Der Tanz, ein Leben: Der Salzburger „Jedermann“ 2024 mit Hochmair und Piasko, beinahe eine Seifenoper

Ein Opernregisseur – namentlich Robert Carsen – inszeniert im heurigen Jahr das Spiel vom Sterben des reichen Mannes. Wird dieser Untertitel von Hofmannsthals Schauspiel diesem Anspruch im Jahr 2024 überhaupt noch gerecht? Diese Frage darf sich das Publikum ruhig stellen, denn dieser Jedermann kommt als hipper Influencer auf die Bühne, das Smartphone im Anschlag, im komplett goldenen Mercedes-Benz 220 SE W 111 – auch als „große Flosse“ bekannt, (Wert in gepflegtem Zustand je nach Motorisierung ab 140.000 Euro) zusammen mit dem guten Gesell, der sich später auch als Teufel entpuppt. Eine weitere Doppelrolle bekleidet die Bettlerin, die Jedermann später auch als seine mehr oder weniger guten Werke wiederfindet. Vielleicht wäre die englische Abkürzung „YOLO“ für You Only Live Once nicht doch passender?

Zurückgenommen präsentiert sich das Bühnenbild, wovon größtenteils „Naturkulisse“ genutzt wird. Der rote Teppich wird neben grünen Zierpflanzen dennoch ausgerollt, manche Kostüme machen einen trachtigen Eindruck. In Szenen mit Jedermanns Mutter befindet man sich auf dem Rasen, mit Gartenbank und Sonnenschirm. Die Reimform bleibt besonders in diesen Szenen etwas unergründlich und nicht immer passend.

„Kein Überbleibsel auf meinem Tisch!“

Nach diesem Motto lebt Jedermann – Philipp Hochmair in der Rolle seines Lebens, um sie hat er gekämpft, nun hatte er auf dem Domplatz eine große Erwartungshaltung zu erfüllen. Viele Herren träumen sicher noch davon. Die klassische Rollengestaltung fing bei ihm an, als er die Rolle als Einspringer für Tobias Moretti übernommen hat und begeisterte. Er hat viele Kostümwechsel, zeigt ab und an sein outrierendes „Wahnsinnsantlitz“, spricht eher leise, bricht dann wieder energisch aus, sammelt Kräfte während Passagen. Eine ewige Streit- und Geschmacksfrage: Wer ist der BESTE JEDERMANN? Vermutlich liegt die Antwort im Niemandsland zwischen „Wer auch immer gefällt“ und „Jeder(mann) zu SEINER Zeit“. Mit Curd Jürgens etwa, der die Rolle von 1973 bis 1977 verkörperte, hat Hochmair nichts gemein. Er hat seine eigene Weise, seine Art!

Die Buhlschaft verkörpert Deleila Piasko mit tiefer sinnlicher Stimme und Modelmaßen, sie und Jedermann geben ein gutes Paar ab, ob im Bade- oder Morgenmantel, in umgekehrter Reiterstellung – Hochmair oben – oder bei der wild feiernden Tischgesellschaft (Johannes Schöneberger, Juliette Larat, Johanna Egger, Jacob Hagemeyer, Leo Kebernik, Paul Winkler) im Brokat-Anzug und Kleid, wo sie sich das Mikrofon schnappen, Tango (wie Piazzolla) auf dem runden Tisch tanzen und die Gesellschaft oder besser Tanzmeute – begrüßen.

Der dicke Vetter – Lukas Vogelsang – hat einen tollen Auftritt mit dem Lied „I am gonna live until I die“ (Kent/Curtis/Hoffman 1960, gesungen von Frank Sinatra). Sicher eine Idee, zu der man nicht nein sagen kann. Es spielt hervorragend das Ensemble 013 – mit Kompositionen durch Ferdinand Löschel, wobei besonders bei dieser Inszenierung sehr viel Musikalisches zu finden ist, so auch ein adaptierter Donauwalzer von Strauss, zu dem die Tischgesellschaft tanzt. Andrea Jonasson als Jedermanns Mutter hat im eleganten Kostüm herzliche Momente, wie sie sich freut, dass ihr Sohn vielleicht noch die Ehe wagen könnte. Kristof Van Boven hat als Mammon die dankbare Aufgabe, Geldkoffer „aufzuknallen“. Er wird nicht, so wie früher, dickbäuchig und mit outrierender Gier dargestellt. Eine starke Komponente bildet der Auftritt von Christoph Luser in der erwähnten Doppelrolle als Guter Gesell und Teufel. Abgesehen von der beeindruckenden Körperlichkeit der Darstellung steht er Hochmair als kongenialer Partner zur Seite. Dörte Lyssewski ist ebenso mit einer Doppelrolle ausgestattet, als Arme Nachbarin tritt sie stimmstark im Gewand einer Bettlerin auf und zeigt Jedermann als Werke seine Eigenheiten an.

Arthur Klemt und Nicole Beutler sind als Schuldknecht und Des Schuldknechts Weib zu sehen, äußerst modern und auch vor Fernsehkameras eine Figur abgebend. Susanne Wende als Koch, Luca Vlatkovic als Hausvogt, Daniel Lommatzsch als Dünner Vetter und Regine Zimmermann als Glaube sind im Ensemble vertreten. Die Schlüsselrolle, den Tod, spielt Dominik Dos-Reis als unschuldig wirkender, junger Bursche. Erst im Priestergewand brav und geradezu angepasst an „alle“. Dass er niemanden verschont, möchte man ihm so gar nicht zutrauen. Zu engelhaft, zu rein, zu täuschend! Dramatik stellt sich (leise) ein, als er Jedermanns Tischgesellschaft als Kellner gewandet „crasht“. Die Wortwahl ist hier kein Zufall, denn mit traditionellen Werten hat Carsen hier wenig angegeben.

In einer Choreografie von Rebecca Howell wird getanzt und gejazzt, was der Boden und die Tische aushalten! Um die Bühne kümmert sich gemeinsam mit Carsen Luis Carvalho, stattet die Landschaft eher karg aber dafür mit mondänen Accessoires aus und designt auch gleich die Kostüme. Giuseppe di Iorio setzt durchaus interessante Lichteffekte, nicht nur beim Tanz. Für die Dramaturgie zeichnet David Tushingham verantwortlich, wo noch etwas daran zu feilen ist, aber es ist ja davon auszugehen, dass diese Inszenierung noch länger erhalten bleibt. Das Urteil für dieses Jahr lautet: Komplett im Heute!

Alle Vorstellungen bis zum 28. August 2024 sind bereits ausverkauft.

Mehr Informationen: offizielle Webseite der Salzburger Festspiele

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