Nicolaus Hagg präsentiert als Auftakt der Reichenauer Festspiele 2019 eine Neufassung nach Franz Werfels „Eine blassblaue Frauenschrift“. Blass ist hier nur die Zurückhaltung, nicht aber das Spiel.

Diese Aufführung erfolgte im Rahmen der Reihe: „Frauenschicksale in der Weltliteratur“. Die Regie übernahm Julian Pölsler, dem das Stück bereits aus seiner Zeit als Regieassistent bekannt war. Soll man es vorsichtig, umsichtig nennen? Wagemutig ist man in Reichenau bei dieser Inszenierung nicht, sie ist recht brav, solide im besten Sinn.

Wie hinlänglich bekannt sein mag, stellt ein in der titelgebenden Farbe verfasster Brief das Leben des erfolgreichen Sektionschefs des Unterrichtsministeriums, Leonidas, (nobel und mimisch reich verkörpert von Joseph Lorenz) auf den Kopf. Darin bittet eine Frau um Hilfe für einen Studienplatz in Wien für ihren jüdischen Sohn. Und plötzlich die harschen Zweifel: Leonidas muss sich fragen, ob dieser nicht auch sein Sohn sein könnte? Viel zu lange liegt die Zeit zurück….

Lorenz jedenfalls beherrscht über weite Strecken die Bühne mit seiner Darstellung eines vom schlechten Gewissen geplagten „hohen Tiers“.

Leonidas‘ reiche Frau Amelie, verständnisvoll, aufopfernd und doch erschüttert, sowie sehr zurückgenommen spielt sehr fein Fanny Stavjanik. Die betrogene Ehefrau muss ihrer Angst ins Auge sehen.

Nicolaus Hagg fügte in seinem Ideenreichtum eine neue Figur ein. Diese fungiert als Zeitzeuge mit Witz, Charisma und Gespür für die neue Welt. Spielt doch die Originalversion im Jahre 1936. Es handelt sich um Amelies Bruder Paul (Alexander Rossi).

Ebenso Platz ist für musikalische Einlagen wie Beethovens Mondscheinsonate oder Schlager wie „Kann denn Liebe Sünde sein?“.

Die verlassene Geliebte Vera Wormser, ihres Zeichens Philosophin und ein kluger Kopf, wird ebenso feinsinnig wie trotzig von Stefanie Dvorak dargestellt.

Die Rolle des Ministers wäre für den leider verstorbenen Peter Matic vorgesehen gewesen. Thomas Kamper sprang für ihn ein und zeichnet ein diffiziles Bild voller Bodenständigkeit. Peter Moucka spielt den national gesinnten Büromenschen Hofrat Skutecky detailreich.

Für das Reichenauer Stammpublikum (nicht nur) bedeutet diese Aufführung eine sanfte Auffrischung. Die Bühnendekoration stammt von Peter Loidolt (kammerspiel-artig). Für die Kostüme zeichnet – brav und edel – Erika Navas verantwortlich, da gingen sich eine fesche Krawatte für Lorenz und ein türkisfarbener Seidenmorgenmantel für Stavjanik aus.

Info:

http://www.festspiele-reichenau.com

Gespielt wird die „Blassblaue Frauenschrift“ noch bis 03.08., alle Vorstellungen sind ausverkauft.