Das Fegefeuer und märchen- und musenhafte Gefühle – „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach an der Staatsoper Unter den Linden Berlin

Eine andere Welt ist es, in die man als Zuhörer und Zuschauer versetzt wird – oder handelt es sich gar um mehrere? Die Unterwelt, das Fegefeuer, New Yorks Straßen: Gestalten, die manuell mit ihren äußeren Geschlechtsmerkmalen umgehen, als sei es legitim und selbstverständlich.

Regisseuse Lydia Steier bringt die Mär(chen) von E.T.A. Hoffmann (armer Dichter!) auf die Bühne der Staatsoper Unter den Linden Berlin. Sie setzt dabei auf Körperlichkeit, Erotik, Bewegung und Horrorelemente und es steigen Nebel und Rauch auf. Die Stimmung der Opéra fantastique in fünf Akten (je nach Sichtweise einem erklärenden Prolog und vier Akten) ist gedrückt, ausgelassene Feiern des Hoffmann mit Liebesräuschen sind ausgenommen. Die Grundlage bietet ein 1851 uraufgeführtes Theaterstück, welches sich nach Motiven aus E.T.A. Hoffmanns Erzählungen zusammensetzt: Der Sandmann, Rat Krespel, und Die Abenteuer der Sylvester-Nacht.

Die Bühne ausgestattet mit einem Paternoster-Aufzug, den der Protagonist benutzt um entweder gen Fegefeuer (groß beschriftet: PURGATORY) oder gen Himmel zu fahren, wird von Momme Hinrichs gestaltet. Er spielt mit der Farbenpracht eines Kaufhauses zur Weihnachtszeit (wo Hoffmann als kleiner Junge seine ersten „Erlebnisse anderer Art“ hat – was inszenatorisch eigentlich eine Unmöglichkeit ist! Es hätte noch allgemein gefehlt, dass hier „Last Christmas“ der Band Wham gespielt würde), einer kargen Wohneinheit mit Geigenfabrik darunter (im Antonia-Akt) oder der rauchig-schwülstigen, verschlagenen Atmosphäre eines Herrenbordells mit Leuten, die gerne ihr Handtuch öffnen wollen. Gruselig ist es öfter. Eine Märchenwelt, die in Hoffmanns Gedanken präsent ist. Es wird in Rückblende erzählt, Hoffmann wird anfangs auf dem Boden liegend (nicht mehr nur angeheitert, sondern Richtung Bewusstlosigkeit) vor einem Broadway-Lokal aufgefunden, und die Handlung mit den drei Geliebten entspinnt sich danach.

Die Muse/der Engel und der personifizierte Teufel zanken sich um Hoffmanns Seele. Nach außen wirkt Hoffmann selbst grau in grau, zurückgenommen und sinnsuchend, schwermütig und doch auf sonderbare Weise zu allem bereit. Der Fokus geht nicht weg von ihm, er wandelt im grauen Mantel und Sportschuhen durch seine Liebschaftswelten, wobei er im Antonia-Akt (die Frau, die wohl doch am besten zu ihm passen würde!) ein allzu braves „Schwiegersohn“-Outfit (im Stil der 50 er Jahre) bekommt. Sonst schlurft und stolpert er fasziniert durch das, was er in seinem Kopf erlebt. Ein Erlebnis auch für das Publikum!

Die Muse/Niklausse – Doppelrolle hat im Spiel mit Hoffmann gemeinsam die reizvolle Absicht, ihn beschützen und bewahren zu wollen. Aber sie streiten sich eigentlich gar nicht oder haben wenig auszuverhandeln, wie oft sonst zu sehen ist. Kopfstreicheln genügt. Mit Engelsflügeln und angedeuteter Rüstung wird sie doch etwas albern dargestellt.

Diese beiden, diese beiden: Benjamin Bernheim und Samantha Hankey erwecken Hoffmann und seine Muse zum Leben. Alex Esposito möchte im Leben Hoffmanns doch eine tragende Rolle spielen und schlüpft in die Rolle des Teufels. Esposito hat an diesem Abend mit gleich vier Rollen, die er selbst verkörpert, zu tun: Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel und dem Dapertutto mit seiner bekannten Spiegelarie, die eigentlich dazugegeben wurde. Er liefert durchwegs eine ordentliche, nicht überragende Leistung ab. Die Bühne ist ebenso flexibel wie die Darsteller, doch diese Darstellungen des Fegefeuers mit verblichenen Berühmtheiten und leucht-grüner Schrift behagt sehr wenig, ebenso wie die Unterweltgestalten mit Riesenpenissen, die sie auch noch herumbewegen, als wollten sie ihre übergroße Macht demonstrieren – wir sind ja so böse. Etwaige Äußerungen von Minderwertigkeitskomplexen der männlichen Zuhörerschaft werden natürlich nicht geltend gemacht werden können. Schließlich handelt es sich um angefertigte Prothesen.

Äußerlichkeiten sind auch im Fall von Hoffmanns Geliebten Olympia – Regina Koncz, Antonia – Siobhan Stagg und Giulietta – Sandra Laagus (Mitglied des internationalen Opernstudios der Staatsoper Unter den Linden) sehr wichtig, um sie deutlich vom grau gewandeten Hoffmann abzugrenzen und wohl auch, um ihren Einfluss auf ihn sichtbar zu machen: Olympia als zuckerstangen-behängte „Weihnachtspuppe“ rot gewandet, Antonia in einem schwarz-weißen biederen Kleid und Giulietta als Sexbombe im Stil der Jessica Rabbit, den Busen unendlich betont. Ist man sicher, dass es drei Frauen sind, oder doch drei Aspekte der Liebe? Gruselige Zombie-Gestalten tanzen!Hoffmanns Freunde Hermann und Nathanael, David Oštrek und Junho Hwang, unterstützen. Die Kostüme stellte Ursula Kudrna.

Der Chor (Einstudierung von Dani Juris) kommt aus dem Off- wenn er die Weingeister als Freunde des Menschen besingt. Mit dem Lied von „Klein-Zack“, einem Studentenlied in einer diesmal Berliner Lokalität, dem „Lutter und Wegner“ am Gendarmenmarkt (DIE WEINSTUBE), und flankiert vom umhertanzenden Ballett (die durchaus gute, aber manchmal weniger sinnvolle Choreografie stammt von Tabatha Mc Fadyen) stellt sich Bernheim als Hoffmann eindrucksvoll in die Mitte – und legt los. ER gibt dem Hoffmann stimmliche Wärme und die Sehnsucht, die man von ihm erwartet und somit gesamt gesehen einen Idealtypus. Mal hier, mal da ratlose Gesichtsausdrücke und doch rastlose Beine, die von einem Abenteuer ins nächste wollen und doch die große Erfüllung und die Zuneigung immer wieder auf das Neue suchen müssen. Er muss und wird strahlen in einer sehr überladenen Szenerie, die ihm für seine Abenteuer doch nicht immer dienlich ist. Die Höhen des Sängers sind schlichtweg ein Traum, der wahr wird. Zärtlich, samtig, verlässlich! Die Darstellung des so unsanft aus seinen eigenen Träumereien gerissenen Hoffmann, der am Ende sogar auch noch seine Geliebte Giulietta umbringt (!), gelingt ihm zu weiten Teilen leichtfüßig. Jedoch: Ab und zu hat man das Gefühl, es könnte eben darstellerisch eine Spur intensiver zugehen, wenn er sein Poesiealbum durchgeht oder sich aus den „Situationships“ wie man heute sagt, verabschiedet, nicht 1881, wo die Oper uraufgeführt wurde. DENN: Es liegt völlig bei ihm, die Magie erlebbar zu machen, die diese Oper ausmacht! Dieser Dichter hat noch nicht gelernt, mit seinen Gefühlen hauszuhalten, gleich sind sie da – rasend schnell und intensiv – und dann auch gleich wieder weg. Bernheim liefert dazu ein stimmlich-sinnliches Glanzstück. Ein Franzose singt Hoffmann, so soll es sein!

Koncz ist mit ihren hellen Koloraturen und der Darstellung der Puppe Olympia, die steif wirken muss, sichtbar gefordert, aber nicht überfordert. Das Kostüm ist nicht dienlich, sondern entstellt! Weihnachtsszenerie hin oder her..Man bejubelt sie, Hoffmann verliebt sich augenblicklich. Stagg ist stimmlich nicht groß ausgestattet, erledigt ihre Arbeit, macht die Antonia zu einer verliebten und glücklichen Frau. Aus dem Bild ihrer verstorbenen Mutter an der Wand singt/spricht Sonja Herranen – ein arger Regieeinfall. In der doch deutlich gekürzten Fassung – kommt auch eine alte Dame vor – Brigitte Eisenfeld – deren Auftritt man nicht zuzuordnen vermag. Möglicherweise stellt sie eine Geliebte Hoffmanns als gealterte Dame dar, oder eine Art moralisches Gewissen, das in seinen Träumen herumgeistert. Spalanzani – Florian Hoffmann und „Rat“ Crespel – Bálint Szabó sowie Luther –Irakli Pkhaladze sind aktive Mitspieler….und da ist noch der engagierte Andrés Moreno García mit den vier Dienerrollen Cochenille, Frantz, Pitichinaccio und Andrés! Auch mit guten Momenten. Schlémil, den Hoffmann dann ja doch nicht umbringt, ist Jaka Mihelač.

Am Dirigentenpult der Staatskapelle Berlin steht achtbar Pierre Dumoussaud, baldiger Musikdirektor des Opéra Orchestre Normandie Rouen.

Muse/Niklausse und Giulietta liefern eine „Homoerotisch-inspirierte“ Version der Barcarole, die eigentlich aus Les fées du Rhin – Offenbachs „Rheinnixen“ entnommen ist. Belle nuit, ô nuit d’amour, Souris à nos ivresses ! Samantha Hankey liefert eine sehr gute Leistung und spielt achtbar. Aber es ist von Minute eins klar: Der Abend gehört Benjamin!

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