Ioan Holender

Sommertalk (6): Konstruktives Gespräch – Ioan Holender mit Kulturexpertinnen

Auf Schloss Leopoldskron, wo früher der Schauspielchef der Salzburger Festspiele Max Reinhardt residierte, fanden die Salzburger Festspielgespräche statt. Unter der charmanten und fordernden Moderation von Ioan Holender trafen sich Dr. Hedwig Kainberger, Ressortleiterin für Kultur bei den Salzburger Nachrichten und mehrfach ausgezeichnete Kulturjournalistin, und Bettina Hering, die Schauspielchefin der Salzburger Festspiele anno 2017. Diese gestaltet in enger Abstimmung mit Festspielintendant Markus Hinterhäuser das Programm.

Die Festspiele warten unter anderem mit „Lulu“ (Alban Berg), „Wozzeck“ (ebenso Berg) oder dem naturalistischen Drama Rose Bernd (Gerhart Hauptmann) auf. Der Jedermann, wie betont wird, ist natürlich singulär. Holender betont aber auch, dass dieser „nie ein wirklich erfolgreiches Stück“ gewesen sei, außer natürlich bei den Salzburger Festspielen. Bettina Hering spricht über Kooperationen mit Institutionen wie dem Wiener Burgtheater oder der Wiener Staatsoper in der Vergangenheit. Unter anderem habe man „Die tote Stadt“ nach Salzburg gebracht.

Holender meint, dass dabei immer Salzburg im Genre „Oper“ das berühmte Recht der ersten Nacht hätte. Er fragt sehr hartnäckig und dabei feinsinnig nach, ob es denn „selten oder nie“ vorkäme, dass Produktionen bei den Festspielen wiederaufgenommen werden. Doch, bekommt er Antwort, das wäre natürlich schon eine Option. Zum Beispiel wurden Werke von Andrea Breth schon wiederaufgenommen.

Dr. Kainberger fragt der charmante Ex-Staatsoperndirektor, ob sie wiederum den „Jedermann“ als ein gutes Stück bezeichnen würde. Sie antwortet: „Der Jedermann ist eigenwillig, er hat eine faszinierende Sprache. Die Sprache ist überhaupt das Element. Der Jedermann stellt eine wichtige Frage in unser aller Leben: Wie sterben wir gut?“. Die Kulturkritikerin hält die Neuinszenierung mit Tobias Moretti und Stefanie Reinsperger unter der Regie von Michael Sturminger für gut. Die Texteinstellungen wären sehr mutig.

Mit eine zentrale Fragestellung in diesem Salzburger Festspielsommer: Wieso will die Menschheit immer wissen, wer Jedermann und wer Buhlschaft darstellt? Ist das so wichtig? Es gibt immerhin eine eigene Pressekonferenz, um die beiden Hauptdarsteller vorzustellen. Dr. Kainberger antwortet: „Für „uns“ als Kulturkritiker ist es nicht so zentral wichtig. Aber: Der Jedermann steht für uns alle, und es ist ein Lehrstück, die Tischgesellschaft, das sind doch wir alle, die wir im Leben stehen.“

Der Jedermann habe die Aufgabe, mitzuteilen, dass man nie alleine sei. Auch wenn niemand bei einem ist. Und, Ioan Holender möchte noch etwas Wichtiges wissen: Was passiert denn nun, wenn der Hauptdarsteller des Jedermann, (in diesem Fall Tobias Moretti) krank wird? Ja, dann, meint Bettina Hering, dann „fällt die Vorstellung aus“. Warum? Könnte man denn nicht in Ausnahmefällen Cornelius Obonya wieder holen? Nein, es gibt nur einen Jedermann-Darsteller im Jahr, und der steht wie schon gemeint für die Allgemeinheit. Deshalb geht ein Ersatz nicht durch.

Wäre es nicht auch eine Option, einmal fremdsprachige Stücke bei den Salzburger Festspielen aufzuführen? Ja, natürlich, aber die Damen sind sich unter dem wachsamen Blick von Holender sicher: Wenn das Konzept stringent ist, dann kann das sein.

Ein stringentes Konzept, damit sind alle zufrieden.

NEUES von…Ioan Holender

ioan_holender

(c) komische oper berlin

 

Der umtriebige Opernexperte und frühere Direktor der Wiener Staatsoper, Ioan Holender, hat mittlerweile seine eigene Sendung auf dem Sender ServusTV. Sie heißt „KulTOUR mit Holender“. Der Kulturpavillon schaut sich regelmäßig Folgen an und kommentiert sie.  Die nächste Folge erwartet die Zuseher am 30.04., in der sich alles um den Star-Dirigenten Zubin Mehta drehen wird. (30.04., 18:50 Uhr, ServusTV)

KulTOUR mit Holender auf Servus TV – Plácido Domingo an der Scala in Mailand

KulTOUR mit Holender am 25. Februar 2016 – Placido Domingo an der Mailänder Scala in der Oper „I due Foscari“ von Verdi.

Eben noch stand Placido Domingo auf der Bühne der Mailänder Scala als Francesco Foscari in der Oper “I due Foscari”, die live auf ServusTV übertragen wurde. Gesungen hat er einfach unsagbar gut, aber gestorben ist sein Charakter nicht ganz so überzeugend. Mehr ließ er sich auf das Baldachin-Bett sinken. Frenetischer Jubel für Domingo, aber auch viele Buh-Rufe für andere SängerInnen. Michele Mariotti als Dirigent wurde auch nicht eben freundlich verabschiedet.

Es folgte nun im Anschluss eine Folge von KulTOUR mit Holender. Er besucht den Welten-Sänger Plácido Domingo bei seiner Vorbereitung zu „I due Foscari“.

Verdi, Callas und Domingo an der Scala. Davon schwärmt Ioan Holender in der heutigen Folge. Er besucht aber heute „nur“ Domingo, die anderen beiden können nicht besucht werden.

Wie denkt Maestro Domingo über dieses Werk?  Die einzige Oper, für die er noch zu jung ist, sie zu singen. Sagt Domingo. Francesco Hayez malte die due Foscari, die heute bekannter sind als die gleichnamige Oper. Wichtige geschichtliche Persönlichkeit. 4 Kinder verliert Foscari. Die Szenen seien schwer umzusetzen, meint Domingo.

Holender sucht das Gespräch mit Alexander Peireira: „I due Foscari“ ist wesentlich mehr ein Teil der Verdi Tradition, sehr anspruchsvoll für alle Sänger. Ein Stück, das genau im richtigen Moment kommt. Man hat eben so circa 20 Stücke als Intendant im Kopf und wartet bis „eines aus dem Kopf herauskommt“. Man darf Stücke nur dann spielen, wenn man die Besetzung parat hat, meint dazu Alexander Peireira, Intendant der Mailänder Scala.

Francesco Meli als Tenor steht Domingo seit Jahren zur Seite. Holender lobt ihn als den besten Verdi-Tenor unserer Zeit.

„Mein Stil ist, dass ich keinen Stil habe.“ Große Worte, Holender schaut skeptisch, aber der moderne, in einer Bikerjacke gekleidete Regisseur Alvis Hermanis erklärt ihm, dass jedes Tor einen anderen Schlüssel brauche.

Als Hermanis zum ersten Mal (in Salzburg) auf Domingo traf, lernte er ihn als eine offene, frische, verwundbare Person kennen, mit einem „heart in x-large“, wie er sagt.

1969 debütierte Domingo mit „Ernani“ an der Mailänder Scala. 21 Rollen sang er bisher hier. Heute, 2016, singt er also den alten Francesco Foscari hier.

Ein Ende ist nicht in Sicht, aber wir brauchen nicht mehr lange, bis wir dort ankommen. Sagt Domingo. Er spiele gedanklich bereits mit der nächsten Rolle für ihn.

Otello unter Carlos Kleiber lässt Domingo zur Höchstform auflaufen.Holender bekommt aus Emotion fast feuchte Augen. Wirklich mitreißend, die Interpretation.

Es folgt eine Einspielung von Cavalleria Rusticana 1981, ein Film von Zeffirelli mit Domingo.

Plácido Domingo wurde von Holender zu Alexander Peireira empfohlen.

Domingo singt, und auf einmal: Pagliacci ist so emotional, er singt es fast wahnsinnig. Man will das Ohr nicht mehr abwenden. Mit weißem Gesicht zieht er den Hörer in seinen Bann. Alle Tenöre einer Generation schaffen nicht zusammen, was Domingo schafft, so eine Meinung.

Eine weitere Einspielung, „Fedora“ 1993 mit der großen Mirella Freni. Das wirkt sehr romantisch.

Domingo denkt daran, als nächstes den Amfortas, den Gralskönig aus Parsifal, zu singen.

Domingo wird von Holender gefragt, warum es so ein spezielles Gefühl ist, an der Scala empfangen zu werden. Die Fans reden hier von allem, über Gestik und Mimik, über Phrasierung. Auch die Kritiker sagen ihm Dinge, die von unglaublicher Schönheit sind.

Holender ist merklich tief bewegt und bedankt sich herzlich bei Plácido Domingo.

 

KK sieht fern: KulTOUR mit Holender – das Slowakische Nationaltheater – Bratislava, Oper jenseits der Donau

ServusTV

In dieser Folge besucht Ex-Staatsoperndirektor und Moderator Ioan Holender die Stadt Bratislava, die eine wahrlich bewegte und abenteuerliche Geschichte vorzuweisen hat. Einst war es die Hauptstadt des ungarischen Königreiches, heute ist es die Hauptstadt eines unabhängigen Landes.

Es interessiert ihn besonders das Opernhaus. Drei Sparten deckt es ab: Oper, Schauspiel und Ballett. Die „neue“ thront hier neben der „alten“ Oper. Warum aber braucht Bratislava zwei Opernhäuser? Darüber ist sich Holender nicht im Klaren und befragt fachmännisch den Musikdirektor der Oper Bratislava, Friedrich Haider. Dieser offenbart ihm das Geheimnis: Verdi und Mozart werden im Alten Haus aufgeführt. Große Stücke im Neuen Haus, es ist das Alte nicht gemacht für Wagner und Strauss. Ein Stadttheater ist eben für große Werke nicht gebaut. Das Orchester spielt in beiden Häusern. Es gibt auch eine Philharmonie. In Bratislava pulsiert überdies das Musikleben: Die Stadt kann sich rühmen 3 Berufsorchester zu beherbergen, es existiert eine große Sängerszene. Wie kann eine Stadt nur so viele Sänger und Sängerinnen rekrutieren?, fragt sich Holender weiter. Brüder, Geschwister, Väter, Mütter, Töchter: Die Stimmen haben sie alle im Blut.

Holender lauscht den „Gioielli della Madonna“, einer Oper von Ermanno Wolff Ferrari. „Um Gottes Willen ist das schön, was hat das für ein hohes kompositorisches Niveau,wieso kennt man das nicht?“

Natalia Ushakova  und Daniel Captovich singen dieses Werk und versuchen, aus Bratislava ein „Bayreuth Wolff-Ferraris“ zu machen. Die Übersetzungen oberhalb, sind auf Slowakisch und Deutsch lesbar. Das liegt daran, dass auch das Wiener Publikum reges Interesse an Bratislava zeigt. Im Eingangsbereich sind die Sparten getrennt: Oper sowie Ballett rechts, und links das Schauspieltheater. Roman Polak leitet dieses. Die eigene künstlerische Freiheit ist ihm wichtig, man spielt etwa die „Almbraut“.  Oder „Moral 2000″, welches aktuelle Themen wie künstliche Lebensverlängerung, oder das Einfrieren von Eizellen beinhaltet. Holender wünscht sich daraufhin mehr aktuelle Thematiken auch in Wiener Häusern.

Unter der Habsburger Monarchie, 1920 sangen hier Berühmtheiten wie Marian Chudovsky, Lucia Popp, Anton Dermota. Mit der Straßenbahn reisten sie zu Vorstellungen an. Bratislava wurde als „Wiens drittes Opernhaus“ bezeichnet.

Holender macht sich auf zum jüdischen Gemeindemuseum. Pressburg wurde in der Habsburger Zeit als ungarisches Jerusalem angesehen. Bis heute ist Bratislava ein Zentrum des jüdischen Lebens.

Ioan Holender beendet diese Ausgabe mit einem hübschen Zitat von H.C. Andersen:  Die Slowaken wollten ein Märchen von ihm hören, darauf antwortete er: „Ihr wollt´s ein Märchen von mir? Die schönste Stadt habt ihr hier!“

Ioan Holender. Foto: ServusTV, 22.10.10

Ioan Holender. Foto: ServusTV

 

NEUES von…Ioan Holender

Ioan Holender Foto: Clemens Fabry

Ioan Holender
Foto: Clemens Fabry

Der ehemalige Direktor der Wiener Staatsoper ist keinesfalls in Pension gegangen, sondern nach wie vor umtriebig. Er hält Vorlesungen an der Universität Wien und hat eine eigene Sendung auf ServusTV namens „KulTOUR mit Holender“ (Lesen Sie hier eine Rezension davon.)

Der nächste Sendetermin ist der 3. Oktober. Holender besucht „The Tempest“. (18:55, ServusTV).

Kostenlos ist nicht umsonst…

Da Klingers Kulturpavillon im Sinne einer Kulturvermittlung für jedermann den geschätzten Lesern und Leserinnen seine Beiträge gerne weiterhin kostenlos zur Verfügung stellen möchte, aber steigende Kosten für Recherche und Anfahrten entstehen, ersuche ich jeden und jede, der oder die meine Kulturarbeit schätzt und dem/der sie etwas wert ist, um eine kleine finanzielle Unterstützung. Klingers Kulturpavillon ist werbefrei und finanziert sich auch nicht durch Anzeigen.

Ich bedanke mich herzlich für Ihr Verständnis und Ihre Unterstützung!

Bankverbindung Raiffeisen

IBAN: AT64 3286 5000 0101 1360

BIC: RLNWATWWNSM