Gerade erlebt die Kulturstadt Wien einen „Norma“-Boom: Gleich zwei Häuser führen das romantische Melodramma des Komponisten Bellini hier auf, wie man hört, in sehr unterschiedlichen Versionen. Geschrieben ist die Rolle der Norma für einen dramatischen Koloratursopran, es handelt sich um eine sehr anspruchsvolle Partie mit vielen Verzierungen. 1831 erlebte die Oper in zwei Akten die Uraufführung im Teatro alla Scala. Die untreue und mit einem Römer lebende Druidenpriesterin Norma muss sich ihrem eigenen Schicksal stellen.
Ausverkauft bis auf Stehplätze ist die aktuelle Produktion der Wiener Staatsoper, mit dem peruanischen Tenor Juan Diego Flórez. Federica Lombardi, Sopranistin aus Cesena, Italien, singt die Titelpartie. Sie stellen also das unglückliche und heimliche Paar dar, welches nicht zusammen sein darf. Sie als Druidenpriesterin in Gallien mit strengem Vater, er als römischer Prokonsul, haben heimlich zwei Kinder miteinander. Bald weckt er zur Zeit der römischen Besetzung Galliens (etwa 50 vor Christus) Normas Eifersucht. Sie fühlt sich der Mondgöttin verpflichtet.
Die sehr bekannte Arie „Casta Diva“ musste für die Ur-Norma, Giuditta Pasta, von Bellini verändert werden. Die „Keusche Göttin, in silbernen Glanze taucht sie Bäume“ wurde zu einem „Welt-Hit“, wenn man es heutig bezeichnet.
Norma lebt von einer starken Besetzung, die zu spielen und singen mehr als imstande sein muss. Der Regisseur Cyril Teste probiert an der Wiener Staatsoper eine Interpretation, die am Grundgedanken nahe dran bleibt. Videos (von Mehdi Lopez und Nicolas Doremus) bekommt man nicht nur von Norma selbst, wie sie eingeführt wird, zu sehen, auch von Normas Kindern, auch die Großaufnahme, wo sie sich überlegt, sie mit dem Messer in der Hand zu ermorden, während sie schlafen. Der Kameramann namens Benedikt Missmann filmt emsig diese Schreckensüberlegung – das ist entbehrlich. Die ihm zugewiesene Rolle erfüllt er, aber ob das sein muss, fragt man sich. Der moosbegrünte vordere Teil des Bühnenbodens tut zum projizierten Wald sein Übriges. Sicherlich, es kommen auch Schusswaffen, moderne Ledermäntel und Sofas zum Einsatz, die so in Gallien nicht anzutreffen gewesen wären. Das Bühnenbild von Valerie Grall mal modern, mal historisch anmutend, aber immer funktionell. Intime Szenen wie die der Novizin Adalgisa (gespielt von Vasilisa Berzhanskaya mit guter Intensität) mit „Einsam ist der heilige Hain“ gelingen sehr fein. Der römische Prokonsul mit schwankender Tendenz zwischen Leichtlebigkeit und Verzweiflung, liegt diesmal anstatt des an Luftröhrenentzündung erkrankten Flórez in der Hand und Kehle von Freddie De Tommaso. Im aparten Ledermantel und sehr gut bei Stimme. Großer Jubel für ihn. Am Ende will er unbedingt von Norma – Federica Lombardi – umgebracht werden und drückt sich mit breiter Brust ihrem Gewehrlauf entgegen. „Dammi quel ferro!“, eigentlich verlangt er in der Originalfassung, was auch gesungen wird, das „Eisen“, also eher „Schwert“ oder „Dolch“ wie in Gallien. Dass er da ins Gewehr schaut, ist eben der Regie geschuldet.
Kostümiert in lange Gewänder sind die Damen von Marie La Rocca. Rote Tücher, insbesondere wenn sie Norma um die Schulter gelegt werden, bleiben im Gedächtnis. Oroveso, – Ildebrando D‘ Arcangelo -, der durchaus auch seine guten Momente hat, den Ober-Druiden, kleidet sie sittsam, während Pollione in Leder auftritt. Gute Akzente und eine tolle Stimme lässt die Clothilde, Normas Vertraute, Anna Bondarenko hören. Flavio, der sich eindringlich mit Pollione unterhält, ist bei Hiroshi Amako untergebracht. Ob es auch sein muss, dass laut Choreografie von Magdalena Chowaniek die Gewehre ins Publikum zeigen müssen?
Der Dirigent des Abends, Michele Mariotti, nimmt sich Zeit, recht viel Zeit für ausführliche Klang-Begleitung. Die Druiden-Hain-Szenen geraten auch durch die musikalische Untermalung so.
Die Titelheldin Norma verkörpert von der jungen Sopranistin Federica Lombardi, kommt mit ihren Kräften gut über die ganze Oper, die Darstellung ist modern, jedoch nicht zu über-stilisiert. Die Norma, so sagte sie, hätte viel von ihr selbst, als sie gemeinsam mit Teste kreiert wurde. Sie darf den Kriegs-Gong mit einem Sessel schlagen, der energisch zu Boden geschleudert wird. Eher leicht als leidend tritt sie manchmal auf, entlädt sich jeweils später. Zum Benzinkanister, den sie verwendet, um sich in Brand zu setzen, greift sie zunächst fast unscheinbar, bis ein goldener Flammenvorhang herunterfährt.
Nicht in Richtung Gallien, sondern soldatisch gestaltet, sind die Stimmen und die Gesamtgeschichte sehens- und hörenswert.
Weitere Vorstellungen von Norma am 06., 09., 12. und 15. März
Alle Informationen hier: https://www.wiener-staatsoper.at/kalender/oper/2025/maerz/