricht von der Rolle als Auftritt und bringt frischen Wind mit. Das ist auch nötig, wenn das Stück bereits im Jahre 1911 im Berliner Zirkus Schumann uraufgeführt wurde, damals in der Regie von niemand Geringerem als Max Reinhardt. An das Seminar desselben Namensgebers drängen angehende SchauspielerInnen und RegisseurInnen. Die Aufnahmeprüfung ist hart, die Selektion durch die Ausführenden auch. Darüber müssen die DarstellerInnen des Jedermann nicht mehr diskutieren.

Michael Sturminger, renommierter Regisseur und an Oper und Theater gefragt, inszeniert den „Jedermann“ im 3. Jahr. Progressiver, aggressiver geht es zu. Die Kostüme von Renate Martin verleihen ein stellenweise braves Bild, geschniegelt im Anzug der Jedermann Moretti und sein Gesell (auch sein Bruder: Gregor Bloeb), der auch als Teufel im Einsatz ist. Hier weniger brav und eher im Musical-Stil.

Moretti agiert scharf, zieht und packt zu, reagiert impulsiv. Lebensfroh, erfüllt und sterbenselend liegen in seiner Interpretation nah beieinander. Tscheplanowa im Hosenanzug in heller Farbe (moderner: Jumpsuit) ist eine starke Partnerin, mimisch ausdrucksstark. Auch eine Gesangseinlage für die Buhlschaft ist neu. Schmusen auf der Bühne? Darf für die beiden kein Problem sein. Aggressiv wirkt das.

Peter Lohmeyer als Tod, Mavie Hörbiger als Werke, der sehr gute Falk Rockstroh als neuer Glaube, Edith Clever als Jedermanns Mutter, Martina Stilp und Michael Masula als Schuldknecht-Paar sind mit von der Partie. Dicke und dünne Vetter gibt es in Form von Björn Meyer und Tino Hillebrand. Als Mammon fungiert Christoph Franken. Helmut Mooshammer hat sich schon an die Stelle von Johannes Silberschneider als armer Nachbar gesetzt, und Markus Kofler ist der Koch.

Die musikalische Leitung der Streicher liegt bei Jaime Wolfson. Der Jedermann: „Ein singulärer Vorgang im deutschen Theater“, so heißt es vonseiten der Salzburger Festspiele. Die sich um dessen Auslastung wohl keine Sorgen machen müssen. Die 14 Vorstellungen auf dem Salzburger Domplatz sind allesamt ausverkauft.

Info:

JEDERMANN – H. von Hofmannsthal – Salzburger Festspiele 2019

Regie: Michael Sturminger

Aufführungen: von 20. Juli bis 28. August auf dem Salzburger Domplatz, bei Schlechtwetter im Großen Festspielhaus.

http://www.salzburgerfestspiele.at

Sommeroperette # 5: Die Seefestspiele Mörbisch mit „Das Land des Lächelns“ (F. Lehár)

Der Neusiedler See erlebt mit Lehárs Operette, die wie der künstlerische Leiter Peter Edelmann betont, nahezu eine Oper ist, eine niveauvolle Aufführung. Effekthascherei steht im Hintergrund: Die puristische Wirkung schöner Stimmen und ein Drache, der harmonisch das Geschehen anleitet, sind genug.

Alles läuft sehr stilvoll ab in der Regie von Leonard C. Prinsloo (bereits bekannt aus Bad Ischl) auf der Seebühne. Zuallererst sind da die edlen und wunderbar reduzierten Kostüme von Cristof Cremer. Der deutsche Kostümbildner hat sich wohl intensiv mit Farbenlehre beschäftigt. Nichts schreit oder sticht allzusehr hervor. Lisa trägt hochfeine Kleider, von gemustertem Chinaporzellan inspiriert, über eine violette Kombination mit Perlen bis hin zum dunkelblau-weißen Abreise-Kostüm. Prinz Sou-Chong trägt die Farben Schwarz und Gold. Nur einmal, als sein Schmerz sehr groß ist, darf er sich seiner Jacke entledigen. Prinzessin Mi trägt Violett-Pink und schließlich Weiß (in China die Farbe der Trauer?). Gustl bleibt traditionell wienerisch in Uniform, das Kostüm von Graf Lichtenfels erinnert sehr an die Aufführung von 2001 mit dem äußerst dekorativen grünen Federbusch.

Anfangs, als Lisa das Pferderennen gewinnt, wird sie effektvoll von der Gesellschaft angefeuert. Dabei schauen alle ins Publikum, und es ertönt das obligate künstliche Pferdegetrappel wie zum Beispiel schon 2009 bei My Fair Lady. Diesmal aber mit Ansage („Lisa Lichtenfels zieht an allen vorbei, die Nummer 7″) in Sportnachrichten-Manier. Sie gewinnt, muss sich vor ihrem Vater dann aber nochmal als Frau behaupten. In der Zeit der Uraufführung war es so. Das „Land des Lächelns“ hieß 1912 „Die gelbe Jacke“. Die Handlungsorte Wien und Peking wurden beibehalten, allerdings spielt der 1. Akt im Prater. Die „Drachenbahn“ winkt hier bunt, das Bühnenbild wurde von Walter Vogelweider gestaltet. Vieles ist drehbar, wirkt imposant, aber doch mit einer gewissen Noblesse, nicht grob. Der große Drache inklusive Stiege hat später seinen Auftritt. Seine Augen leuchten einmal blau. Zum Ende der Aufführung dann rot in die Finsternis. Ein toller Effekt, der keinesfalls übertrieben wirkt.

Elissa Huber (von der Wiener Volksoper) fühlt sich mit der Partie der Lisa Lichtenfels wohl. Sie spricht wunderbar. Stolz präsentiert sie stimmlich allerorten sichere Höhen, gibt das Wiener Mädel mit ihrem eigenen Charme. Ihre Entwicklung von der leicht Naiven, die von der exotischen Liebe träumt, bis zur Ernüchterten, schwer Verzweifelten, gibt sie überzeugend. Sie ist eine Idealbesetzung! Die nötige Frische bringt sie mit.

Won Whi Choi ist als Prinz Sou-Chong (nahezu perfektes Deutsch) stimmschön, wenngleich der Eindruck entsteht, dass er etwas „dunkel“ singt. Er verliebt sich sehr, sehr schnell in Lisa und widmet ihr den goldenen Buddha, den er später aus Wut zertrümmert (!). Große, weite Gesangsstrecken hat er zu bewältigen und macht seine Sache sehr gut. Er ging beim großen Sang Ho Choi in die Lehre, der 2001 den Sou-Chong auf der Seebühne sang. Der Hauptdarsteller agiert mit Strenge, wenn er Lisa in China halten will. Man ist schockiert von seiner Dramatik, die aber ganz subtil herüberkommt. Gewaltige Gesten braucht er gar nicht, um zu wirken. Schön! „Immer nur lächeln“ und „Dein ist mein ganzes Herz!“ sind bei ihm effektvolle, anrührende Momente. Und später: „Dein war mein ganzes Herz“, ist fast noch eine Spur anrührender.

Überhaupt passen die beiden Protagonisten stimmlich gut zueinander. Gustl (ursprünglich mit dem Zusatz „von Pottenstein“), der groß und mit ambitionierten Plänen verkörpert wird vom jugendlich-frischen und adretten Maximilian Mayer (Charakteristischer Ausspruch in der Aufführung: „Na bumsti!“) liebt Lisa auch. So sehr, dass er mit ihr nach Prein an der Rax ziehen will, inklusive fünf Kindern und zwei Jagdhunden. Doch das ist Lisa ein Gräuel! Schnell mit dem Prinzen nach China, nicht ohne Leidenschaft.

Leidenschaft, das versprüht auch jemand, der für die Bühne lebt. In China kommt Besuch vom Eunuch. OBER-Eunuch, wenn er bitten darf! Und dieser hat es (noch) faustdick hinter den Ohren. Ein ehrwürdig in Ultramarinblau-Rot – was eine gewagte Farbkombination – gekleideter Herr betritt die Bühne, umringt von Frauen, mit einem langen, grellen Zopf. Es ist KS Harald Serafin, der sich bei seinem großen Comeback in Mörbisch die Ehre gibt. Eine ungewöhnliche Rolle für einen außergewöhnlichen Menschen! Er nimmt die Bühne ein, die Stimme geht hoch. Sein extra gemeinsam mit Komödiant Felix Dvorak verfasstes Couplet hat als Grundmelodie – sofort erkannt: eine liebevoll recycelte Lehár-Melodie aus dem „Grafen von Luxemburg“, und zwar „Ich bin verliebt“ des Fürsten Basil. Da heißt es jetzt: Ich bin Eunuch – Obereunuch. Sehr erotisch (!) aufgeladen ist dann auch der Text („Es ruft der Sex in mir!“), wie man es sich gar nicht erwarten würde. Serafin ist sehr bemüht und konzentriert. „Sie alle jauchzen, wenn ich sie heiß betöre.“ Nun, das liegt wohl schon einige Zeit zurück. Die jugendliche Freude ist bei ihm (87) spürbar und er bekennt sich schließlich zu seiner Liebe, der Bühne. Auch der folgende Dialog mit Maximilian Mayer hat köstliche Stellen, war da nicht eine „sehrraffinierte“ Zeit? Auch ein Wortwitz aus der „Fledermaus“ (!) wird noch rasch eingebaut. Das antizipierte Wort mit „W“ fällt nicht.

Als Lisas gestrenger und doch über die Maßen liebender Vater Graf Lichtenfels tritt Benno Schollum auf. Er kann sich einige Male gut mit eleganter Erscheinung in Szene setzen und pflegt einen wienerischen Zungenschlag, leider hört man von ihm keinen Gesang.

Die Prinzessin Mi von Katerina von Bennigsen – eine höchst aktive – in der Personenführung des Australiers Leonard C. Prinsloo, lebenslustige Frau, hat einen eigenen Tanz zu „Im Salon zur blauen Pagode“. Sie ist erfrischend und trägt eine Manga-Perücke im Stil von (z.B.) Sailor Moon. Gesanglich ist sie ebenso sehr gut aufgestellt und mischt den ernsten Hof in China auf.

Die Rolle des Sekretärs Fu Li füllt Gernot Kranner mit beeindruckender Präsenz! Keine nackten Beine in China! Sehr streng. Als ebenso uneinsichtiger Onkel Tschang („Immer alles lang – sagt der alte Tschang“) ist der Japaner Koichi Okugawa (studierte in Japan und am Wagner Konservatorium Wien) zu hören.

Einen schwärmerischen Kurzauftritt legen drei junge Damen hin: Lore, Toni und Fini wollen von Prinz Sou-Chong wissen, wie man auf Chinesisch flirtet. Katharina Kovar, Ioanna Papaioannou und Olivia Pflegerl sorgen für einen Schmunzel-Moment.

Thomas Rösner als musikalischer Leiter spielt hier Franz Lehárs Feinheiten aus und wird schon manchmal opernhaft. Stellenweise hat man das Gefühl, es würde minimal hallen (vielleicht lag es am Ton?). Extra verbesserte Sound-Elemente auf dem riesigen Bogen über der Bühne (mit digitalen Lichtinstallationen von beispielsweise Apfelblüten) sorgen für noch größeres Hörvergnügen. Das obligatorische Feuerwerk zum Ende (es wird übrigens nicht Lisas Rückkehr nach Wien gezeigt, am Ende bleibt Sou-Chong verlassen zurück), ist noch eine Kirsche auf der Torte. Aber das Stück spricht eigentlich für sich. Sehr ästhetisch wurde es umgesetzt, ohne unnötigen Kitsch. Eine gute Idee auch, dass man auf digitalen Elementen die Darsteller zu Ende groß einblendet, damit sie auch beim Schlussapplaus gut sichtbar sind.

In China wird auch atemberaubende Luftakrobatik gezeigt, ebenso wie eine grandiose Hochzeitszeremonie für Sou Chong (den Lisa durchgehend nur Sou nennt) mit vier prächtig kostümierten Bräuten verschleiert und ganz in Rot.

Absolut sehenswert!

An dieser Stelle ein Lob für den künstlerischen Leiter Peter Edelmann, der wahrlich etwas von echter Operette versteht und für die Seefestspiele der Mann der Zukunft ist.

Die Seefestspiele Mörbisch mit „Das Land des Lächelns“ (romantische Operette in 3 Akten von F. Lehár)

Künstlerischer Direktor Peter Edelmann

Spieltermine: 11. Juli bis 24. August 2019, Do-Sa

http://www.seefestspiele.at

Sommeroper # 4: Die Oper im Steinbruch St. Margarethen mit „Die Zauberflöte“ von W.A. Mozart

Die Oper im Steinbruch St. Margarethen / Burgenland – neue künstlerische Direktion Daniel Serafin – zeigt Mozarts Klassiker „Die Zauberflöte“ mit weltbekannten Arien. Die „Aufklärungsparabel“ wurde in die (sterile) Jetztzeit geholt. Ohne Zweifel.

228 Jahre ist das Werk alt. Im Burgenland wurde es mehr als entstaubt. Das Regieteam Carolin Pienkos und Cornelius Obonya setzt weniger auf Panflöten und Federn, dafür mehr auf Gleichstellung und Vernunft. Dass einiges nicht gut funktioniert, einiges besser, kann im Wolkentunnel, der Papageno fast zur Gänze verschlingt, erkannt werden. Raimund Bauer gestaltete das wandelbare, doch klar strukturierte Bühnenbild. Die riesige Dohle an der Seite des Steinbruchs spielte zu Anfang der Oper noch keine ersichtliche Rolle.

Die Premierenbesetzung umfasste als den ewig vorlauten Papageno Max Simonischek. Wüsste man nicht, was für eine Bezeichnung man ihm geben sollte, so wäre es „Bad Guy of the Magic Flute.“ Er agiert rau, laut, rockig. Für diese Rolle hat der Schauspieler Gesangsunterricht genommen, bleibt aber oftmals hinter den hohen Erwartungen des Publikums zurück. Er macht ordinäre Scherze, wie etwa das abgedroschene „Ich bin gut zu Vögeln.“ Mutig?! Klar, das hat diese Oper noch nicht gesehen. Auch einen Vogelfänger mit Vogelgri…mit Vogelallergie, gab es noch nicht. Legere Erscheinung, abgehakter Gesang. Das laute Niesen wirkt dabei aber nicht sehr lustig, sondern eher störend. Sicher, er fällt auf. Temperament paart sich bei ihm mit der Fähigkeit schnell zu sprechen und erst dann über die Worte nachzudenken. Wenn er in seiner Jugendsprache ansetzt zu den drei Damen nett zu sein, klingt das so: „Tschuldigung Mädels, gebt mir doch eine feuerspuckende Posaune. Das ist keine Oper im Steinbruch, sondern ein Krippenspiel in der Wüste.“ Um dies zu vervollständigen, sollte seitens Tamino und Papageno auch gefragt werden, wo ist der Bruch statt wo ist die Burg (so hat man ob der Wortspiele zumindest den Eindruck). Um den folgenden Gag zu verstehen, braucht man als traditionsverwöhnter Opernbesucher (geschlechtsneutral zu verstehen) schon einen guten Magen. Papageno sammelt riesige Vogeleier in einer Trage. „Nur weil ich meine Eier auf dem Rücken trage…“. Dann setzt er auch noch an zu „Es gibt nur einen Papageno“ im Stil von „Guantanamera“. Hm. Sommerlich-leger, gewagt, oder doch nur ein bisschen überwürzt? Als Schauspieler kann man sich Simonischek sicher besser vorstellen denn als Sängerschauspieler.

Als Papageno Pamina retten will, die von Sarastros Oberaufseher Monostatos in Ketten gelegt wurde, entfährt ihm „Ich rette eine Jungfrau in Not, und was bekomme ich? Nischt!“. Pamina ist ein helles Licht in dieser Inszenierung. Ana Maria Labin singt sie so herrlich und anrührend, voller Hoffnung. Die Sängerin, die vor vielen Jahren noch weiter östlich in Mörbisch als weiblicher Part des Buffopaares beim „Graf von Luxemburg“ zu sehen war, hat eine prächtige feste Stimme. „Bei Männern, welche Liebe fühlen“, ist nicht ihr einziger Höhepunkt. Auch Pamina trägt hier Federn auf der Brust. „Ach ich fühl´s“ ist ein weiteres Highlight.

Zur Gleichstellung kommt auch schon der Beitrag wie gerufen: Der Gesangstext enthält „Weib und Weib und Mann und Mann – reichen an die Gottheit an.“ So geht es also auch im Jahr 2019!

Drei Damen sind blechern – aber nur auf der Brust. Sie tragen nämlich einen Panzer und opulenten Kopfschmuck. Für die Kostüme zeichnet in dieser Produktion der Italiener Gianluca Falaschi verantwortlich. Sie quälen den Jüngling Tamino lange, bis sie ihn in Ruhe lassen, so sehr muss er ihnen gefallen. Elizabeth Reiter, Nina Tarandek und Maria Luise Dressen machen ihre Sache gut. Sie sind aufdringlich und gewissenhaft. Sie müssen unter der Choreografie von Kati Farkas auch viel tanzen, was sie erledigen.

Ein edles Kostüm (wenn auch mit Federn) und Maske trägt die Königin der Nacht. Sie singt mit ihrer elfenhaften Erscheinung die Spitzentöne ebenso zart. Etwas gepresst wirkt sie in der Höhe. Danae Kontora kann für sich einen Erfolg verbuchen, wenn sie als strenge, bissige Mutter auftritt. Die Griechin hat in München studiert und wurde als beste Nachwuchssängerin von Opernwelt ausgezeichnet.

Ganz ergeben will sich Tamino, gekleidet mit grüner Jagdweste, auch noch 2019 für „Paminens Stimme“ in den Tod stürzen. Ob das noch zeitgemäß ist? Attilio Glaser jedenfalls macht seine Sache brav. „Zu schwach, um zu helfen“ wirkt dieser fesche Sänger nicht. Er hat strahlende Höhen, und scheint sich durch nichts, auch durch den ewig plappernden und soo lauten Papageno nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Die fürchterliche Schlange, die ihn bedroht, wird durch die digitale Animation von den Media Studios und analogen roten Bändern symbolisiert. Davor jedenfalls muss er sich kaum fürchten. Später wird er mit Pamina schon eindrucksvollere Digitalinstallationen durchlaufen. Die Feuersglut und das rauschende Wasser (sehr lebensecht) werden auf den Wolkengang projiziert. Das sieht täuschend echt aus und ist sehenswert. Dennoch tritt Tamino seine lange Reise leicht verzweifelt an. Eine weitere Zweideutigkeit ergibt sich mit der Phrase: „Du Jüngling glaubst dem Zungenspiel.“ Wenn auch richtig unfreiwillig.

Drei Knaben rauschen sehr zeitgemäß (wir befinden uns in der Postmoderne…) mit Segways an (ob dem „Wolferl“ das gefallen hätte?) und mahnen, „standhaft, duldsam und verschwiegen zu sein“. Sie tragen dazu futuristische Kostüme wie aus der Spiegel-Galaxie. Christian Ziemski, Moritz Strutzenberger und Lorenz Lauser heißen sie. Die beiden ersteren waren bereits als Solisten in Wien in Händels „Alcina“ zu hören. Ziemski galt als das stimmliche Aushängeschild der St. Florianer Sängerknaben.

Der Philharmonia Chor Wien unter der Leitung von Walter Zeh liefert eine beachtliche Leistung. Karsten Januschke, in St. Margarethen kein Unbekannter, leitet das Orchester der Budapester Philharmonischen Gesellschaft. Es ist ein forsches, effektives Dirigat.

Eine äußerst hinreißende Papagena, die zunächst als Altes Weib mit zahllosen Arthritis-Anfällen zu kämpfen hat und das mehr als überzeugend darstellt, ist die junge Theresa Dax. Quasi direkt vom Theater in der Josefstadt (hier spielte sie bis vor Kurzem mit großem Erfolg die „Jugend“ im „Bauer als Millionär“) ist sie in den Steinbruch „übersiedelt“. Die steirische Sopranistin ist klar und deutlich in der Artikulation und zauberhaft bei Stimme. Einfach schön. Eine angedeutete Vergewaltigungsszene/Belästigungsszene mit Papageno gibt es auch, sie will lüstern über ihn herfallen. Damit soll aufgezeigt werden, dass nicht immer Männer die Gierigen sind.

„Alles fühlt der Liebe Freuden“ toll vorgetragen von Monostatos alias Keith Bernard Stonum. Auch er fühlt sich dermaßen von Pamina erregt, dass er sie näher umgarnen möchte. Das Gladiatorenkostüm von Falaschi steht Stonum perfekt, wenn es auch in der Produktion sehr heraussticht. Stark die Szene, wo Papageno und Pamina in Zeitlupe vom Gefolge gejagt werden. Dabei wird er von Sarastro (schön tief: der Australier Luke Stoker in perfektem Deutsch) zurückgehalten. Stoker ist überhaupt auch eine der Säulen der Produktion. Immer wieder lässt er Vernunft und Milde walten und begeistert durch seinen festen, überzeugenden Auftritt. „In diesen heil´gen Hallen“ kennt er auch Fehler nicht.

Als Sprecher und Priester sind Uwe Schenker-Primus (sehr angenehme Stimme) und Michael McCown im Einsatz. Die Chemie stimmt zwischen Glaser und Schenker-Primus über die Maßen gut, die Dialogszenen sind zu genießen. Zwischen dem lauten Geheule von Papageno hört man Pamina jammern: „Er fühlte meine Liebe und verbarg die Gegentriebe?“ Das Los so mancher moderner Beziehung….

Als endlich Dax Simonischek nun „ganz gegeben“ ist, will er sich nicht mehr über dem überdimensionalen Vogelnest erhängen. Das „Heil soll den Geweihten (Pamina und Tamino) zukommen“, indes hört man aber eine merkwürdige Stimme, die leise, aber hörbar „gehen, nicht laufen“, sagt. Was war das denn nur?

Längerer, anerkennender Applaus für die DarstellerInnen. Mit der Regie dürfte nicht jeder einverstanden gewesen sein. Ein gewagt-moderner Zugang mit viel gewöhnungsbedürftigem Wortwitz im Jahr 2019.

Info:

Oper im Steinbruch 2019 – Die Zauberflöte von W.A. Mozart

künstlerischer Direktor Daniel Serafin

von 10. Juli bis 17. August 2019, Do – Sa, Zusatzvorstellung am 28. Juli (So)

http://www.operimsteinbruch.at

Sommermusik # 3: Das Janoska Ensemble mit „Revolution“ beim Kultur.Sommer.Semmering im Südbahnhotel

Egal, wo diese Herren auftreten: Kalt lassen sie mit ihrem Style niemanden. Beim Kultursommer Semmering in der (neuen) alten Spielstätte, dem Südbahnhotel, ließen sie Saiten und Tasten klingen. Das Janoska Ensemble versucht die „Revolution“ klassischer Musik und lässt sich dabei nichts vorschreiben (außer von den Komponisten, natürlich).

Frantisek, Roman und Ondrej Janoska (drei Brüder) und Julius Darvas (Schwager) übernehmen beim Improvisieren von klassischer Musik das Zepter. Das Ensemble hat einen eigenen Janoska Style entwickelt. Dieser verbindet die Klassik mit der Moderne (zweideutig gesprochen). Es kommt durchaus vor, dass ein Beatles-Song mit einem Kanon gepaart wird. Dieser Mix klingt nicht nur, er schwingt auch. Sprechen mit den Augen, Stampfen mit den Füßen. Dabei Musizieren mit Leidenschaft, Virtuosität, Genialität.

Die weltweit gefragten Musiker lieferten eine furiose Show, die die Klassikwelt bereichert. Für ihr neuestes Werk, „Revolution“ kombinierten sie Pop und Kanon, Beatles und Pachelbel, Beethoven und Cole Porter. Wie das klingt? Ziemlich genial.

Im wunderbaren Ambiente des Südbahnhotels (wie aus der Zeit gefallen) gaben die vier Virtuosen einen Einblick in ihr künstlerisches Schaffen und präsentierten gleich Mozarts Ouvertüre zu Le nozze di Figaro, gewürzt mit modernen Akkorden. Wienerische Nuancen spielt Frantisek am Bösendorfer aus, später sollte es ihn vor musikalischer Ekstase fast vom Klavierschemel reißen. Zeitweise hatte man wahrhaft den Eindruck, das Ensemble würde gleich vom Boden abheben, etwa bei Romans liebevoller Hommage an seinen Sohn Roman Jr. Hello Prince. Dieses Werk im 7/8 Takt ist dem Datum 07.08. geschuldet, an dem die Nachricht eintraf, dass Romans Frau schwanger sei. Roman, überhaupt, ist ein intuitiver Spieler, Notenblatt braucht er keines, genauso wenig wie die anderen. Nur Julius „überwacht den Prozess“ und übernimmt auch die Moderation. Er ist es auch, der mit seinem Kontrabass für einen tiefen Kontrast zu den Violinen sorgt. Bedauerlicherweise, so sagt er, wird die so bedeutende Improvisation der Musik heute nicht mehr unterrichtet. Früher war dies normal, und was man nicht alles mit Kadenzen angestellt hat…

Man kann getrost von Gesang sprechen, wenn sich Ondrej und sein Bruder Roman mit den Violinen unterhalten. Immer wieder laufen sie aufeinander zu, werfen sich Blicke hin, lassen die Bögen fliegen. Roman übrigens braucht nicht immer einen. Er funktioniert das Instrument kurzerhand zur Gitarre um und hat viel Spaß dabei. Ondrej scheint oft versunken in die Musik zu sein, wenn sein Einsatz kommt, ist er nicht zu bremsen.

Die Beatles kommen mit Versionen von Let it Be und Yesterday zu ihren Ehren. Dabei schließen manche Besucher andächtig die Augen. Und man muss sagen, dass es diese Versionen der Janoskas wert sind, dass sie auch die Beatles hören. Wenn man ganz aufmerksam zuhört, sagt Julius, hört man auch den Pachelbel-Kanon heraus. Sagenhaft!

Der gemeinsame Lieblingskomponist von allen vieren ist Johann Sebastian Bach. Und so liegt es nahe, dass sie sich auch seiner 3. Suite für Orchester, D-Dur, 2. Satz angenommen haben. Besser bekannt unter dem Namen Air. Auch diese gerät einfach zum Erlebnis. Muss man gehört haben!

František greift schließlich zum Mikrofon und kündigt ein eigenes Stück eines sehr gutaussehenden, talentierten Pianisten an: Er hat für seinen Sohn Leonidas, der „ihn zu Hause immer dirigiert“, den temperament- und gefühlvollen „Tanz“ Leo´s Dance geschrieben. Wie oft lassen sich alle konstituierenden Elemente eines veritablen Mix finden. Tolle Kombination.

Eine Herausforderung, die sich das Ensemble selbst auf den Leib geschrieben hat: Cole over Beethoven. Da findet sich die Mondscheinsonate neben Night and Day wieder.

Netterweise ließen die vier Herren das Publikum nach einer Runde frenetischen Applauses abstimmen, was für eine Zugabe erfolgen sollte. Der „Hummelflug“ verlor knapp gegen „Adios Nonino“ von Piazzolla.

Wer neu konstruierte Werke der Klassik in Verbindung mit Jazz und Pop schätzt, findet viel Mittelmaß auf diesem Sektor vor. Das Janoska Ensemble allerdings spielt in einer eigenen Spitzen-Kategorie. Sie haben ihren unnachahmlichen Style erschaffen. Nicht enden wollende Standing Ovations beweisen das.

Die nächste Gelegenheit, die Ausnahmemusiker zu erleben, bietet sich im südlichen Niederösterreich am 28. Juli in Pitten. Dazwischen machen sie aber noch Ausflüge nach Hong Kong und Salzburg.

Info:

Das Janoska Ensemble mit der neuen CD „Revolution“

www.janoskaensemble.com

Der Kultursommer Semmering

http://www.kultursommer-semmering.at

Sommer(hitze)theater # 2: Die Schlossspiele Kobersdorf mit „Das Mädl aus der Vorstadt“ von J. Nestroy

Die Schlossspiele Kobersdorf punkteten schon oft mit Inszenierungen von Nestroy-Klassikern. Bekanntlich darf es dabei immer ein wenig scharfzüngig zugehen, auch an Gesellschaftskritik wird nicht gespart.

2019 setzt man im traditionsreichen burgenländischen Festspielort auf den Charme des „Mädls aus der Vorstadt“. Die Nestroy-Posse in 3 Akten mit Gesang wurde 1842 uraufgeführt. Intendant Wolfgang Böck holt Beverly Blankenship, die erfahrene Regisseuse. Dieser gelingt eine durchaus schlüssige und runde Inszenierung. Die Geschichte wird mit der nötigen Empathie erzählt.

Ein findiger Geschäftsmann will sich mit Hilfe eines erfundenen Kassenbetrugs das Leben leichter machen. Aber damit bringt er nicht nur den fälschlich Beschuldigten, sondern auch dessen Tochter in Verruf. Sie arbeitet in der Vorstadt. Die Tochter hat einen Verehrer, der sich eigentlich schon einer reichen Witwe versprochen hat. Doch will er nicht mehr die Witwe, sondern die Tochter. Die Witwe ist dummerweise auch die Nichte des Geschäftsmanns. So entspinnt sich also ein Kreis, welchen der Privatdetektiv zu durchblicken versucht.

Das „Mädl aus der Vorstadt“ war einer der größten Publikumserfolge Nestroys. Die an Zufällen und Überraschungen reiche Komödie wurde gekrönt durch die Rolle, die sich Nestroy selbst auf den Leib geschrieben hat: Die des Privatdetektivs (Winkeladvokaten) Schnoferl.

Diese übernimmt in Kobersdorf der Chef Wolfgang Böck und geht mit Feuereifer an die Aufklärung der Wirrnisse. Nicht umsonst gibt es bei der Posse den Untertitel: „Ehrlich währt am längsten.“ Denn in diesem Stück ist selten jemand ganz ehrlich. Der Spekulant Kauz wird würdig porträtiert von Wolf Bachofner, eine gut aufgelegte und köstlich pikierte, amüsante Frau von Erbsenstein liefert Katharina Stemberger ab. Der Verehrer Herr von Gigl wird im besten Sinne als gefühlsduselig und dann auch energisch in Szene gesetzt von Markus Weitschacher (ein Talent). Michaela Schausberger mimt die Tochter des Spekulanten weitgehend brav.

Auch die kleineren Rollen können sich sehen lassen: Etwa stechen als die Näherinnen Laura Rauch, Sophie Gutstein und Sabrina Rupp heraus.

Die Kostümabteilung unter Gerti Rindler-Schantl hat ganze Arbeit geleistet: Pinker Plüsch und biedere Anzüge sind da in einem Atemzug zu sehen. Das passt zu Nestroy. Christopher Haritzer trägt als Musiker seinen Teil zum Ganzen bei und steuert damit ein Stück weit die Handlung. Beliebt war zur Uraufführungszeit etwa das Quodlibet zwischen Schnoferl und der Näherin Rosalie: „Singen kann der Mensch auf unzählige Arten.“

Ein sommerlicher Spaß voller Wirrungen.

Info:

Schloss-Spiele Kobersdorf

Stück 2019: „Das Mädl aus der Vorstadt“ von J. Nestroy

Karten unter: http://www.schlossspiele.com

Gespielt wird „Das Mädl aus der Vorstadt“ von 2. Juli bis 2. August (Zusatztermin wegen großer Nachfrage).

Es finden auch wieder die beliebten Bike- beziehungsweise Oldtimerfahrten gemeinsam mit dem Intendanten Böck zu den Vorstellungen in Kobersdorf statt. Die Termine sind der 13. Juli (Motorrad) und der 21. Juli (Oldtimer). Nähere Infos hierzu ebenso unter http://www.schlossspiele.com.

Sommer(frische)theater # 1: Die Festspiele Reichenau mit „Eine blassblaue Frauenschrift“ von F. Werfel

Nicolaus Hagg präsentiert als Auftakt der Reichenauer Festspiele 2019 eine Neufassung nach Franz Werfels „Eine blassblaue Frauenschrift“. Blass ist hier nur die Zurückhaltung, nicht aber das Spiel.

Diese Aufführung erfolgte im Rahmen der Reihe: „Frauenschicksale in der Weltliteratur“. Die Regie übernahm Julian Pölsler, dem das Stück bereits aus seiner Zeit als Regieassistent bekannt war. Soll man es vorsichtig, umsichtig nennen? Wagemutig ist man in Reichenau bei dieser Inszenierung nicht, sie ist recht brav, solide im besten Sinn.

Wie hinlänglich bekannt sein mag, stellt ein in der titelgebenden Farbe verfasster Brief das Leben des erfolgreichen Sektionschefs des Unterrichtsministeriums, Leonidas, (nobel und mimisch reich verkörpert von Joseph Lorenz) auf den Kopf. Darin bittet eine Frau um Hilfe für einen Studienplatz in Wien für ihren jüdischen Sohn. Und plötzlich die harschen Zweifel: Leonidas muss sich fragen, ob dieser nicht auch sein Sohn sein könnte? Viel zu lange liegt die Zeit zurück….

Lorenz jedenfalls beherrscht über weite Strecken die Bühne mit seiner Darstellung eines vom schlechten Gewissen geplagten „hohen Tiers“.

Leonidas‘ reiche Frau Amelie, verständnisvoll, aufopfernd und doch erschüttert, sowie sehr zurückgenommen spielt sehr fein Fanny Stavjanik. Die betrogene Ehefrau muss ihrer Angst ins Auge sehen.

Nicolaus Hagg fügte in seinem Ideenreichtum eine neue Figur ein. Diese fungiert als Zeitzeuge mit Witz, Charisma und Gespür für die neue Welt. Spielt doch die Originalversion im Jahre 1936. Es handelt sich um Amelies Bruder Paul (Alexander Rossi).

Ebenso Platz ist für musikalische Einlagen wie Beethovens Mondscheinsonate oder Schlager wie „Kann denn Liebe Sünde sein?“.

Die verlassene Geliebte Vera Wormser, ihres Zeichens Philosophin und ein kluger Kopf, wird ebenso feinsinnig wie trotzig von Stefanie Dvorak dargestellt.

Die Rolle des Ministers wäre für den leider verstorbenen Peter Matic vorgesehen gewesen. Thomas Kamper sprang für ihn ein und zeichnet ein diffiziles Bild voller Bodenständigkeit. Peter Moucka spielt den national gesinnten Büromenschen Hofrat Skutecky detailreich.

Für das Reichenauer Stammpublikum (nicht nur) bedeutet diese Aufführung eine sanfte Auffrischung. Die Bühnendekoration stammt von Peter Loidolt (kammerspiel-artig). Für die Kostüme zeichnet – brav und edel – Erika Navas verantwortlich, da gingen sich eine fesche Krawatte für Lorenz und ein türkisfarbener Seidenmorgenmantel für Stavjanik aus.

Info:

http://www.festspiele-reichenau.com

Gespielt wird die „Blassblaue Frauenschrift“ noch bis 03.08., alle Vorstellungen sind ausverkauft.

Die Wiener Staatsoper gründet ein neues Studio…

Damit der sängerische Nachwuchs sich auch beweisen kann und das Ensemble sich immer wieder erneuert, gründen der designierte Staatsoperndirektor und der Musikdirektor ein neues Studio für JungsängerInnen.

Bogdan Roščić als Staatsoperndirektor ab 2020 (er war ab 2006 Chef der Decca Music Group London und ging 2009 zu Sony Music in die Klassik-Sparte) und Philippe Jordan als sein neuer Musikdirektor starten ein Ausbildungsprogramm für Nachwuchssänger. Dieses wird unter der Leitung von Bariton Michael Kraus stehen. Er bezeichnet sich als ein „vom Glück Berufener“. Weltweit ist er seit 1996 in der Sängerbranche aktiv.

Das neue Ausbildungsprogramm beziehungsweise Opernstudio soll die Aufgabe erfüllen, jungen SängerInnen den Weg an das Haus zu ebnen und weiters Möglichkeiten aufzuzeigen, sich ihre künstlerische Heimat aufzubauen.

Interessentinnen und Interessenten, welche nach dem 1. Jänner 1990 geboren sind, haben die Möglichkeit, sich bis zum 30. September 2019 über die Staatsopern-Homepage anzumelden. Mit Beginn der Amtszeit von Bogdan Roščić wird das neue Opernstudio gestartet.

Infos:

http://www.wiener-staatsoper.at