Nabucco ist die abgekürzte italienische Namensform von Nebukadnezar. Vier babylonische Könige hießen so, Nebukadnezar II wird in der Bibel erwähnt. Giuseppe Verdi (1813 – 1901), oft als Gegenspieler Richard Wagners bezeichnet, nahm sich der Geschichte des Königs an und schrieb die herrliche Musik. Textliche Unterstützung bekam er aus der Feder des Librettisten Temistocle Solera. Aus diesem Werk ging Verdis berühmtester Opern-Chor Va pensiero hervor, welcher im 3. Akt, am Originalschauplatz im Libretto „am Ufer des Eufrat (biblischer Fluss)“ verortet ist.
„Flieg‘, Gedanke, auf goldenen Schwingen“, singen die gefangenen, versklavten Hebräer und flehen Gott um Hilfe an. Im angelsächsischen Raum ist der Terminus „Chorus of the Hebrew Slaves“ für Va pensiero gebräuchlich. Die Ouvertüre der Oper besteht zu einem großen Teil aus musikalischen Themen – wie ebenjenem Chor oder der Kampfmusik. Die Akte des Werkes sind jeweils in italienischer Sprache bezeichnet, der erste heißt „Gerusalemme“, im zweiten geht es um den „Frevler“ – „L‘ Empio“, der dritte nennt sich die Weissagung, „La profezia“ und der vierte und letzte bezeichnet das zerbrochene Götzenbild: „L‘ idolo infranto“.
Einerseits ist es eine große Freiheitsoper: Das jüdische Volk will sich aus der Gefangenschaft der Assyrer befreien, andererseits befinden Nabuccos Töchter Abigaille und Fenena sich in einem Konflikt um den Thron. Wobei Abigaille die vermeintlich erstgeborene Tochter ist. Doch ist sie das Kind einer Sklavin und setzt sich in den Kopf, Fenena zu töten. Nabucco verfällt dem Wahnsinn (heute wohl: einer Psychose) und will sich zu Gott machen. Abigaille nutzt dies, um die Macht zu ergreifen. Die Handlung spielt sich 586 v. Chr. ab, die Schauplätze sind Jerusalem und Babylon.
Uraufgeführt wurde „Nabucco“ an der Mailänder Scala im Jahre 1842. Bei der Pariser Kritik der Premiere fiel kurioserweise auf, dass „zu viele Blechbläser“ eingesetzt wurden.
In der Inszenierung von Günter Krämer, die sich in der Moderne ansiedelt, spielt Technik in Form von hebräischen Buchstaben, die sich auf der Bühne bewegen, eine Rolle. Wer der Sprache mächtig ist, konnte auch mitlesen. Die Landschaft sollte man sich „zurechtstutzen“ beziehungsweise kann/muss (!) man erahnen. Eine sehr karge Bühnenausstattung kommt von Petra Buchholz und Manfred Voss. Die hebräischen Gefangenen bei der bedeutenden Chorstelle sorgen sich um ihre Angehörigen, von denen sie Fotos mitbringen. Es wirkt wie ein Stillleben und verdeutlicht ihr Leid, wenn sie liegend / auf Knien ihren Chor beginnen. Man empfindet Beklemmung für einen Moment lang.
Eine herausragende Figur ist der Nabucco des Amartuvshin Enkhbat aus der Mongolei. Der Gewinner von Placido Domingos Operalia-Wettbewerb (das nur am Rande) beweist sich auch gerne in anderen Rollen an der Staatsoper, wie etwa Baron Scarpia. Er ist gleichermaßen gewaltig wie gütig, und gleitet recht überzeugend in andere Sphären (wenn auch einigermaßen dezent), wenn er – sich wälzend – des Wahnsinns Beute wird. Er tritt in einem blitzblauen Zweireiher-Anzug sowie Mantel mit Pelzkragen auf, den ihm Falk Bauer als Ausstatter auf den Leib aufgebracht hat. Der Italiener
Ivan Magrì gefällt auch optisch in der Rolle des Ismaele, der in Fenena verliebt ist und sie vor dem Propheten Zaccaria rettet, geht in tenorale Höhen, ist aber ein wenig zurückgenommen. Den Propheten verkörpert der Kroate Marko Mimica mit ausdrucksstarker Bass-Stimme. Sein Hass gegenüber der als Geisel genommenen Fenena drückt auf die Seele.
Die niederträchtige und herrschsüchtige Abigaille, die sich am Ende selbst vergiftet und alles bereut, liegt in Händen und Stimme von Anna Pirozzi (in fließendem, tansanitfarbenem – violett trifft es wohl nicht- Seidenkleid). Die gebürtige Neapolitanerin studierte am Konservatorium in Turin und legte bisher eine gute Karriere hin. Die sehr anspruchsvolle Partie meistert sie mit viel Dramatik. Ihre glänzenden Koloraturen intensivieren noch den Ausdruck bedrohlicher Situationen, in denen sich ihre Figur befindet. Man wird von ihr im wahrsten Wortsinn „geblendet“, wenn sie einen Lichtkegel ins Publikum wirft, der schon für Irritation sorgen kann.
Insgesamt spielt Licht in dieser Inszenierung eine große Rolle für die Stimmung auf der Bühne, mehr als eigentlich an Requisite da sein könnte. Man arbeitet sehr reduziert, was nicht immer der Aussage des Werkes zu Gute kommt. Auch Feuer wird gegen Ende entzündet! Das ist schon das einzig Monumentale, das sich bei Krämer findet.
Persönlich findet man sich wieder nicht nur einmal bei Verdi an eines seiner anderen Werke, „Rigoletto“, erinnert. Etwa wenn Abigaille es genießt, dass „das Volk vor einer Sklavin kniet“. Oder wenn Enkhbat von „filia mia“ singt. Die ungarische Mezzosopranistin Szilvia Vörös schlüpft in die Rolle der „geliebten“ Tochter Fenena. Zwar kann sie stimmlich gestalten. Zu einhundert Prozent überzeugt sie zumindest in dieser Aufführung aber leider nicht. Zu blass, zu wenig ausdrucksstark bleibt ihre Fenena, was schade ist. Evgeny Solodovnikov aus St. Petersburg gibt den Oberpriester des Baal. Der Absolvent des Vlaamse Opera Studios trat auch schon als Sprecher/Priester in „Die Zauberflöte“ auf und gab sein Debüt in Manon an der Staatsoper Berlin als Gastwirt. Die Basspartie liegt ihm – und er kann sich präsentieren.
Auch die „kleineren“ Parts der Anna (Zaccarias Schwester) und Abdallo (babylonischer Wächter) sind mit Anna Bondarenko und Agustín Gomez (hat Klavier und Musiktheorie studiert und einen Abschluss in Komposition) gut besetzt worden. Gomez empfiehlt sich mit seiner Bühnenpräsenz auf jeden Fall für weitere Rollen!
Chor und Orchester der Wiener Staatsoper sorgen für Verdis Schönklang unter dem Dirigat des Italieners Giampaolo Bisanti (spielt auch Klarinette und Klavier) aus Milano. Der weiß, wie er mit dieser Vorlage umzugehen hat und begeistert.
Wer kein Problem mit der allgemeinen Nüchternheit von Bühnenausstattung hat, der wird an dieser Inszenierung etwas finden. Vorstellungskraft ist gefragt.