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Eine ekstatische Stunde mit Schauspieler Michael Dangl in der Seniorenresidenz Bad Vöslau

Rauschhaftes durften die Bewohner und Bewohnerinnen der Seniorenresidenz im niederösterreichischen Bad Vöslau erleben: Josefstadt-Ensemblemitglied und Autor Michael Dangl beehrte das Haus mit einer erlebbaren, nahezu greifbaren Lesung.

Eines kann man vorweg konstatieren: Die trainierte Stimme zieht die Zuhörer in den Bann der Geschichten. Sanft fragt sie zu Beginn nach einem bescheidenen „stillen Wasser“. Dangl las aus seinem neuesten, packenden Werk „Im Rausch“.

Im Rausch

Die Aufmerksamkeit zieht zunächst eine gewisse Amelie auf sich, welche der Protagonist des Buches, ein junger Schauspieler (Ich-Erzähler), heftigst adoriert. Brennend vor Liebe versucht er ihr brieflich zu erklären, dass es gar keine Alternative zu einer gemeinsamen Zukunft gäbe. Aber, das große Aber: Sie ist vergeben. Und das war immer schon, ist und bleibt wohl der mächtigste Stolperstein eines Begehrens, welches zielgerichtet ist.

Der junge Mann versucht verzweifelt (und sehr, sehr selbstreflexiv) nachzuverfolgen, ob Amelie denn seinem Werben nachgeben würde. „Überflüssige Beteuerungen“ macht er dabei. Zitat: „Vielleicht vernahm sie ihn (den Vortrag auf dem Anrufbeantworter) im Halbschlaf und durfte nach dem Erwachen feststellen, dass alles Wirklichkeit war.“ Was die Liebe nicht hervorbringt!

Der Mann verbringt seine ersten Engagements am Theater (als vertraglich gebundener „Jugendlicher Held und Liebhaber, Charakterdarsteller) in einem Tage und Nächte andauernden Rauschzustand, nicht allein alkoholisch gemeint. Der Rausch der Einsamkeit, der Rausch der Verwandlung, der Gesellschaft, die Suche nach Wahrhaftigkeit, das alles beschäftigt ihn. Nicht nur, dass die ihm nach und nach anvertrauten Rollen von Cherubin in Der tollste Tag von Turrini bis hin zu Kostja in Die Möwe von Tschechow zur probetechnischen Herausforderung in der Fremde werden, hat er auch amouröse Abenteuer oder spielt bis in die Morgenstunden Klavier. Oder bemitleidet sich auch mal selbst mit einem vulgären italienischen Ausdruck: Porca miseria, als ihm Wasser aus einem defekten Hahn auf eine – sagen wir – heikle Körperstelle schießt.

Es ist das Werk keine Autobiographie, es handelt sich um einen Roman, eigentlich sind es Erzählungen aus dem Leben eines jungen Auftretenden.


Michael Dangl ließ das Publikum – gentlemanlike – entscheiden, ob es denn noch mehr Passagen aus dem Buch sein sollten oder lieber sein selbst verfasstes Gedicht Canto Veneziano, welches das Ankommen in der verklärten Stadt der Kanäle per Flugzeug beschreibt. Dieses war bisher erst einmal im Hörfunk zu erleben. Das Publikum entschied zugunsten von Venedig.

Eine lyrische und sehnsüchtige Schilderung – CANTO VENEZIANO

La Serenissima verlangt von Dir, dass Du Dich demütig beugst, schon bei der Anreise. Als gewähre Dir die Stadt gütig, Dich aufzunehmen. Nichts ist vergleichbar mit dem Ankommen in Venedig, jede Pore wird mit der eigentümlichen Luft geflutet. Die Vaporetti, die Wasserbusse (klingt eingedeutscht wesentlich geringschätziger), warten auf Kunden, Touristen und schaukeln ihres Weges. Das Wasser ist launisch. Das Memento Mori schwebt jedoch überall. Erinnere Dich, dass Du sterben wirst. Die barocke Vanitas macht auch vor Venedig nicht halt. Aber der Autor betont: Du siehst die Dinge nicht nur auf Fotos, sie stehen wirklich vor Dir und sind da. Und sie sind immer noch da, als wollten sie sagen: Ich überdauere was auch immer.

Der Autor lädt die Bewohner und Bewohnerinnen noch zu einer gedanklichen Reise ein: „Jetzt steigen wir alle in den Bus, um Mitternacht sind wir in Venedig, und dann in eine Bar.“ Herrlich.

Michael Dangl hat Freude. Daran, die Leser und Leserinnen auf die Reise zu schicken, die Menschen nicht nur zuhören, sondern auch wahrhaftig erleben zu lassen. Man ist gefesselt, man steht mit ihm auf der Piazza San Marco, man blickt auf das Wasser, welches die Gondeln umspielt, man schmeckt den Fisch, man hört die Signori sich angeregt unterhalten.

Ein freudiger Nachmittag – von dem noch bis zum Jahr 2021 einige bereits fixierte folgen sollen.

Info:

„Im Rausch“ von Michael Dangl

Roman, erschienen bei Braumüller

https://www.braumueller.at/t?isbn=9783992002269

„Halb, so gut – Amadeus bewegt – Pädagogik inkludiert“ – DDr. Peter Wehle bei den Festwochen Währing

Einen genialen Künstler und Menschenkenner könnte man ihn nennen. Das greift aber ein wenig kurz für den Doppeldoktor Peter Wehle. Sohn von…? Das ist es auch nicht! Faktotum der Bücherschreiberei, der Psychologie, des Flügels? Bei einem umfassenden Auftritt im Festsaal der Bezirksvorstehung Wien-Währing im Rahmen der Währinger Festwochen zeigte er neben Halb, dem anwesenden Publikum (ich erkläre später wes-halb) sein Können. „Mord – Pause – Mozart“, so der Name des neuen Programms, geriet in der „Luxus-Version“ zu „Mord Halb aufgeklärt – Pause zur Reflexion – Mozarts tiefe Seeleneinblicke – Pädagogische Ansinnen – jazzige Vollendung“.

Kriminologie und Akribie vereint

Mit einem äußerst schwungvollen Einstieg in die Welt der Kriminologie, verbunden mit der Juristerei und der Psychologie, betritt DDr. Peter Wehle die Bühne. Und gleich ist man in der Welt des „strizzihaften“ Wien, bei den Ermittlerqualitäten des Hofrat Ludwig („Locken-Luzi“) Halb angekommen. In seinem Werk „Kommt Zeit, kommt Mord“ gesteht jemand auf dem Totenbett einen Dreifachmord. Doch leider sitzt ein anderer dieser Morde Angeklagte im Gefängnis. Das würde also bedeuten, dass dieser unschuldig die Strafe verbüßt und der andere, ebenjener im Krankenhaus befindliche, an Krebs leidende Mann, seiner gerechten Strafe durch natürliche Umstände entzogen wird. Auch den Hofrat Halb, Ermittler mit gewisser „Coolness“, erwischt es aber schwer. Er wird angeschossen….Überlebt er? Dazu muss man das Werk lesen, ist auch ein sachdienlicher Hinweis (neudeutsch: Ein Cliffhanger). Aber Peter Wehle ist einmal nicht so. Er befreit das Publikum von seiner Neugier: Halb überlebt – ganz und gar…..

Wolfgang Amadeus Mozart – ein Lehrstück

Ob heiß, ob kalt, ob halb, ob ganz: Vorhang auf für Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart. Bisschen latinisiert, der Name, es schadet aber sichtlich nichts. Peter Wehle erzählt mit Hingabe, Charme und voller Bewunderung seltene Details aus Mozarts Leben im zweiten Teil des Programms. Wussten Sie zum Beispiel, dass Mozart die Stadt Salzburg, „seine“ Stadt, nicht außergewöhnlich gerne leiden mochte?

Woran Mozart wirklich starb? Peter Wehle bittet seine Zuhörerschaft anzukreuzen:

Konkurrent Antonio Salieri (wie im Milos Forman-Film „Amadeus“ dargestellt)

Liebestechnischer Konkurrent und Schüler Franz Xaver Süßmayr (vollendete das Requiem)

Freimaurer

Frieselfieber (Umschreibung, Sammelbegriff für schlimme Krankheiten)

Aderlass (der mangels Fiebermessen darauf folgte)

Jedenfalls sind die Todesumstände von Mozart bis zum heutigen Tage nicht vollständig geklärt. Schade, dass der Himmel ein solches Talent in einem so jungen Alter (mit 35 Jahren) genommen hat, waren sich alle einig. Bestattet wurde er in einem mehrfach verwendbaren, josephinischen Klappsarg (von Reformkaiser Joseph II. im Jahre 1785 in Österreich aus Sparzwecken eingeführt). Ein sehr zurückhaltendes und einfaches Begräbnis also, für „unseren“ Mozart.

Ob Leopold Mozart ein „Eislaufvater“ aus heutiger Sicht gewesen wäre (nein, das hätte der kleine Wolfgang aufgrund seines Temperamentes nicht mitgemacht) und dass Mozart in seinem Leben 10 Jahre lang auf Reisen war und somit heute, 2018, mehr Vielfliegermeilen gesammelt hätte, als die Tourismusminister aller Länder zusammen…..das hat an diesem Abend auch beschäftigt.

(Nicht nur) leidenschaftliches, auch pädagogisches Klavierspiel

Peter Wehle spielt nun auf dem Klavier. Sein Lieblingsstück, wie er verrät, ist die Mozart-Sonate in C-Dur, KV 330 (andante cantabile). Daraus gibt er den bewegenden 2. Satz zum Besten.

Zum Abschluss des tollen Abends wird es noch „jazzig“. Wehle möchte der Zuhörerschaft pädagogisch das Klavierspiel vermitteln, indem er Variationen einer Grundmelodie demonstriert. Natürlich läuft das beneidenswert leicht von beiden Händen, kopfschüttelnd und staunend bleibt man erst einmal sitzen und muss das „verdauen“. Den zweckdienlichen Hinweis „Nehman S´ einfach des, was gut klingt!“ nimmt man auf mit rechtschaffenen Zweifeln, ob man selbst denn nur eine Viertelnote wie der erhabene „Klavierlehrer“ anschlagen könne.

Gratis Klavierunterricht vom Profi als Draufgabe, sozusagen. Dieser gipfelt in einer mitreißenden Jazz-Improvisation, die eine ganz neue Seite Wehles zeigt. Cool und markant. Es war also eine jede Stilrichtung vertreten. Wie ein Jazzpianist wirft er das Sakko über die Schulter und winkt zum Abschied.

Ein original wEhlerischer Abend. Wer nicht dabei war, hat etwas verpasst!

 

Info:

Mehr Informationen über DDr. Peter Wehles Krimi-Werke rund um den charmanten Ermittler Hofrat Halb:

https://www.haymonverlag.at/buecher/7815/mord-heilt-alle-wunden/

 

 

 

 

 

 

 

Grande Dame des Musicals (und Balletts) mit neuem Bildband – Dagmar Kollers neuestes Werk.

 

Die „letzte österreichische Diva“ Dagmar Koller – wer kennt sie nicht? Neben ihren Memoiren „Die Kunst, eine Frau zu sein“ (Amalthea Verlag), hat sie nun einen Bildband mit sehr privaten Aufnahmen, gemeinsam mit ihrem Herzensfreund und Autor Michael Balgavy, herausgegeben.  

Dieser Bildband nennt sich „Goldene Zeiten“ und zeigt sehr viel von Dagmar Kollers Vergangenheit als Bühnenstar, als aufgeweckte junge Frau und als neckische und charmante Dame. Ob das nun Fotos aus ihrer bescheidenen Kindheit im Gailtal (Kärnten), sind oder jene, die ihre Erfolge als Ballettänzerin (sie begann bereits mit fünf Jahren zu tanzen), wo sie sich auf einer Aufnahme selbstkritisch als „zu dick“ bezeichnet. Laut Balgavy ist Dagmar Koller die meistfotografierte Frau Österreichs, und demnach gestaltete es sich sehr schwierig, aus 20.000 Fotos Aufnahmen für dieses Werk auszuwählen.

Andere berühmte Persönlichkeiten wie Udo Jürgens oder Marcel Prawy finden sich ebenso in diesem Werk, es gleicht daher auch einem „Zeitdokument“, welches die „goldenen Zeiten“ dokumentiert. Auch aus ihrer Ehe mit dem früheren Wiener Bürgermeister Helmut Zilk sind Briefe enthalten. „Jeder weint, wenn er diese Liebesbriefe liest“, so sagte Koller.

Koller reüssierte überall: Als Tänzerin, als Operettendiva und als Musicalstar. Große Rollen wie die Aldonza im „Mann von La Mancha“ oder als Kate in „Kiss me Kate“ „schupfte“ sie mit links. Zum großen Bedauern vieler Fans musste sie im Klagenfurter Stadttheater vor ein paar Jahren die sicherlich für sie brilliant passende Rolle der Norma Desmond im Musical „Sunset Boulevard“ (A.L.Webber) auf Grund einer Erkrankung zurücklegen.

Kollers neuestes Werk erinnert nicht nur an vergangene Zeiten, sondern zeigt sie auch aktuell und damit eine Frau, die mit beiden (sehr trainierten) Beinen im Leben steht.

 

 

 

Ein Kultur- und Literatur-Tausendsassa verabschiedete sich unerwartet. Gerhard Tötschinger ist tot.

tötschinger

 

Die österreichische Kultur- und Literaturlandschaft trauert um einen bedeutenden Mann. Der Schauspieler, Autor, Regisseur und italophile Genussmensch Gerhard Tötschinger, immer bekannt als vielseitig interessierter und belesener Mensch, ist im Alter von (nur) 70 Jahren an den Folgen einer Lungenembolie gestorben.

Erst im Juni dieses Jahres hatte der umtriebige Wiener noch seinen 70. Geburtstag mit seiner Familie und seinen Freunden in Schönbrunn und im Wiener Arsenal gefeiert. Mit historischen Bussen fuhr man auf große Geburtstagsfahrt. Er selber „hätte lieber seine Ruhe gehabt“, aber die langjährige Lebenspartnerin, die große Christiane Hörbiger, hatte diese Überraschung schon parat. Seit über 30 Jahren in wilder Ehe zusammenlebend, hätten die beiden angeblich auch heuer den Bund der Ehe schließen wollen.

Leider kann Tötschinger nun auch nicht mehr seinen geplanten Geburtstagsabend im Radiokulturhaus in Wien im September begehen, leider kann er nicht mehr in sein geliebtes Venedig reisen. Man muss wissen, dass der in Wien geborene leidenschaftliche Historiker und Kulturschaffende sehr italophil war. Venedig war so etwas wie die zweite Heimat für ihn. Immer, wenn ihm als arrivierten Herrn die Gondolieri zuriefen: „Wollen Sie nicht Gondel fahren?“ entgegnete er, mit der Zeitung „Il Gazzettino“ in der Hand: „Alter, ich bin Venezianer!“ Ihnen blieb der Mund offen stehen.

Der Mund offen blieb auch so manchem Zuhörer von Tötschingers fesselnden Lesungen. Er schrieb bei „seinem“ Verlag Amalthea sehr umfassende Werke wie „Mörderisches Venedig – Die dunkle Seite der Serenissima“, „Venedig für Fortgeschrittene – Bon di, Venezia cara“, „Viva l´Italia – Erlebtes, Erdachtes, Erlesenes“, Die Donau – Geschichte und Geschichten vom großen Strom“, „Sherlock Holmes und das Geheimnis von Mayerling“. Anhand dieser Buchtitel kann man sehen, dass er sich sehr mit der Geschichte Österreichs und auch der Beschaffenheit Venedigs auseinandersetzte.

Seine Theatertätigkeiten wurden von seinen Studien der Theaterwissenschaften und der Kunstgeschichte geprägt, die er später abbrach, um etwa bei Zdenko Kestranek sich dem Schauspielunterricht zu widmen. Er stand auch bis 2001 den Sommerspielen Perchtoldsdorf vor. Er wurde auch Mitglied im Fernseh-Publikumsrat des ORF und auf ORF III lief seine Sendung „Heureka“, wo er philosophierend und mit einem Augenzwinkern dem Publikum Erfindungen näherbrachte. „Ich bin seit vielen Jahren bemüht, mit meinen Büchern, Inszenierungen, Vorträgen und Fernsehsendungen G´scheites und Anspruchsvolles unter die Menschen zu bringen“, so sagte er einmal.

Er packte vieles an, war ein hochgebildeter, und sehr bescheidener, witziger Mensch. Als er 2009 auf Grund einer Blutvergiftung ein Bein durch Amputation verlor, scherzte er: „Jetzt kostet die Pediküre nur noch die Hälfte“.

Vieles hätte Gerhard Tötschinger noch vorgehabt, etwa hatte er Pläne über weitere Fernsehsendungen, wo er die Spuren der k. u. k. Monarchie in Venedig verfolgen wollte. Leider kommt es dazu nicht mehr.

Ruhen Sie sanft, lieber Gerhard Tötschinger.