Kammerspiele

„Saufen, trinken, untergehen.“ – SUFF (Winterberg und Rukov) in den Kammerspielen des Theaters in der Josefstadt

Ein Stück über notorische Trinkerinnen zu bringen, ist ein wenig gewagt. Die Kammerspiele des Theaters in der Josefstadt in Wien trauen sich das zu, und bringen tolle Schauspielerinnen in starken Charakterstudien auf die Bühne. In der Regie von Alexandra Liedtke laufen die Damen zur Hochform auf. 

Sona MacDonald, Elfriede Schlüsseleder, Marianne Nentwich und Therese Lohner mimen die vier trinkfreudigen Damen, die im Leben sonst keinen Sinn mehr sehen. Alle haben sie einst etwas dargestellt, in der feinen Wiener Gesellschaft. Aber jetzt, ist alles anders…

Das Stück dauert eineinhalb Stunden, trägt aber vom Stoff her durchaus mehr in sich. Alkohol dominiert auch das Bühnenbild. Die Altbauwohnung, in der Hedwig (Sona MacDonald) wohnt, wird zum Treffpunkt der Damen. Charmant sind sie alle auf ihre Weise, und Routine im Flaschen öffnen haben sie (komischerweise?) auch alle. Als Quartett in Reih´ und Glied aufgestellt und damit etwas grotesk wirkend, „kippen“ sie ihre tägliche Ration Alkohol hinunter.

Sona MacDonald als Hedwig ist überhaupt eine sehr zerbrechliche Figur, die kaum Stress verträgt. Ganz verwirrt reagiert sie auf Reize des Alltags. Elfriede Schlüsseleder als Irma kann zum Chaos ihrerseits beitragen, dass sie ihre Gedanken nicht vom „Suff“ abwenden kann, aber niemandem etwas zu Leide tun würde. Ein bisschen Humor, aber wirklich nur eine kleine Brise, verträgt das Stück von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov. Marianne Nentwich als Marion spielt vollends ihre Bühnenerfahrung aus und ist ständig fröhlich, wenn auch ein bisschen angestrengt. Spielt da nicht auch das namensgebende Getränk bei der Figur eine Rolle. Natürlich! Aber die Thematik lässt sich nicht allein auf Alkohol (Ethanol) reduzieren. Auch beginnende Demenz kann und wird eine kleine Rolle spielen. Therese Lohner als ehemalige Top-Tänzerin Constanze ist vor allem frustriert. Und so greift auch sie zur Flasche. Der einzige Mann im Gewirr, ist Martin Niedermair als Jacob und Sohn von Hedwig. Er bietet ein wenig Paroli in der vom „Suff“ dominierten Welt.

 

 

NEUES von…Hilde Dalik

 

Die Schauspielerin Hilde Dalik ist bereits seit 2006 Ensemblemitglied am Theater in der Josefstadt. In Film und Fernsehen ist sie ebenso öfters zu bewundern. Ganz aktuell spielt die Wienerin in den Kammerspielen der Josefstadt die Rolle der Krankenschwester Wilson in Bob Larbeys Tragikomödie „Schon wieder Sonntag“.

William! William! SHAKESPEARE IN LOVE am Theater in der Josefstadt/Kammerspiele

 

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Dominic Oley (W. Shakespeare) und Swintha Gersthofer (Viola) (c) Astrid Knie/Theater in der Josefstadt

 

Englands No 1. in der Dichtung. Das ist unser William Shakespeare. Bekannt durch seinen klugen Einsatz von Poesie und Fabelwesen, Wahrheit und Trugschluss in allen seinen Werken. Ausnahmsweise ist dies nun kein Werk von ihm, sondern ein Werk über einen inspirierten Schauspieler, welches am Theater in der Josefstadt (Kammerspiele) zur Aufführung gelangt. „Shakespeare in Love“ (die Uraufführung fand am Londoner WestEnd statt) erzählt die Geschichte des jungen aufstrebenden Schriftstellers Will Shakespeare, der in der Krise steckt…

Wer exakt die Idee hatte, dieses Stück an die Josefstadt zu bringen, dem ist wirklich zu danken! Es handelt sich hier um eine höchst gelungene Auflockerung, mit vielen Zitaten von Shakespeare, dem selbsternannten Titelhelden. Nach dem Drehbuch von Marc Norman und Tom Stoppard, in einer Bühnenfassung von Lee Hall ist Shakespeare in Love ein Werk von hoher Präzision. Hier in den Kammerspielen der Josefstadt findet die Deutschsprachige Erstaufführung also statt.

Szenen werden ineinander verhakt, was relativ gut angestellt ist. Das gesamte Schauspiel „spielt“ sich auf zwei verschiedenen Etagen ab. In der Regie von Fabian Alder können sich alle Charaktere entwickeln, es kommt aber auch viel Schwung in die Sache. Als mit Verve und tollem Mut agierendes Liebespaar Will Shakespeare und Viola de Lesseps sind die jungen Stars Dominic Oley und Swintha Gersthofer ein tolles Gespann.

Insgesamt beteiligen sich an dieser modernen und packenden Produktion 22 enthusiastische Darsteller und Darstellerinnen, darunter Susanna Wiegand, Oliver Huether, Olivia Pflegerl, Lupo Grujcic und viele mehr.

 

Irgendwo zwischen Weingummi und Demenz – SCHON WIEDER SONNTAG in den Wiener Kammerspielen der Josefstadt

Wiener Kammerspiele der Josefstadt                                                                         Juni 2015

Die Josefstadt bringt zum 85. Geburtstag von Otto Schenk eine Tragikomödie von Bob Larbey: „Schon wieder Sonntag“. (Vorbericht Kulturpavillon: Reife Herren brauchen Bühne)

In der einfühlsamen, jedoch a bisserl langatmigen Regie von Helmuth Lohner entfalten sich Otto Schenk und Harald Serafin in den Hauptrollen als Cooper und Aylott in Höchstform.

Otto Schenk als Cooper spielt überzeugend. Körperlich ist Cooper nicht mehr so fit, was er durch einen Sturz nahe bei seinem Bett im Zimmer des Altersheimes erfahren muss. Seine Tochter Julia, gespielt von Alexandra Krismer, und ihr Mann Peter, dargestellt von Oliver Huether, müssen ihn aufrappeln. Er macht lieber schmutzige Witzchen mit „seiner“ Lieblingskrankenschwester Wilson. Diese ist wortgewaltig und doch mit einer Zärtlichkeit und Weichheit ausgestattet von Hilde Dalik. Sie kümmert sich um Cooper, motiviert ihn, empfiehlt ihm das Mittagessen (wobei sich Cooper fast immer aus Trotz für die andere Speise entscheidet), und weint sich schon einmal an seinen Knien aus. Dass sie einen Freund hat, passt Cooper gar nicht, der heimlich in Wilson verliebt ist. Die Putzorgien von Mrs. Baker (köstlich auch Susanna Wiegand) sind Cooper ebenfalls ein Dorn im Auge, weshalb sie immer schon zur Sicherheit ruft: „Guten Morgen Mr. Cooper, bin gleich wieder draußen.“ Und doch hat auch sie eine liebevolle Seite, weil sie, während Cooper gegen seine Inkontinenz kämpft, ein Liedchen singt: „Picture me upon your knee“ (Doris Day). Schenk kostet seine Rolle aus, sie ist trotz aller Tragik auch ein wenig komisch angelegt, wenn er zu sarkastischen Späßen mit Wilson aufgelegt ist. Mit ihr darf er auf der Bühne Sandwiches „mampfen“, wenn er es ablehnt, einen Bissen zu nehmen, und Wilson abbeißt, beschwert er sich sofort: „Sie lassen einen alten Mann verhungern“. Coopers Tochter Julia ist anfangs nicht sehr gut auf ihn zu sprechen, was Alexandra Krismer mit der nötigen Coolness spielt. Ihr Mann ist ein bemühter, aber unterdrückter Charakter. Oliver Huether trifft das recht gut.

Die Highlights in Coopers Dasein sind die Besuche seines Freundes Aylott. Harald Serafin zeichnet diesen Charakter stark, als einen Menschen, der sich zwar davor fürchtet, dement zu werden, aber den schleichenden Übergang nicht merkt. Einmal möchte Aylott zum Kiosk gehen, und verläuft sich in ein Industriegelände. Die schleichende Demenz ist etwas Bösartiges, und auf einmal platzt Aylott herein. Mitten in Coopers Besuchszeit, was von diesem mit einem „Jetzt platzt er in die Besuchszeit, der alte Trottel“ quittiert wird. Spät aber doch erkennt Cooper Aylotts Not, tröstet ihn mit seinen geliebten Weingummis, streichelt und stachelt ihn gleichermaßen an: Gib nicht auf, dir etwas zu merken. Die beiden gehören zusammen, auch wenn es Reibereien gibt. Während Schenk als Cooper eher schleißig ist und herumschlurft und zotige Witze macht, schreitet Serafin als Aylott wie ein englischer Sir, perfekt angezogen und parlierend, ins Zimmer.

Bei Schenk ist es die Gestik und das Herumgezeppel und Fuß-in-die-Höhe-Werfen. Der Bühnensturz ist beachtlich, er muss sich dafür ordentlich schwer machen. Anziehen, Sesselrücken und Pantoffel überstreifen sind schwer in diesem Alter, Otto Schenk stellt genau dies sehr glaubhaft dar.

Bei Serafin besticht die bemerkenswerte Mimik, vor allem gegen Ende des Stückes, wo er mit starren und ausdrucksleeren Augen den fortgeschrittenen Demenzkranken darstellt. Kraftlos, blass und hoffnungslos wirkt der Mensch Aylott, der durch Freundschaft wieder ein wenig Kraft schöpft.

Jeder überzeugt auf seine Weise in dem etwas langatmigen Stück. Besonders die Besuchsszenen von Coopers Verwandtschaft, die stark und überzeugend gespielt sind und sehr viel Kraft haben, sind leider zu sehr ausgestaltet und aufhaltend in die Länge gezogen, da hätte man schon den Rotstift ansetzen müssen.

Das Bühnenbild von Amra Bergman-Buchbinder ist karg, aber effektiv gestaltet. Eine nette Idee, dass die Darsteller beim Schlusstableau durch Coopers Wohnung gehen.

Ein starker, langer Abend.

-Martina Klinger-

Link:

http://www.josefstadt.org

Informationen:

Vorstellungen bis 21. Juni (17:00), Wegen des großen Erfolges Fortsetzung ab September.