Verena Barth-Jurca

Ein Hilferuf aus Mörbisch – Viktoria und ihr Husar

Die beliebten Seefestspiele in Mörbisch (nicht nur wegen des Feuerwerkes zum Schluss!) feierten am Donnerstag mit der eher wenig bekannten Operette „Viktoria und ihr Husar“ von Paul Abraham Premiere. Dieses Werk wurde bereits vor Jahrzehnten hier aufgeführt. Johannes Heesters trat damals auf. Es braucht eine Portion Mut, diese „Außenseiteroperette“ auf den Spielplan zu setzen. Die kühne und mutige Intendantin Kammersängerin Dagmar Schellenberger hat dies getan. Eine wahre Materialschlacht, die alle in den Bann ziehen sollte. Aber leider ein trauriges Fazit: Die heurige „Viktoria“ konnte keinen Siegeszug antreten (wie ihr Name vielleicht verspricht). Die Operette gehört leider zu den schwächsten, die Mörbisch in den letzten Jahren gesehen hat.

csm_steppan_schellenb_heim_slider_395cbfc2c9

(v.l.) Andreas Steppan, KS Dagmar Schellenberger, Michael Heim als Cunlight, Viktoria, Koltáy (c) Jerzy Bin Photography

 

 

Man hatte sich sehr viel erwarten dürfen: Im Vorfeld wurden Operetten-Quereinsteiger wie Andreas Steppan (den viele Besucher noch kannten, da er für eine österreichische Baumarktkette jahrelang geworben hat) gelobt und mit zahlreichen Vorschusslorbeeren bedacht. Leider eine glatte Fehlbesetzung, wie sich für die Rolle des Botschafters Cunlight herausstellte. So eine Rolle, so leid es einem tut, braucht Stimme, braucht viel mehr Ausstrahlung. Gesicht hat Steppan, Stimme nicht. Kammersängerin Dagmar Schellenberger vermag ihrer Viktoria hingegen auch stimmlich Glanz zu verleihen und eben jene Ausstrahlung. Aber auch sie kann die Inszenierung nicht „herumreißen“. Zu versüßt, zu aufgebläht, zu unglaubwürdig sind die gezeigten Idyllen. Kimonos und Russenmützen, Folklore und Nationalstolz, es ist schlicht „much too much“. Es wird getanzt, getanzt, getanzt (die schweißtreibende Choreographie: Simon Eichenberger), viel mehr als gesungen, was ja seit jeher eine Mörbischer Kernkompetenz darstellt. Die Tänzerfüße schreien schon um Hilfe. Dabei müsste es an tollen Sängern und Sängerinnen nicht mangeln. Herauszuheben aus dem durchmischten Ensemble ist Michael Heim, der sich als Koltáy sehr bemüht, und für sich tolle Momente herausfassen kann. Außerdem sind Andreas Sauerzapf, Katrin Fuchs (bekannt als „Eliza“ von 2009) und Verena Barth-Jurca (war schon 2015 in der „Nacht in Venedig“ dabei) entzückende Sänger(innen).Man nimmt sich durch diese Inszenierung (Reige: Andreas Gergen) selbst sehr, sehr viel Potential weg. Einen massiven Pluspunkt kann man musikalisch mit David Levi (alternierend mit Günter Fruhmann) als Dirigenten sammeln.Paul Abrahams vielschichtige und reizvolle Musik wurde gut umgesetzt. Selbst eingefleischten Mörbisch-Besuchern dürfte aber die massive Überladung aufgefallen sein. Man wollte gefallen, um jeden Preis. Es gab verhaltenen Applaus.

Dagmar Schellenberger wollte sich heuer vermutlich an einer Mörbischer „Leistungsschau“, nämlich darzubieten, was an der riesigen Seebühne mit Eigenleben technisch alles möglich ist, versuchen. Für die Intendantin muss man hier eine Lanze brechen. Die vielen wechselnden Orte, über Tokio, Sibirien bis hin zu Ungarn und die allzu üppige Ausstattung sind natürlich Luxus, gar keine Frage. Der Bau der gigantischen Bühnenteile muss viel Zeit und Geld verschlungen haben. Die Idee ist an sich sehr gut. Es hakt daran, dass dies viel zu offensichtlich, und gar nicht versteckt auf die sanfte Weise, dem Publikum offeriert wird. Die Sänger treten eher in den Hintergrund. Wen das nicht stört, der ist heuer noch bis 20. August an der Seebühne sehr gut aufgehoben.

 

Eine Frau zwischen zwei Männern -Seefestspiele Mörbisch 2016

Programmpräsentation PK Mörbischer Festspiele Viktoria und ihr Husar

Programmpräsentation PK Mörbischer Festspiele Viktoria und ihr Husar, Eden Bar, Wien, 20.4.2016, Andreas STEPPAN, Dagmar SCHELLENBERGER, Michael HEIM

Für die diesjährige Pressekonferenz inklusive feucht-fröhlicher Gesangseinlagen, um einen Ausblick auf den Sommer bei den Seefestspielen Mörbisch zu geben, wählte Intendantin KS Dagmar Schellenberger eine höchst „ungewöhnliche“ Location: Man traf sich am Vormittag in der Eden Bar in Wien. Die mit rotem Samt üppig ausgestattete Bar ist eigentlich des Nächtens reich bevölkert. Ein Sänger scherzte gar, er sei „vor zwei Stunden gekommen“.

Nun die Vorschau auf die Sommermonate: Gräfin Viktoria (die von Intendantin Schellenberger selbst verkörpert werden wird) trifft, glücklich verheiratet, auf ihre Jugendliebe Koltay und erinnert sich an die wunderbare gemeinsame Zeit. Ihr Mann, US-Botschafter John Cunlight, weiß ebenfalls kaum, wie ihm geschieht. Nun steht sie also „nackt“ und wehrlos ihren Gefühlen gegenüber. Wer denn wissen möchte, wie sie sich entscheidet, der muss schon ins Burgenland kommen!

Eine vielversprechende und ambitionierte Besetzung für diesen seltenen Schatz der Revueoperette (Komponist Paul Abraham) steht bereit. Aus Routiniers und neuen Gesichtern hat die Intendantin raffiniert ihre Sänger und Sängerinnen rekrutiert: Tenor Michael Heim teilt sich die Rolle der Jugendliebe Koltay (Husarenrittmeister) mit Garry Davislim, der Graf Ferry wird von Volksopern-Sänger Jeffrey Treganza alternierend mit Peter Lesiak fein besetzt, seine Braut O-Lia-San singt die bereits als Ciboletta im letzten Jahr erfolgreich gewesene Verena Barth-Jurca gemeinsam mit Theresa Dittmar. Koltays Assistent wird der oftmals am Stadttheater Baden gefeierte Andreas Sauerzapf sein, er teilt sich die Rolle mit dem gebürtigen Deutschen Timo Verse, der am Konservatorium Wien studierte. Für die Rolle der Kammerzofe stehen zwei talentierte Damen bereit: Alternierend werden Laura Scherwitzl und Katrin Fuchs (in Mörbisch bereits 2009 als „Eliza Doolittle“ bejubelt) singen. Tibor Szolnoki und Rui dos Santos sind in kleineren Rollen als Bürgermeister und Priester zu sehen. Eine Überraschung gibt es dieses Jahr: Der Kabarettist, Werbestar und Schauspieler Andreas Steppan wird zum Operetten-Quereinsteiger und wird den US-Botschafter John Cunlight mimen. Die Regie hat Andreas Gergen über, für die musikalische Leitung wird David Levi verantwortlich sein.

Gespielt wird heuer in Mörbisch von 07. Juli bis 20. August.

 

 

 

SOMMERBühne 3: Auf hoher See mit sehr viel Schmäh – SEEFESTSPIELE MÖRBISCH mit Eine Nacht in Venedig

Seefestspiele Mörbisch. Burgenland

Die gewohnte Opulenz zu zeigen, war offenbar heuer Intendantin KS Dagmar Schellenbergers Ziel bei den Seefestspielen Mörbisch. Dies ist sehr gut gelungen. (Lesen Sie hier eine Vorschau vom Kulturpavillon im Dezember 2014: Lagunenstadt im Burgenland-nächstes Jahr) Dieses schöne Werk ist die ewig aktuelle „Nacht in Venedig“ von Johann Strauss, übrigens seine einzige Operette, die in Berlin uraufgeführt wurde (1883). Sanft und an manchen Stellen weniger sanft, aber sehr effektiv wurde sie in die Gegenwart geholt.

Eine durchwegs stringente und amüsante Änderung am Original wurde vorgenommen: Caramello ist hier in Mörbisch nicht der Leibbarbier des Herzogs, sondern sein erster Offizier. Warum das? Weil der Herzog der Kapitän seines eigenen Schiffes ist: Die HERZOG von URBINO (imaginär der Reederei MSC zugeordnet) legt in Mörbisch vor Anker. Es ist ein Riesen-Dampfer, ein Kreuzfahrtschiff, das schon von Weitem alle Blicke auf sich zieht. Bewegt wird diese überdimensionale Kulisse per Rad im Hintergrund von „acht Technikern, die sich das Fitnessstudio sparen“, wie die Intendantin im Vorfeld erklärte. Die liebevoll gestaltete Kulisse mit Trattoria und sonstigen original italienischen Einrichtungen stammt von Walter Vogelweider. Spektakulärer Genuss für das Auge. In Punkto Genuss für das Ohr kommt man heuer als anspruchsvoller Operettenbesucher auch nicht (viel) zu kurz. Hierfür sorgen meistens die Hauptpartien: Herbert Lippert begeistert als Herzog von Urbino (oder Kapitän), der seine Kapitänsmütze auch schon einmal launig gegen ein Kostüm im Stil von Jack Sparrow aus „Fluch der Karibik“ tauscht; Mirko Roschkowski als sein 1. Offizier gibt sich große Mühe und wird belohnt. Einen lustigen und stimmlich guten Pappacoda liefert Roman Martin ab. Die Annina, reizvoll verkörpert von Elena Puszta, hat ein bisserl mit der Höhe zu kämpfen. Verena Barth-Jurca als Ciboletta singt gut, darstellerisch ist sie sehr flott unterwegs. Die tanzenden Karnevalsbesucher (Choreografie von Mirko Mahr von der Oper Leipzig) hübschen die Szenerie auf.

Die große Cinemascope-Bühne will, wie auch jedes Jahr, mit Leben gefüllt werden. Der Dampfer ist ohne Frage das zentrale Element dieser sehr flotten Inszenierung mit markigen Sprüchen. Für diese sorgte jemand, den man so gar nicht der Operette zuordnen würde: Joesi Prokopetz. Er frischte ein wenig den Text auf und sorgte sich sogleich um die „Sitten“. Aber bitte, wir sind hier nicht im „Zigeunerbaron“. Es ist eine gute Idee, mit Prokopetz ein wenig Kabarett einziehen zu lassen. Er übernahm auch gleich die Rolle des Senator Barbaruccio. Dass man es mit dem Kabarett auch übertreiben kann, zeigte Verena Scheitz als Agricola. Wie sehr sie sich auch müht, Sprechen ist eher ihre Stärke als Singen. Da kommt dann schon die Moderatorin in ihr durch. Darstellerisch sehr in Ordnung.

Zwei mit dem Titel Kammersänger(in) konnte man heuer ebenfalls auf der Bühne bewundern: Die Intendantin Dagmar Schellenberger höchstselbst als Frau Delacqua, Barbara, ließ (nicht nur) mit ihrem Schwipslied aufhorchen. Heinz Zednik als Senator Bartolomeo Delacqua lässt keine Wünsche offen, ein großer Sänger.

Der ebenfalls wie die beiden vorigen Mörbisch-erfahrene Ernst-Dieter Suttheimer (Enterich im „Bettelstudent“) darf sich als Senator Testaccio Lacher holen. Seine Frau Constantia wird von der Tochter des Festspielgründers Herbert Alsen, Marina Alsen verkörpert. Spielfreudig und kokett gibt sie auf der Bühne alles. Newcomer Otto Jaus schließlich komplettiert das Ensemble mit seinem heißblütigen Enrico Piselli, der Barbara ganz stürmisch umwirbt.

Die Regie liegt in den bewährten Händen von Operettenspezialist Karl Absenger, der in Mörbisch schon das „Weiße Rössl“ in Szene setzte. Er führt die Personen durch das heiter-amouröse Treiben. Musikalisch lässt sich unter dem Dirigat von Andreas Schüller nichts beanstanden. Die Musik fließt rasch wie die Wellen vor dem Palazzo Ducale.

-Martina Klinger-

Information:

Alle Spieltermine unter folgendem Link:

http://www.seefestspiele-moerbisch.at/programm/eine-nacht-in-venedig/spieltermine/

Seefestspiele Mörbisch / Bühnenbild für Eine Nacht in Venedig, Walter Vogelweider

Seefestspiele Mörbisch / Bühnenbild für Eine Nacht in Venedig, Walter Vogelweider  (c) Jerzy Bin Photography