Die Wiener Volksopernfreunde (VOF) laden zu einer Matinee – Künstlerporträt mit Musik – nach Wien-Döbling, in die Villa Wertheimstein, welche auch das Bezirksmuseum Döbling (Leitung: Dr. Brigitte Kolin) beherbergt. In diesem schönen Ambiente unterhalten sich für knapp zwei Stunden der Präsident der VOF, Dr. Oliver Thomandl, und Kammersängerin Ulrike Steinsky über Persönliches und Karriere. Sie hat Familienmitglieder mitgebracht, genauer ihre Schwester Eva und ihren Gatten Alois, die ihr auch gesanglich zur Seite stehen. Es ist ein forschendes, tiefgehendes Interview, das auch philosophisch wird, etwa mit der Frage: „Was ist Glück?“. Zuerst wirbelt die Künstlerin auch schon in der Rolle der Sylva Varescu aus Emmerich Kálmáns Csárdásfürstin durch die mit treuen Fans und Kennern gefüllten Reihen. Das große Auftrittslied „Heia, heia, in den Bergen ist mein Heimatland!“ erklingt. „Bist Du mein, musst mein Du bleiben, musst mir Deine Seel‘ verschreiben, muss ich Himmel Dir und Hölle sein.“
Ulrike Steinsky ist Sopranistin – engagiert an der Wiener Volksoper und dort schnell zum Publikumsliebling geworden – und hat Gesang bei Kammersänger Waldemar Kmentt und Kammersängerin Hilde Zadek erlernt. Sie hat sich nie etwas anderes vorstellen können, als Sängerin zu werden. Das war ganz klar, ihr Vater war jedoch nicht überzeugt von diesem Berufswunsch. Sie und ihre Schwester überreden ihn schließlich. Die junge Ulrike übt auf den Stiegen ihres Elternhauses (sie bezeichnet sich selbst als Kind des 9. Bezirks, alles Wichtige in ihrem Leben hat sich hier abgespielt) bereits früh ihre Auftritte. Im Alter von zehn Jahren kann sie Opernrollen sowie Operettenarien singen. Sie entscheidet sich logischerweise für den musischen Zweig in der Schule – die Alternativen Griechisch oder darstellende Geometrie sind undenkbar. Dann kommt das Konservatorium.
Später empfiehlt sie ihr Lehrer Kmentt an das Opernstudio der Wiener Staatsoper, wo sich Lorin Maazel und Marcel Prawy sofort ihrer annehmen. Sie glauben an ihr Können. „Können, so sagt Ulrike Steinsky, ist ganz wichtig. Wenn man etwas kann und man weiß, dass man es kann, ist man nicht nervös.“ Sie selbst ist auf der Bühne nicht nervös, genießt es und hat am Anfang der Drehbühne als Glücksbringer einen Teddy sitzen, wie Thomandl charmant erfragt. An der Wiener Staatsoper arbeitet sie mit großen Namen der damaligen Zeit, wie Edita Gruberova, Sena Jurinac, Franco Corelli. Das waren alles Kollegen, sagt sie.
1986 erfolgt ihr Start an der Volksoper. Sie hat beispielsweise die Papagena (Zauberflöte) oder die Marzelline (Fidelio) verkörpert. Anfangs hat sie intensiv an Richard Strauss gearbeitet, als Darbietung hört man die gefühlvoll vorgetragene „Zueignung“. Die Solokorrepetitorin der Wiener Volksoper, Chie Ishimoto, begleitet sie enthusiastisch am Klavier. „Du sollst der Kaiser meiner Seele sein“, ein Lied das fast jeder kennt, stammt aus Robert Stolz‘ „Der Favorit“. Wunderschön vorgetragen, bleibt es lange im Gedächtnis. Was sagt Steinsky zum Text, der für heutige Verhältnisse sehr „unterwürfig“ klingt? Man muss es in dem Kontext sich denken, wie es damals war. Nicht versuchen, es in der Jetztzeit zu sehen. Man muss es fühlen. Auch wenn man in die Oper geht, sollte man sich denken, man sei jetzt in einer anderen Zeit gelandet, und sollte das genießen. Natürlich kann man manche Dinge nicht mehr so spielen wie früher. Aber warum spielen wir eigentlich keinen „Zigeunerbaron“ mehr, fragt sich die Künstlerin. Nur des Titels wegen, das ist lächerlich! Warum singe ich heute Vormittag alles selbst? Diese Frage beantwortet Kammersängerin Steinsky auch gleich: „Weil ich mich selbst nicht hören kann bei Gesangsbeispielen! Damit kann man mich jagen!“
1000 Kilometer mit dem eigenen Auto nach Köln zum Engagement zu fahren, ist für sie keine Seltenheit gewesen. Bus zu fahren, bereitet ihr Unbehagen. Beim Autofahren lernt sie ihren Kollegen, Tenor und späteren Gatten Alois Haselbacher näher kennen. „Entweder funktioniert eine Sängerehe sehr gut oder gar nicht.“, sagt Steinsky. Dazwischen gibt es nichts. Denn es würde niemandem nützen, wenn der eine immer nur in Bezug auf den anderen die „rosa Brille“ aufhätte und nur loben würde, oder das Gegenteil, immer nur kritisieren und Fehler finden würde.
Gemeinsam mit Alois Haselbacher singt Steinsky „Einmal möcht‘ ich wieder tanzen“ aus der schönen Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán. Händchenhalten und Kuss sind inklusive, was auch das Publikum freut.
Hätte sie ein Haus gehabt, wo sie gerne gesungen hätte? Die Metropolitan Opera vielleicht, fragt Thomandl. Eigentlich nicht, aber in der Mailänder Scala ist sie in Maria Callas‘ Garderobe gesessen und ist darauf ein bisschen stolz.
Kammersängerin Hilde Zadek, die ihr noch mit 99 Jahren die letzte Gesangsstunde gegeben hat, hat sie eine Technik gelehrt, um die Stimme gesund zu halten. Irgendwann wird das aber gerade zur Herausforderung, denn, so Steinsky, „der Körper altert ja und die Stimme ist noch fit.“ Wenn man das hohe C nicht mehr trifft, ist es auf jeden Fall vorbei, und sie ist in (hoffentlich ferner) Zukunft dankbar, wenn ihr jemand objektiv und ehrlich die Meinung sagt: „Jetzt musst Du aufhören!“ Sie ist auch Austropop-Fan, was sie mit einer Ballade von Stefanie Werger beweist. Mal was anderes, und es wurde auch sehr bejubelt.
„Die einzige Operette, wo ich einen Energydrink benötige, ist die Fledermaus. Für das Uhren-Duett und den Csárdás der Rosalinde (Klänge der Heimat) lasse ich mir von einem Diener ein kleines Glas servieren, wo dieser enthalten ist.“ Dies bedeutet auch die Schwierigkeit dieser aufeinanderfolgenden Musikstücke. Was hat sich Johann Strauß nur dabei gedacht?
Die Tierliebhaberin Ulrike Steinsky hat vier Hunde, drei Katzen und kümmert sich auch um Igelbabys, die keine Mutter mehr haben. Sie wollte unbedingt von Kindesbeinen an einen Dackel, heute bereut sie das ein bisschen, denn „diese sind unglaublich stur und machen nur das, was sie für richtig halten.“ Und so kommt es, dass vom Tisch schon einmal der Schoko-Osterhase fehlt.
Mit ihrer Schwester Eva präsentiert sie das „Katzenduett“, eben für zwei Katzen verfasst, und das einzige gesungene Wort ist „Miau“. Es wird Gioachino Rossini zugeschrieben. Da muss man schon sehr viel Mimik und Komik dazu addieren, damit es wirkt. Denn die zwei Katzen stehen nicht ruhig nebeneinander, sondern fauchen sich auch mal an. Die beiden Schwestern jedenfalls machen es bravourös und sorgen so für einen stürmischen Applaus aus dem Liebhaber-Publikum.
Was sind kommende Projekte?, will Oliver Thomandl wissen. Mit Kollegin Martina Dorak wird Steinsky zum Beispiel nächstes Jahr, also 2025 im Musical „Follies“ von Stephen Sondheim – natürlich an der Wiener Volksoper – zu sehen sein. Dafür erlernt sie jetzt schon den Stepptanz, denn sie spielt ein ehemaliges Revue-Girl. Man darf niemals aufhören zu lernen, gerade wenn man im Sängerberuf tätig ist! Sie wird an die sechzig Vorstellungen bekommen, unter der Direktion Lotte De Beers. Und, was ist für sie denn Glück? Glück, das ist, machen zu können, was man liebt, an einem Ort, den man liebt. Hat sie ein Lebensmotto? Auf diese Frage hätte ich mich vorbereiten müssen, sagt sie lachend.
Homepage der Künstlerin: https://www.ulrikesteinsky.com/
Mehr Information über „Die Wiener Volksopernfreunde“: www.vof.at
Mehr Information über das Bezirksmuseum Döbling: https://www.bezirksmuseum.at/de/museum/doebling/