Carl Michael Ziehrer

Schlichtheit, gepaart mit Temperament und Eisläufern – Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2017

 

Wir schreiben das Jahr 2017 und der Kulturpavillon schreibt mit Leidenschaft wieder die alljährliche Rezension über das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Das wohl berühmteste Konzert der Welt wird in über 90 Länder per TV übertragen und ist heiß erwartet und beliebt. Auf der ganzen Welt haben sich Fan-Gruppen zusammengeschlossen, die sich intensiv auf den 1.1. des Jahres vorbereiten. Wohl auch in Venezuela, der Heimat des diesjährigen Dirigenten, des (erst) 35-jährigen Gustavo Dudamel.

Nach dem ersten Marsch aus der Operette „Wiener Frauen“, nämlich dem sogenannten „Nechledil-Marsch“ (Lehár), welcher nicht gerade ein besonderes Glanzstück des famosen Komponisten darstellt, durfte man sich von diesem Konzert noch weitaus mehr erwarten. Lehár schrieb quasi eine Operette nach der anderen, viele davon als richtiggehende Welt-Hits, so wie die „Lustige Witwe“, deren Melodien wohl ein jeder, der Musik im Entferntesten mag, schon einmal gehört hat.

Im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, prächtigerweise dieses Jahr sogar mit einigen Südfrüchten geschmückt, waren die Wiener Philharmoniker schwelgend in einer fantastisch ausgewogenen Version von Emilé Waldteufels „Les Patineurs“ oder auf Englisch „Skater´s Waltz“ (op. 183). Fein ziseliert die Passagen vorgetragen, kam nicht nur Dudamel selbst ins Schwärmen. Zum Weinen schön! Waldteufel war, wie bereits im vorigen Jahr nebst „Espana“, ein Konkurrent der Strauß-Dynastie, welcher in ähnlichem Stil komponierte.

Gustavo Dudamel ist mit seinen 35 Jahren der jüngste Dirgent in der Geschichte des Neujahrskonzertes. Und man muss ihm sagen, er hat seine Sache famos gemacht. Mit einem stets wundervoll charmanten Lächeln, das noch keiner der Dirigenten vor ihm gezeigt hatte, ging er an die Stücke heran. Sein merkbares Temperament war dennoch – oder schien dennoch etwas gezügelt zu sein. Geboren wurde er in Venezuela, und gilt in seinem Land als „Symbolfigur einer einzigartigen Klassik-Bewegung“. Er erwähnte zudem, dass er schon als Baby das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker im Fernsehen „mitverfolgt“ habe und es nun zu leiten, eine ehrenvolle Aufgabe sei.

Weiter im Programm ging es mit der schwungvollen und ur-wienerischen Polka „S´ gibt nur a Kaiserstadt, s´ gibt nur a Wien!“ (op. 291) von Johann Strauss Sohn, das erste Stück der Strauss-Dynastie in diesem Konzert, wobei die öffentliche Meinung auseinandergeht. Die „Sträuße“ sollten doch eigentlich dieses Welt-Konzert dominieren, meinen die Einen. Die Anderen gestehen auch „Außenseiter-Komponisten“ eine große Rolle im Neujahrskonzert zu. Beide Meinungen dürften wohl heuer befriedigt worden sein.

Von Johanns Bruder Josef Strauss folgte die „Winterlust“ (op. 121) als rassige, und doch sehr entzückend vorgetragene Schnellpolka, bei welcher Dudamel  entfesselt war. Spezialeffekte wie das Zusammenklappen eines Holzblocks ließen launigerweise nicht lange auf sich warten.

„Mephistos Höllenrufe“ (op. 101), wieder von Johann Strauss Sohn, gerieten zu einem rasanten, aber ehrlich gesagt, wenig „bedrohlichen“ Szenario. Da hätte man sich mitunter ein bisschen mehr Dramatik erwarten dürfen. Ein wunderbar ausgearbeiteter Walzer, mit vielen ausdrucksstarken und auch verstrickten Motiven, den die Philharmoniker mit Akribie intonierten.

Ein kleiner „Gassenhauer“ folgte sodann, aus der Operette „Eine Nacht in Venedig“, übrigens die einzige von Johann Strauss Sohn, die in Berlin (!) uraufgeführt wurde. Die Schnell-Polka „So ängstlich sind wir nicht“, (op. 413) war sehr wuchtig und angenehm schmissig gespielt, animierte beinah zum Mittanzen. Nur die im Original vortragenden Senatorsfrauen waren nirgendwo zu entdecken, aber wie deklariert, war das die Antwort der Philharmoniker auf den vorangegangenen Walzer.

Im zweiten Teil des Neujahrskonzertes fand man drei große Walzer, eine prächtige Ouvertüre sowie Polkas und sogar wieder eine Quadrille, nach einigen Jahren.

Die Ouvertüre zu einer eher selten gespielten Operette von Franz von Suppé, „Pique Dame“, in welcher sich alles um Liebe, Wahrsagerei und Kartenlegen dreht, wurde zu einem fulminanten Meisterwerk, die fein gesetzten Einsätze der Musiker, die Atmosphäre dieses Musikstückes, sehr gut ans Publikum transferiert. So lässt es sich trefflich feiern.

Auch ein weiterer, wunderbarer Komponist fand Eingang in das Programm des Konzertes, der Wiener Carl Michael Ziehrer, der mit seinen über 600 Kompositionen wichtig für das Kulturleben der Stadt war. Von ihm hörte man mit mächtiger Inbrunst vorgetragen den populären Konzertwalzer „Hereinspaziert!“, welcher schon bis auf Kreuzfahrten vorgedrungen ist. Mit seiner anspruchsvoll langen Spieldauer von acht Minuten stellt dieses Werk eine Herausforderung der leichten Muse dar. Es handelt sich dabei um Opus 518 aus der Operette „Der Schätzmeister“. Mit wechselnden Passagen, die doch immer so leicht klingen müssen, als rutschten sie förmlich von der Violine, überzeugten die Musiker auch hier auf ganzer Linie.

Einen prominenten Auftritt hatte bei der nächsten Gelegenheit der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, unter der Leitung von Johannes Prinz. Die Damen und Herren intonierten den „Mondaufgang“ aus Otto Nicolais Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ im Chor. Ein zu Herzen gehender Effekt hierbei: Es wurde einerseits von der Orgel aus ein silberner Staub ins Publikum geblasen, und andererseits wurden Kirchenglocken imitiert. Ein Erlebnis, zumal mit Otto Nicolai der Gründer der Wiener Philharmoniker bedacht wurde.

Die exquisit schöne Tänzerin Pepita d´Oliva wurde von Johann Strauss Sohn mit einer eigenen Polka beschenkt, simplerweise der „Pepita-Polka“ (op. 138), zu diesem Anlass kamen Kastagnetten zum Einsatz. Ein „Kleinod“, aber recht sinniges und auch stimmiges Juwel der Sträuße.

Es folgte eine mit Spannung erwartete Quadrille, und zwar die „Rotunden-Quadrille“ (op. 360) von Strauss Sohn. Diese wurde anlässlich der Weltausstellung 1873 in Wien komponiert, und rankte sich rund um einen nicht fertiggestellten Prachtbau in Wien. Auch diese geriet recht temporeich und sehr aufwiegelnd, im nächsten Moment aber wieder besänftigend.

Eine für den Juristenball geschaffene Komposition folgte auf dem Fuß: „Die Extravaganten“, (op.205) ein genau durchkomponierter Konzertwalzer von Strauss Sohn, wurde wieder höchst melodisch umgesetzt. Extravagant waren da Ton und Takt.

Eine Tänzerin des Wiener Staatsballetts, Liudmila Konovalova, hatte ihre Neujahrskonzert-Premiere und war entsprechend motiviert und aufgeregt. Bravourös meisterte sie auch schwierige Passagen.

Johann Strauss Vater komponierte den „Indianer-Galopp“ (op.111), der einen etwas irreführenden Namen trägt. Es waren nämlich damals indische Tänzer zu Besuch, zu deren Ehren dieses Werk entstand. Das rascheste Stück dieses Neujahrskonzertes, wo die Philharmoniker und Dudamel alles auf den Tisch legten.

Ein entzückendes Werk, thematisch angesiedelt in der Region Semmering-Rax in Niederösterreich, präsentierten die Wiener Philharmoniker mit Josef Strauss´ schwärmerischer Polka mazur „Die Nasswalderin“ (op. 267). Eine ähnliche Struktur wie bei seinem „Hit“, der „Libelle“, war nicht abzusprechen.

Eine resche Schnellpolka seines Bruders Johann Strauss folgte, zu der eine Tanzeinlage von sechs Studierenden der Ballettakademie geboten wurde: „Auf zum Tanze“ (op. 436), wirklich melodiös. Die Bekanntheit dieser Polka dürfte nicht zu Weltrang reichen, doch hörenswert ist sie allemal. Musiziert wie „Butter“ und genauestens abgestimmt auf die Tänzerinnen und Tänzer, die sich feudal im Goldenen Saal drehten.

Auf einen großen Walzer (Spieldauer: 8 Minuten 30 Sekunden) konnte man sich mit „Tausend und Eine Nacht“ (op.346) nach Motiven der Operette „Indigo und die vierzig Räuber“ (J. Strauss Sohn) einstellen. Hier hatten vor allem die Klarinetten (wie etwa Ernst Ottensamer) viel zu tun. Fein, mit großen, ausladenden Bögen und anregend zu lauschen!

Eine wohlbekannte Polka, zu der auch immer die Hauptfiguren aus Strauss´ „Fledermaus“, Eisenstein und Rosalinde, „leiden“,  rundete den offiziellen Teil des Neujahrskonzertes ab. Man gab die „Tik-Tak Polka“ (op. 365). Irgendwo spielen sie sie immer, net woar. Kompliment an die Philharmoniker und Dudamel, dass sie aus diesem Moment etwas Besonderes machten!

Eine hübsche Zugabe mit einem bei diesem Konzert unterrepräsentierten Strauss-Bruder, nämlich Eduard, stand im Raum. Letztes Jahr wurde er noch etwas mehr „gewürdigt“. „Mit Vergnügen“ (op.228) lautete diesmal sein Beitrag. Eine kleine Polka, die die Zuhörer mitriss, ehe…

…das „Geburtstagskind“ des heurigen Jahres zu seinen Ehren kam. Der „Donauwalzer“, oder wie er ganz streng, korrekt bezeichnet wird: „An der schönen blauen Donau“ (op. 314), feierte seinen 150. Geburtstag. Dudamel, ganz aufgeregt, legte sich sehr hinein und hatte den ganz pflichtbewussten, aber auch locker-melodiösen Zugang.

Den Abschluss bildete wie immer der „Radetzky-Marsch“ (op. 228), welchen Dudamel sehr exakt haben wollte und das Publikum nicht nur zum „Forte“- Mitklatschen, auch zu dem folgenden Begeisterungssturm brachte.

Bravo, Gustavo Dudamel, zu dieser Premiere!

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

 

 

 

 

 

 

 

Extrapost, Walzerkost, Violetta, Ninetta und Espana – Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2016

Goldener Saal des Wiener Musikvereins

 

Ein Klassiker der österreichischen Musikgeschichte: Jeder Dirigent, und sei er auch noch so versiert, ist ein bisschen nervös, an diesem besonderen Datum die Wiener Philharmoniker dirigieren zu dürfen. Im heurigen neuen, ganz frischen Jahr fand sich der lettische Maestro Mariss Jansons am Pult ein. Sechs Neujahrskonzert-Premieren hatte dieser Vormittag zu bieten.

Zu Ehren des geladenen Generalsekretärs Ban-Ki Moon interpretierte das Orchester zuerst eine Neujahrskonzert-Premiere: Nämlich den UNO-MARSCH von Robert IMG_0006Stolz. Die vereinten Nationen sollten hiermit gepriesen werden. Ein fast italienischer, sehr fröhlicher Klang, gemischt mit „Gardemaß“, wurde hörbar. Trompeten hatten einen großen Auftritt und dieser Marsch stellte einen herrschaftlichen Beginn des Neujahrskonzertes dar.

Als zweites Musikstück präsentierten die Philharmoniker den wunderbaren „SCHATZ-WALZER“ (op. 418) von Johann Strauss Sohn mit Motiven aus seiner Operette „Der Zigeunerbaron“. Dass die Figuren Saffi und Barinkay einen Schatz finden, das hat man „deutlich gehört“. Auch dass die Musiker „das und noch mehr“ können. Ausdifferenziert und beinah uneitel, edel musiziert kommt der große Motiv-Walzer an. Eine auffällige Begebenheit ist aber: Das Carnero (Figur) – Couplet innerhalb des Walzers ist abgekürzt worden, der Refrain wird kein zweites Mal mehr gespielt.

Als nächste (erste) Polka francaise ist „VIOLETTA“ (op. 404) aus der Operette „Der lustige Krieg“ ebenfalls von J. Strauss Sohn, an der Reihe. Eine ganz hübsche, sanfte Polka, die durch das heurige Neujahrskonzert 2016 zum persönlichen Favoriten der Autorin geworden ist (nebst den Werken „Albion-Polka“ und „Vom Donaustrande“, beide von J. Strauss Sohn und „Neckerei“ von Josef Strauß). Man meint ein wenig, Wien und den Fasching und ein Begehren von Spaß und ausgelassenem Tanz herauszuhören. Die Polka ist aber dabei seriös, ein ganz klein bisschen schwingt Melancholie mit und teilweise (!) ist sie nicht wirklich leichtfüßig. Gerade DIESE Mischung macht ihn aus, den Reiz dieses wunderbaren kleinen Juwels! Die Interpretation: Also, das Urteil lautet: Besser geht es nicht! Leichte Triangel, flotte Violine!

Es folgt ein Zug. Ja, richtig. Und zwar der „VERGNÜGUNGSZUG“, eine Schnell-Polka (op. 281). Ein flottes, wieder sehr leichtfüßiges Werk von Johann Strauss Sohn. Inspiriert vom Bau der Südbahn, es geht also ein „Vergnügungs-Zug“ von Wien aufs Land. Strauss schrieb diese kleine Schnellpolka 1864. Die Wiener Philharmoniker haben sichtlich Spaß dabei und verleihen der Polka Frische. Dirigent Mariss Jansons bläst komödiantischerweise mehrmals dabei in ein Horn (vermutlich um die „Abfahrt des Zuges“ zu symbolisieren).

Ein großer Konzertwalzer von Carl Michael Ziehrer (auch er ist heuer vertreten, und zwar mit einer Neujahrskonzert-Premiere!) die „WEANA MAD´LN“ (op. 388) steht weiters auf dem Programm. Ziehrer galt als Konkurrent der Strauß-Dynastie (von der sich ausschließlich Johann II. mit Doppel – s schrieb!) und war ein typisch wienerischer Komponist. Es ist ein großer Segen, auch die wunderschönen Melodien von ihm einem Neujahrskonzert zuzuführen. Man denke dabei auch an die berühmten und beliebten „Wiener Bürger“ oder den „Natursänger – Walzer“. Zu den „WEANA MADLN“, die im Übrigen äußerst ziseliert und feinsinnig vom Orchester wiedergegeben werden: Die hübsche Leitmelodie wird von den flexiblen Musikern nicht etwa gespielt. Nein, sie wird gepfiffen. Und wer genau hingesehen hat, der hat wahrscheinlich erkannt: Die ersten Pfeifer (äußerst melodiös) waren im Violinen-Sektor (u.a. Erste Violine Erich Schagerl, Erste Violine Martin Kubik und Erste Violine Andreas Großbauer) zu verorten. Eine ganz wundervolle Idee, das muss man sagen!

Eine sehr schnelle Polka schnell „MIT EXTRAPOST“ (op. 259) von dem jüngsten der Brüder, Eduard Strauß. „Der Edi“ war bekannt für seine raschen Wendungen in der Musik. Mariss Jansons erhält hier von einem Pagen als wiederum komödiantische Einlage einen original Strauß-Taktstock per „Extrapost“ geliefert. Gleich dirigiert er damit die schon ganz begierigen Wiener Philharmoniker, die rasend schnell einem Eilbrief gleichend, aber trotzdem sehr akribisch musizieren.

Die Abfolge dieser beiden aufeinanderfolgenden Musikstücke ist ein klein wenig „hart gewählt“, vielleicht war dieser Kontrast aber gewünscht.

Nach der Pause geht es weiter mit der schönen Ouvertüre zu einer der lustigsten Werke von Johann Strauss Sohn: „EINE NACHT IN VENEDIG“.  Sie dürfte beim Neujahrskonzert keine Unbekannte sein. Diese wird in der Wiener Fassung gespielt. Strauss selber wandte ein Gedicht an: „Wiener seid froh, oho, wieso…“ Sehr fein ausgekostet wird darin das Gondellied des Caramello. Die Philharmoniker schwelgen in diesem Stück wie in den Meereswellen, kommen mit einem raschen Finale wieder heraus: „So ängstlich“ sind sie nicht! Eine Hommage an Lust und Faschings-, pardon, Karnevalzeit!

Es kommt wieder „der schöne Edi“ an die Reihe, und zwar mit einer maliziösen Schnell-Polka, die schnell einmal halsbrecherisch werden kann: „AUSSER RAND UND BAND“ (op. 168). Sie hat viele Wendungen, die vom Orchester leichtfüßig und ganz problemlos angegangen werden. Auf Jansons Kommando achtet man da, fein und sauber wird auch diese ausgestaltet. Auch dieses kleinere Werk ist eine Neujahrskonzert-Premiere.

Die Philharmoniker spannen den weiten Bogen zu einem der allerschönsten Walzer vom eher unbekannteren, nicht minder genialen Bruder Josef Strauß: die „SPHÄRENKLÄNGE“ (op. 235). Der Legende nach können diese nur ungeborene Babys hören, die Musik der Sphäre. Aber, das Orchester ist an diesem 01.01. so gnädig, auch uns in den Genuss dieses schönen Werkes kommen zu lassen. Schwebend kommen die Töne, von den Violinen über die Violas bis zu den Querflöten. Einfach toll zuzuhören!

Eine Polka francaise steht wieder im Raum, und zwar die „SÄNGERSLUST“ (op. 328) von Johann Strauss Sohn (geschrieben für den Wiener Männergesangverein). Und mit ihr als Orchester-Begleitung die Wiener Sängerknaben. Sie haben den Text selbst dazugedichtet und wirken oberhalb des Orchesters stimmlich kräftig mit. Sie sind deutlich, genau wie die Musiker. Das gelingt erst einmal sehr gut bei diesem Werk. Beim zweiten ändert sich das leider etwas.

Das zweite in dieser Manier aufgeführte Werk „AUF FERIENREISEN“ (op. 133) von Josef Strauss misslingt leider laut der Meinung der Autorin, und dies aus zwei Gründen: Das Werk und die Melodie an sich sind sauber und wunderbar, stimmig in sich. Die Wiener Sängerknaben sind hier bemüht, einen eigenen Text sehr rasch „über die Melodie darüber zu singen“. Sie strengen sich sehr an, der Text ist viel, viel zu schnell vorgetragen. Man kann kaum folgen. Die Philharmoniker wiederum werden (gehört) etwas lauter, die Knaben leiser. Ein entzückendes Bild bietet sich visuell. Es passt leider hier nicht so wie erhofft. Für sich genommen haben beide (Orchester & Sängerknaben) eine tolle Leistung abgeliefert, aber zusammen hat das nicht gepasst.

Johann Strauss Sohn hat eine weitere Operette im Programm: Die „FÜRSTIN NINETTA“, wo die Wiener Philharmoniker die romantisch-flehentliche „Zwischenmusik – Entr´acte zwischen 2. und 3. Akt“ gewählt haben. In einem leidenschaftlichen und dennoch klaren Spiel und einer präszisen, romantischen Interpretation haben sie an dieser Stelle das Publikum besonders schwärmen lassen.

Die nächste Neujahrskonzert-Premiere stammt vom gebürtigen Elsässer Waldteufel. Emil(e) Waldteufel. Er bringt uns durch die schöne, wirklich makellose Interpretation an dieser Stelle der  Wiener Philharmoniker ordentlich  spanisches Flair in den Goldenen Saal des Musikvereins. „Wilde, dennoch klassische“ Rhythmen werden hier dargeboten. Exotisch und erfrischend kommtESPAÑA“ (op. 236) an die Ohren. Der sanfte Beginn lässt eine Felsenlandschaft in Spanien erahnen, so lebendig wird er interpretiert. Und dann kommt richtiges Feuer auf. Kastagnetten und ein Fächer zur Kühlung eines mutmaßlichen Kontrabassisten werden verwendet. Dieser Walzer, weit, groß, üppig, wird an manchen Stellen wieder ziseliert, um jede Nuance dieses Landes erahnen zu können. Auch gewisse Dramatik und natürlich der spanische Stolz kommen beim Werk des 1837 geborenen Waldteufels zum Tragen. Mit entsprechendem Stolz gehen die Wiener Philharmoniker unter Mariss Jansons an dasselbe heran.

Es folgt eine selten gespielte Szene. Die „BALLSZENE“ des auf dem Neujahrskonzerts nicht so populären Josef Hellmesberger senior. Diese soll einen Vorgeschmack liefern auf den Hausball der Philharmoniker. Die Violinen haben hier eine diffizile Arbeit zu verrichten, diese gelingt wie erwartet bravourös. Wenn man genau beobachtet, merkt man auch, dass das ein oder andere Rosshaar von den Bögen fliegt. Die Bögen selbst fliegen auch über die Saiten. Edel!

Ein eher kurzer, aber vielleicht liebevoll gemeinter „SEUFZER-GALOPP“ (op. 9), das einzige Werk auf diesem Konzert, das von Johann Strauß Vater stammt, (natürlich außer dem Radetzkymarsch!). Nettes Stückchen. Komödiantisch gut umgesetzt. Einige Seufzer lockern auf. Musikalisch auch gut umgesetzt, wenn auch wenig spannend an sich. Wenn man ganz ehrlich ist, hätte dieses kleine Bonmot vielleicht, vielleicht effektvollere Alternativen gehabt.

Josef Strauß versetzt daraufhin mit seiner wunderbaren „LIBELLE“ (op. 204) – Polka mazur alle ins Staunen und andachtsvolle Lauschen! Selten hat man diese Polka besser und differenzierter, feinsinniger gehört. Ein großes BRAVO den Philharmonikern für diese All-Time-Favorite-Einspielung, wenn man es denn so salopp nennen darf.

Der allseits bekannte und sehr beliebte „KAISER-WALZER“ (op. 437) von Johann Strauss Sohn. Was soll man dazu sagen. Perfekt. Einfach perfekt. Mehr gibt es nicht.

Und dann gehen die Musiker mit uns noch einmal auf die Jagd nach dem neuen Jahr. Mit „AUF DER JAGD“ (op. 373), einer Schnell-Polka von Johann Strauss Sohn. Fesch und resch musiziert, zwei Holzbretter sorgen am Beginn für einen heiteren Moment.

Eine unerwartete, herzliche Zugabe gibt es: Johann Strauss´ Sohn „IM STURMSCHRITT“ (op. 348). In Italien ist dieses Werk auch beliebt: Es hat sogar den eigenen Namen „A passo di carica“. Wie sehr oft, auch hier „molto bella“ anzuhören.

Zum Schluss verwöhnt man noch das Ohr mit den beiden Klassikern:

  • Der Donauwalzer „An der schönen blauen Donau“ (op. 314) – Johann Strauss Sohn. Langsam intoniert, ganz anders als bei anderen Neujahrskonzerten. Das Wasser scheint sich zu bewegen. Wahrhaftig.
  • Der Radetzkymarsch (op. 228) – Johann Strauss Vater – Mariss Jansons versteht sich auf das Einklatschen, er verlässt auch als „Gag“ einmal den Saal. Jeder Dirigent macht dies auf seine Weise. Spaßig und launisch war es.
Fazit: Wer dieses Neujahrskonzert noch nicht zu Ohren und zu Augen bekommen hat, der sollte es tun! Der beste Start in das Jahr 2016 mit dem famosen Orchester und einem meisterlichen Dirigenten!
IMG_0003 IMG_0400[1]