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„Transactionen, Nordseebilder, Elfenreigen, Tänzerin und Sphärenklänge, gründlich und intellektuell“ – Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2019

Der sehr begehrte deutsche Dirigent Christian Thielemann, Chef der Sächsischen Staatskapelle Dresden, gab sein Debut im Wiener Musikverein als Dirigent des Neujahrskonzertes 2019. Die Wiener Philharmoniker strahlten ob der glücklichen Symbiose.

Thielemann sollte bereits Jahre zuvor am Pult des Orchesters stehen, doch er war immer in Dresden verpflichtet. Heuer hat es erstmals funktioniert! Mit dem stets zu einhundert Prozent akribisch vorbereiteten Dirigenten leitete eine Größe der Musikszene das traditionelle Konzert aus dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins.

Auffällig war zunächst in diesem Jahr eine recht schnelle Programmfolge, zumindest im ersten Teil des Konzertes. Die Wiener Stadtgärten sorgten auch 2019 für den Blumenschmuck. Rosen in Tieforange und Frischgrün dominierten dabei, auch Hellgelb und Magenta mischten sich darunter. Wobei, nur als Hinweis gesagt: Der Farbmix war etwas ungewöhnlich.

Den Auftakt des Konzertes bildete einer der bekanntesten Märsche der Habsburger-Monarchie, der Schönfeld-Marsch (op. 422) von C.M. Ziehrer. Ehrlich: Dieser war kaum vorhersehbar gestaltet, wirkte trotz der „Angestaubtheit“ in der Umsetzung erfrischend. Neben dem vollen Klang setzten Posaunen feine Akzente. Der Marsch erlebte seine Erstaufführung beim Neujahrskonzert.

Der erste große Walzer des Vormittages war Transactionen (op. 184) von Josef Strauss. Er lief sehr ruhig ab und verleitete zum Tagträumen, so wie es sein soll. Querflöten leiteten zart ein, es übernahm die Harfe (Anneleen Lenaerts). Präzise und fließend mit kaum „zügellosen Ausbrüchen“. Zum Finale durfte es dann etwas Dramatik sein. Aus diesem Werk, und nicht nur aus diesem, entsteht allgemein der Eindruck, dass Josef Strauss der melancholischere der Brüder war. Er war auch Ingenieur und Erfinder neben seiner Kompositionstätigkeit.

Mit dem Elfenreigen von Josef Hellmesberger Sohn zeichneten die Wiener Philharmoniker ein lebhaftes Bild in die Köpfe der Menschen: Elfen mit champagnerfarbenen Flügeln und blattgrünen Kleidern tanzen und strecken sich. Die Pizzicato-Elemente kommen sehr konzentriert. Ein bezauberndes und sehr präzise umgesetztes Werk.

Gut darauf macht sich die Express-Polka (Polka schnell, op. 311) von Johann Strauss Sohn – ebenso eine Erstaufführung. „Hüpfend und leichtfüßig“ ist hier das Motto der Wahl. War Christian Thielemann vorhin noch sehr zurückgenommen, kann hier bemerkt werden, dass er sich zu dieser Polka etwas rhythmisch bewegte. Ist auch zu verführerisch, ohnehin verkörpert der Dirigent nicht den äußerst trockenen Typus.

Der große, ausladende und wunderbare Walzer Nordseebilder (op. 390) von Johann Strauss Sohn wurde durch dessen Hochzeitsreise geprägt. Der kleine Ort Wyk an der nordfriesischen Insel Föhr gefiel dem Komponisten derart, dass er dieses Werk verfasste. An eine symphonische Dichtung angelehnt und mit einer sehr langen Introduktion vermag der Walzer die Bilder von Küste und Wellen zu vermitteln. Flöten geben die Richtung vor. Ein gewagtes Gedankenexperiment: Stellenweise würde man dem vollmundigen und ausdrucksstarken Werk fast – aber nur fast – Ziehrer-Elemente unterstellen. Hörner folgen, und es gibt dramatische Momente, an denen man Gischt peitschen hört. Dann folgt wieder zucker-lastige Romantik.

Heraus aus den Nord-Träumereien, hinein in ein kleines Denkmal, welches der dritte Strauss-Bruder, Eduard, kreiert hat: Mit Extrapost, Polka schnell (op. 259) ist ein öfter zu hörendes Kleinod. Umgesetzt wird es mit Verve und Schärfe.

Nach der Pause geht es weiter mit Strauss´scher Operette, einem wichtigen Element nahezu jedes Neujahrskonzertes. Der Zigeunerbaron von Johann Strauss Sohn ist eines der bekanntesten Werke der Goldenen Operettenära (1860 – 1900). Er verbindet österreichische und ungarische Elemente mit der opernhaften Ouvertüre, die die Motive der Operette auf dramatische Weise in sich vereint. Daniel Froschauer (Erste Violine) wirft einen vielsagenden Blick ins Publikum.

Von Josef Strauss kommt ein entzückender wie meisterhaft umgesetzter Beitrag: Die Tänzerin, Polka francaise (op. 227) erfreut und unterhält. Elegant und leicht – ein Highlight des Konzerts. Thielemann hat auch hier seine helle Freude, und drückt das dezent durch seine Körpersprache aus. Bei der „Tänzerin“ handelt es sich um eine Erstaufführung beim Neujahrskonzert.

Der sehr bekannte Walzer Künstlerleben (op. 316) von Johann Strauss Sohn repräsentiert die Sorgen und Lüste dieser Berufsgruppe. Bei den Wiener Philharmonikern unter Thielemann wird zwischen zarten Andeutungen und strahlenden Höhen deutlich unterschieden.

Es folgt wiederum eine rasante, doch mit Bedacht gespielte Polka schnell, (op. 351), Die Bajadere von Strauss Sohn. Sehr schwungvoll, und sehr zackig umgesetzt. Eine treffliche Tanzmusik, wie man meinen könnte.

Auch von Bruder Eduard Strauss kommt ein launiger Beitrag zum Tanze. Niemand hielt es 1877 auf seinem Sitz, als Opern-Soiree, Polka francaise(op. 162) erklang. Dabei handelt es sich wieder um eine Erstaufführung im Rahmen des Neujahrskonzertes. Sehr verspielt, aber mit Konzentration.

Gleich drei Mal ist daraufhin wieder Johann Strauss Sohn, der bekannteste der drei Strauss-Brüder, am Werk: Und zwar wieder eine Novität am Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, der Eva-Walzer aus Ritter Pazman, der einzigen Oper, die Strauss Sohn je schrieb. Sie wurde leider zum Misserfolg. Nicht jedoch dieses Schmuckstück, getragen von jagdlichen Motiven. Demzufolge hört man oft das Horn. Dieser Walzer: Eine gute Idee, die Thielemann gemeinsam mit den Musikern umsetzte.

Populärer ist der Czardas (op. 441) aus der eben genannten Oper. Schwermut und Lebensfreude treffen hier direkt und ungeschont aufeinander. Besser kann man es nicht machen, als hier gehört. Wirklich nicht.

Der Egyptische Marsch (op. 335) stellte nahezu eine Wiederholung vom Jahr 2014, mit derselben Idee, dar. Fein musiziert, aber weit weg von einer Innovation. Auch hier sangen die Musiker leidenschaftlich mit. In dem Fall kann man aber den lateinischen Spruch abwandeln: Bis repetita placent. Voraussetzung: Thielemann steuert seine Pianissimi bei, die für einen eigene Note sorgen.

Abwechslung kommt mit noch einer Erstaufführung ans Pult: Die Zwischenaktmusik von Joseph Hellmesberger Sohn, der Entr´acte Valse, gefällt allen.

Die einzige und kostbare Polka Mazur (eigentlich Polka Mazurka) an diesem Tag ist Lob der Frauen (op. 315). Johann Strauss Sohn schrieb diese 1867 und sie wurde im Wiener Volksgarten uraufgeführt.

Konzertmeister Rainer Honeck wird seiner Euphorie nicht müde, ebenso wenig wie seine KollegInnen.

Zauberhaft holt Josef Strauss´ Walzer Sphärenklänge (op. 235) aus, um zu einem weiteren Highlight des Konzertes zu werden. Die Violinen haben hier ihr synchrones Plaisir. An keiner Stelle angestrengt, sondern leicht und virtuos, immer mit der Prise Marsch in sich. Jun Keller (Violine) verliert sich sichtlich in der Musik, was ein sehr positives Zeichen ist. Mit dem Großwerk endet der offizielle Teil des Konzertes.

Als erste Zugabe wählen Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker die hübsche und flotte Polka Im Sturmschritt (Polka schnell, op. 348) von Strauss Sohn. Diese macht Laune und freut, wirkt wie ein „Zuckerstreusel“ auf dem ohnehin feinen und über weite Strecken klar schnörkellosen Konzert.

Der Walzer An der Schönen Blauen Donau (op. 314) offeriert wieder einmal ganz andere Noten. Oft gehört, aber noch nie so. Nüchtern, aber nicht reizlos. Eine der klarsten und temporeichsten Interpretationen. Als ob man ein Exempel statuieren wollte. Gut. Anders. Aber gut. Hier hält man sich nicht auf. Genaues Hinhören ist hier Programm.

Für den Radetzkymarsch (op. 228) lässt sich der Dirigent etwas einfallen. Er erscheint erst zu den ersten Klängen im Saal und hält dann das frenetische „Mitklatschen“ des Publikums im Zaum. Mittels Handzeichen und Mimik leitet er es an.

Was ist abschließend zu sagen? Ein durchdachtes wie unterhaltsames Neujahrskonzert mit klarer Linie, das sich modern-traditionsbewusst und intellektuell präsentierte. Ein guter Jahresstart!

Fresken, Myrthen, Maschera – Gediegen in das Neue Jahr – Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2018.

 

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(c) APA

 

 

Der Italiener Riccardo Muti dirigiert 2018 zum fünften Mal das traditionsreiche Neujahrskonzert aus dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Die Wiener Philharmoniker üben sich heuer in Gediegenheit und dem Glamour von Italianitá. Die Wiener Stadtgärten stellten auch in diesem Jahr den Blumenschmuck in weiß, apricot und zartrosé.

Als Auftakt wählt man heuer Operette. Genauer gesagt den sehr oft verwendeten Einzugsmarsch aus dem Zigeunerbaron von Johann Strauss (Sohn). Im 3. Akt der Erfolgsoperette kommt dieser zum Einsatz. Muti legt über das eigentlich zackige Stück eine Art „Puccini-Schleier“. Es klingt somit einmal ganz anders.

Mit einer Spieldauer von acht Minuten und dreißig Sekunden zählt der Walzer Wiener Fresken (op. 249) von Josef Strauss zu den längeren Stücken. Eine Herausforderung vor allem für Violinen und Blechbläser. Wohlklingend, aber auch ein bisschen „lang“.

Wieder aus Motiven vom Zigeunerbaron (Zsupans Auftrittscouplet mit Borstenvieh und Schweinespeck, sowie der Schatzsuche von Saffi, Barinkay und Czipra) „bastelte“ Johann Strauss Sohn den nächsten Beitrag: Die Polka francaise Brautschau (op. 417). Ein leicht irreführender Name für Operettenfans: Mit der zu verheiratenden Arsena, die „mindenstens einen Baron“ heiraten soll, hat dieses kleine Stück nichts zu tun. Zum Schluss lässt man noch gepflegt die Pauke hören. Dass der Dirigent damit nicht seine aller-hellste Freude hat, ist auf gewisse Weise spürbar.

Als Nächstes wendet man sich einem anderen Werk vom gleichen Komponisten zu: Und zwar der Operette Wiener Blut. Die Schnell-Polka hierzu heißt Leichtes Blut (op. 319). Inspiriert ist sie vom „Tanzen, Dudeln, Lachen“ und dem „Remasuri in Hietzing“. Leichtfüßig wird sie auch interpretiert. Hier schenkt Christoph Koncz (Violine) dem Dirigenten ein kurzes Lächeln.

Von Vater Strauss dürfen ja auch manchmal die Werke nicht zu kurz kommen, man erinnere sich an frühere Neujahrskonzerte: 2018 ist er mit dem Marienwalzer (op. 212) ebenso wie mit einer Bearbeitung der Rossini-Oper Wilhelm Tell vertreten.

Beim Marienwalzer regieren gleichzeitig die Elemente wie Drama und Klang, Instrumente antworten aufeinander, an manchen Passagen ein wenig zünftig mit Trillern sogar. Eine Spieldauer von neun Minuten und fünfzig Sekunden sorgt für Entzücken. Diesmal ist es Tibor Kovac (Violine – Stradivari Cremona 1724), der verschmitzt lächelt.

Der Wilhelm Tell Galopp (op. 29b) ist rasant. Von fein-zurückhaltend bis aufbrausend ist mit einer tollen Variation dieser Version alles dabei. Man hat das Gefühl, die Oper kann bereits losgehen. Das Tempo ist eher das Spezialgebiet von Riccardo Muti. Wilhelm Tell, der tollkühne Held, den man nicht nur von der „Apfel-Story“ her kennt. Gioacchino Rossini widmete diesem eine Oper. Strauss ging ans Werk und steuerte seinerseits einen hübschen Galopp aus Motiven bei. Keine unübliche Vorgangsweise.

Und wieder ist die Operette gefragt: Diesmal bedient man sich eines anderen Komponisten, Franz von Suppé mit Boccaccio. Die Ouvertüre ist ein treffliches Stückchen für ein Neujahrskonzert. 1879 in Wien uraufgeführt, hat „Florenz immer noch schöne Frauen“.

Floral wird es mit dem Myrthenblüten-Walzer (op. 395) von Strauss Sohn. Die ältere Schreibweise, heute würde man die Myrte ohne „h“ schreiben, ist der Zeit geschuldet. Der immergrüne Strauch wurde vom jungen Strauss gepriesen. Auch hier findet man das Talent zu leisen Tönen wieder, die aber viel Elan und Kraft hervorbringen.

Ein Komponist, der erstmals beim Konzert zu hören war, ist Alphons Czibulka. Czibulka war österreichisch-ungarischer Militärkapellmeister. Er war eine Art Mozart, schon als Kind ein „Wunder“. Seine Komposition, die Stephanie-Gavotte (op. 312), entstand zu Ehren Prinzessin Stephanie von Belgien, und ferner Kronprinz Rudolf. Ein edles Stück Geschichte.

Ein ganzer „Block“ ist darauffolgend wieder dem Strauss gewidmet, und zwar dem „Schani“.

Seine Freikugeln (op. 326) lassen sich besonders schnell abfeuern, das beweisen die Philharmoniker einmal mehr. Oft hört man das kleine „Gustostück“ in der Operette Wiener Blut. 

Gut, die Geschichten aus dem Wienerwald (oder Wiener Wald)  (op. 325), werden immer und immer wieder gespielt. Später wurde dieser Walzer auch mit einer sehr tragischen Thematik überzogen. Natürlich, an der Umsetzung, fein gespielt, und mit einer Solistin an der Zither (Barbara Leister-Ebner) kann man nichts aussetzen. Wunderbar – die Häufigkeit der Aufführung ist allerdings wiederum auffällig.

Zum Fest-Marsch (op. 452) bittet das Orchester hernach. Hier lässt Ödön Racz mit konzentrierten Blicken seinen Bogen über den Kontrabass (M.I. Stadlmann, 1781) gleiten. Was ein prachtvolles Musikstück, kurz und wirklich sehr, sehr gut.

Zur Polka Mazurka Stadt und Land (op. 322) hört man schon beinah, wenn man wieder tiefer in die Operetten-Kiste greift, den Grafen Balduin Zedlau aus Wiener Blut zu seiner Geliebten Cagliari singen: „Dann und wann muss man doch auch bei der Frau sein, siehst du das ein?“ Ganz hübsch akzentuiert, auch von den Violinen.

„In hohem Maß in Verdis Diensten“ begreift sich der junge Strauss bei seiner Quadrille Un ballo in maschera (op. 272). Jetzt wird es (viel) italienischer! Aufrüttelnd und mit viel Glanz fließt dieses Werk, die Musiker haben daran viel Freude.

Meiner Meinung nach ein Meisterstück des Konzertes –  Der große Strauss´sche Konzertwalzer mit viel Italianitá: Rosen aus dem Süden (op. 388). Etwas leise zwar fast, feiner geht es aber kaum!

Eine frische Schnellpolka: Eingesendet (op. 240) heißt es dann für eine (Brief-)Sendung vom jüngeren Bruder Josef Strauss. Auch ein entzückendes, kleines Stück, zu welchem sich ganz hervorragend tanzen lässt. Und ein köstlicher Muti, als wollte er in Richtung Violinen sagen: „Was ist denn nun? Senden wir schon? Che c è?“ Ein ganz ordentlicher Trommelwirbel wird am Ende noch als I-Tüpfelchen draufgesetzt.

Ein fröhliches Lachen des Dirigenten kündigt eine Zugabe an: Die hinlänglich aus der Strauss´schen Fledermaus bekannte Schnellpolka Unter Donner und Blitz (op. 240), die musikalische Präzision erfordert.

Und nun: Der Donauwalzer (op. 314), der durch die Version 2018 eine opernhafte und sehr italienische Note erhält. Eine Neuinterpretation, kann man beinah sagen. Ein ganz interessanter und feinnuanciger, anderer Blickwinkel. Man spürt das Rauschen, aber auf eine andere Weise.

Der Radetzkymarsch von Strauss Vater (1848 am Wasserglacis in Wien uraufgeführt) komplettiert das Konzert. Hier dirigiert Riccardo Muti das Publikum sehr präzise und macht dann die sehr italienische „Weg-Wisch-Bewegung“. Besonders edle Führung ist hier angesagt.

Vielleicht hätte man an der Zusammenstellung der Stücke etwas arbeiten können. Es war sehr Strauss-lastig, besonders für einen italienischen Maestro.

Ein sehr nobles und auf das Wesentliche reduziertes Konzert ohne große Überraschungen, mit sehr wirksamer Musik. Riccardo Muti als Dirigent, welcher das letzte Mal 2004 am Pult der Philharmoniker stand, betonte bereits, dass er keinen Klamauk mit spaßigen Einlagen machen wolle. Die Musik an sich beinhalte den Humor. Eine äußerst angenehme Sichtweise, muss es nicht jedes Jahr Lustbarkeiten geben. Variatio delectat.

 

 

 

 

 

 

 

 

Der 61. Wiener Opernball: Neuerungen, Teuerungen und Jonas!

 

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Jonas Kaufmann am Wiener Opernball 2017; Foto: Picture alliance/dpa

 

Der Wiener Opernball ist Fixpunkt der Ballsaison: Bei den Damen werden Frisuren gezaubert, Roben geschneidert, angepasst, da wird sich kasteit. Die Herren schlüpfen in den edlen Frack, meist mit Orden geschmückt, die Fliege muss sitzen, andernfalls wird sie von der Partnerin zurechtgerückt. Das kennt man. Dieser Opernball stand erstmals unter der Leitung von Maria Großbauer, die sich im Vorfeld bereits sehr aufgeregt zeigte.

Der Ball wurde überschattet vom Tod der österreichischen Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser, die ihren Kampf gegen den Krebs verloren hatte, jedoch sicher „gewollt hätte, dass man am Tag des Opernballs fröhlich und lebensfroh tanzt“.

Viele Neuerungen mussten her, die von der Vorgängerin etablierte „Pink Bar“ etwa musste weichen, anstatt dieser waren in der Bar an der Wand lustige Trinksprüche aus Opern und Operetten zu lesen: „Trinke Liebchen, trinke schnell, Trinken macht die Augen hell!“. Überhaupt war es ein OPERN-Ball, denn an jedem Eck´ und End´ konnte man Reminiszenzen an die „Zauberflöte“ (Scherenschnitte, 5 Meter hoch), an den „Rosenkavalier“ (die Debütanten überreichten einander die Silberne Rose), und an den „Freischütz“ (der Ball-Heurige wurde zur „Wolfsschlucht“) sehen.

Das Krönchen der Debütantinnen stammte in diesem Jahr von keinem Geringeren als Karl Lagerfeld himself (der jedoch nicht anwesend war). „Le Beau Danube bleu“ soll seine Inspiration für die Diademe mit Swarovski-Kristallen besetzt, gewesen sein. Später erklärte Evelyn Haim-Swarovski im Interview mit Mirjam Weichselbraun den Kopfschmuck noch genauer. Die geliebten Ball-Kommentatoren Christoph Wagner-Trenkwitz und Kari Hohenlohe wurden aus ihrem „Kammerl“ geschickt, sie saßen diesmal im elegant eingerichteten „Containerdorf“ vor der Oper, von wo aus sie „lustige“ Selfies von Opernballzusehern zeigten oder die Damen- und Herrenspenden besprachen: Darunter das typische Frühstück aus dem „Rosenkavalier“ für die Damen, nämlich „Biskotten und T´schoklad“ von Demel, „Venti Scudi“ – als Palmers-Münzen, aus „L´elisir“, oder die „Silberne Rose“ als Brosche. Die Herren erhielten ein Buch über den Staatsopernchor und Thermalbad-Eintritte. Lumpen ließ man sich mit den Ballspenden sicher nicht.

Die Logen waren heuer besonders expensiv, knapp 20.000 Euro musste man schon einmal hinblättern. Geladene Gäste genossen Würstel und Champagner, man tratschte, auch über den offenbar unkomplizierten und gut gelaunten Stargast eines gewissen Baumeisters.

Nun aber zur künstlerischen Darbietung des Abends:  Die „Fächer-Polonaise“ von Ziehrer wurde erst einmal eingetauscht gegen die Polonaise aus „Eugen Onegin“ von Tschaikowski. Neben dem Ballett (u.a. Maria Yakovleva), das zum Strauss-Walzer „Künstlerleben“ tanzte, glänzte JONAS. Ja, richtig gelesen: Jonas Kaufmann, gefragtester Tenor unserer Zeit, gab zwei Arien zum Besten, im riesigen Ballsaal, wo die Akustik schon ein wenig kompliziert sein kann.

Jonas Kaufmann, er erhob wieder seine samtige Stimme, diesmal zu einem Rollendebüt: Er ist noch nie beim Wiener Opernball aufgetreten, somit konnte auch er sich an diesem Abend zu den Debütanten zählen. Er fiel aber auch durch eine etwas tiefere Sprechstimme auf.

Das Wiener Staatsopernorchester unter der Leitung der römischen Dirigentin Speranza Scappucci, welche mit großem Elan dirigierte, begleitete den Tenor der Tenöre bei Don Josés Blumen-Arie: La fleur que tu m´avais jetée aus „Carmen“. Er ließ seine (Stimmband)-Muskeln spielen, und begeisterte durch fein ziselierte Nuancen. Nur eines war zu vermissen: „Seine“ Carmen, die er leidenschaftlich besang. Beschwingter, aber etwas weniger leidenschaftlich der Lehár-Gassenhauer: Dein ist mein ganzes Herz aus „Das Land des Lächelns“.

Interessantes Detail am Rande: Jener Sänger, der jedes Mal für die Künstler und Künstlerinnen einen Empfang gegeben hatte, blieb heuer dem Ball fern; Kammersänger Herwig Pecoraro zog es vor, den Event von zu Hause aus zu verfolgen.

Schlichtheit, gepaart mit Temperament und Eisläufern – Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2017

 

Wir schreiben das Jahr 2017 und der Kulturpavillon schreibt mit Leidenschaft wieder die alljährliche Rezension über das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Das wohl berühmteste Konzert der Welt wird in über 90 Länder per TV übertragen und ist heiß erwartet und beliebt. Auf der ganzen Welt haben sich Fan-Gruppen zusammengeschlossen, die sich intensiv auf den 1.1. des Jahres vorbereiten. Wohl auch in Venezuela, der Heimat des diesjährigen Dirigenten, des (erst) 35-jährigen Gustavo Dudamel.

Nach dem ersten Marsch aus der Operette „Wiener Frauen“, nämlich dem sogenannten „Nechledil-Marsch“ (Lehár), welcher nicht gerade ein besonderes Glanzstück des famosen Komponisten darstellt, durfte man sich von diesem Konzert noch weitaus mehr erwarten. Lehár schrieb quasi eine Operette nach der anderen, viele davon als richtiggehende Welt-Hits, so wie die „Lustige Witwe“, deren Melodien wohl ein jeder, der Musik im Entferntesten mag, schon einmal gehört hat.

Im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, prächtigerweise dieses Jahr sogar mit einigen Südfrüchten geschmückt, waren die Wiener Philharmoniker schwelgend in einer fantastisch ausgewogenen Version von Emilé Waldteufels „Les Patineurs“ oder auf Englisch „Skater´s Waltz“ (op. 183). Fein ziseliert die Passagen vorgetragen, kam nicht nur Dudamel selbst ins Schwärmen. Zum Weinen schön! Waldteufel war, wie bereits im vorigen Jahr nebst „Espana“, ein Konkurrent der Strauß-Dynastie, welcher in ähnlichem Stil komponierte.

Gustavo Dudamel ist mit seinen 35 Jahren der jüngste Dirgent in der Geschichte des Neujahrskonzertes. Und man muss ihm sagen, er hat seine Sache famos gemacht. Mit einem stets wundervoll charmanten Lächeln, das noch keiner der Dirigenten vor ihm gezeigt hatte, ging er an die Stücke heran. Sein merkbares Temperament war dennoch – oder schien dennoch etwas gezügelt zu sein. Geboren wurde er in Venezuela, und gilt in seinem Land als „Symbolfigur einer einzigartigen Klassik-Bewegung“. Er erwähnte zudem, dass er schon als Baby das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker im Fernsehen „mitverfolgt“ habe und es nun zu leiten, eine ehrenvolle Aufgabe sei.

Weiter im Programm ging es mit der schwungvollen und ur-wienerischen Polka „S´ gibt nur a Kaiserstadt, s´ gibt nur a Wien!“ (op. 291) von Johann Strauss Sohn, das erste Stück der Strauss-Dynastie in diesem Konzert, wobei die öffentliche Meinung auseinandergeht. Die „Sträuße“ sollten doch eigentlich dieses Welt-Konzert dominieren, meinen die Einen. Die Anderen gestehen auch „Außenseiter-Komponisten“ eine große Rolle im Neujahrskonzert zu. Beide Meinungen dürften wohl heuer befriedigt worden sein.

Von Johanns Bruder Josef Strauss folgte die „Winterlust“ (op. 121) als rassige, und doch sehr entzückend vorgetragene Schnellpolka, bei welcher Dudamel  entfesselt war. Spezialeffekte wie das Zusammenklappen eines Holzblocks ließen launigerweise nicht lange auf sich warten.

„Mephistos Höllenrufe“ (op. 101), wieder von Johann Strauss Sohn, gerieten zu einem rasanten, aber ehrlich gesagt, wenig „bedrohlichen“ Szenario. Da hätte man sich mitunter ein bisschen mehr Dramatik erwarten dürfen. Ein wunderbar ausgearbeiteter Walzer, mit vielen ausdrucksstarken und auch verstrickten Motiven, den die Philharmoniker mit Akribie intonierten.

Ein kleiner „Gassenhauer“ folgte sodann, aus der Operette „Eine Nacht in Venedig“, übrigens die einzige von Johann Strauss Sohn, die in Berlin (!) uraufgeführt wurde. Die Schnell-Polka „So ängstlich sind wir nicht“, (op. 413) war sehr wuchtig und angenehm schmissig gespielt, animierte beinah zum Mittanzen. Nur die im Original vortragenden Senatorsfrauen waren nirgendwo zu entdecken, aber wie deklariert, war das die Antwort der Philharmoniker auf den vorangegangenen Walzer.

Im zweiten Teil des Neujahrskonzertes fand man drei große Walzer, eine prächtige Ouvertüre sowie Polkas und sogar wieder eine Quadrille, nach einigen Jahren.

Die Ouvertüre zu einer eher selten gespielten Operette von Franz von Suppé, „Pique Dame“, in welcher sich alles um Liebe, Wahrsagerei und Kartenlegen dreht, wurde zu einem fulminanten Meisterwerk, die fein gesetzten Einsätze der Musiker, die Atmosphäre dieses Musikstückes, sehr gut ans Publikum transferiert. So lässt es sich trefflich feiern.

Auch ein weiterer, wunderbarer Komponist fand Eingang in das Programm des Konzertes, der Wiener Carl Michael Ziehrer, der mit seinen über 600 Kompositionen wichtig für das Kulturleben der Stadt war. Von ihm hörte man mit mächtiger Inbrunst vorgetragen den populären Konzertwalzer „Hereinspaziert!“, welcher schon bis auf Kreuzfahrten vorgedrungen ist. Mit seiner anspruchsvoll langen Spieldauer von acht Minuten stellt dieses Werk eine Herausforderung der leichten Muse dar. Es handelt sich dabei um Opus 518 aus der Operette „Der Schätzmeister“. Mit wechselnden Passagen, die doch immer so leicht klingen müssen, als rutschten sie förmlich von der Violine, überzeugten die Musiker auch hier auf ganzer Linie.

Einen prominenten Auftritt hatte bei der nächsten Gelegenheit der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, unter der Leitung von Johannes Prinz. Die Damen und Herren intonierten den „Mondaufgang“ aus Otto Nicolais Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ im Chor. Ein zu Herzen gehender Effekt hierbei: Es wurde einerseits von der Orgel aus ein silberner Staub ins Publikum geblasen, und andererseits wurden Kirchenglocken imitiert. Ein Erlebnis, zumal mit Otto Nicolai der Gründer der Wiener Philharmoniker bedacht wurde.

Die exquisit schöne Tänzerin Pepita d´Oliva wurde von Johann Strauss Sohn mit einer eigenen Polka beschenkt, simplerweise der „Pepita-Polka“ (op. 138), zu diesem Anlass kamen Kastagnetten zum Einsatz. Ein „Kleinod“, aber recht sinniges und auch stimmiges Juwel der Sträuße.

Es folgte eine mit Spannung erwartete Quadrille, und zwar die „Rotunden-Quadrille“ (op. 360) von Strauss Sohn. Diese wurde anlässlich der Weltausstellung 1873 in Wien komponiert, und rankte sich rund um einen nicht fertiggestellten Prachtbau in Wien. Auch diese geriet recht temporeich und sehr aufwiegelnd, im nächsten Moment aber wieder besänftigend.

Eine für den Juristenball geschaffene Komposition folgte auf dem Fuß: „Die Extravaganten“, (op.205) ein genau durchkomponierter Konzertwalzer von Strauss Sohn, wurde wieder höchst melodisch umgesetzt. Extravagant waren da Ton und Takt.

Eine Tänzerin des Wiener Staatsballetts, Liudmila Konovalova, hatte ihre Neujahrskonzert-Premiere und war entsprechend motiviert und aufgeregt. Bravourös meisterte sie auch schwierige Passagen.

Johann Strauss Vater komponierte den „Indianer-Galopp“ (op.111), der einen etwas irreführenden Namen trägt. Es waren nämlich damals indische Tänzer zu Besuch, zu deren Ehren dieses Werk entstand. Das rascheste Stück dieses Neujahrskonzertes, wo die Philharmoniker und Dudamel alles auf den Tisch legten.

Ein entzückendes Werk, thematisch angesiedelt in der Region Semmering-Rax in Niederösterreich, präsentierten die Wiener Philharmoniker mit Josef Strauss´ schwärmerischer Polka mazur „Die Nasswalderin“ (op. 267). Eine ähnliche Struktur wie bei seinem „Hit“, der „Libelle“, war nicht abzusprechen.

Eine resche Schnellpolka seines Bruders Johann Strauss folgte, zu der eine Tanzeinlage von sechs Studierenden der Ballettakademie geboten wurde: „Auf zum Tanze“ (op. 436), wirklich melodiös. Die Bekanntheit dieser Polka dürfte nicht zu Weltrang reichen, doch hörenswert ist sie allemal. Musiziert wie „Butter“ und genauestens abgestimmt auf die Tänzerinnen und Tänzer, die sich feudal im Goldenen Saal drehten.

Auf einen großen Walzer (Spieldauer: 8 Minuten 30 Sekunden) konnte man sich mit „Tausend und Eine Nacht“ (op.346) nach Motiven der Operette „Indigo und die vierzig Räuber“ (J. Strauss Sohn) einstellen. Hier hatten vor allem die Klarinetten (wie etwa Ernst Ottensamer) viel zu tun. Fein, mit großen, ausladenden Bögen und anregend zu lauschen!

Eine wohlbekannte Polka, zu der auch immer die Hauptfiguren aus Strauss´ „Fledermaus“, Eisenstein und Rosalinde, „leiden“,  rundete den offiziellen Teil des Neujahrskonzertes ab. Man gab die „Tik-Tak Polka“ (op. 365). Irgendwo spielen sie sie immer, net woar. Kompliment an die Philharmoniker und Dudamel, dass sie aus diesem Moment etwas Besonderes machten!

Eine hübsche Zugabe mit einem bei diesem Konzert unterrepräsentierten Strauss-Bruder, nämlich Eduard, stand im Raum. Letztes Jahr wurde er noch etwas mehr „gewürdigt“. „Mit Vergnügen“ (op.228) lautete diesmal sein Beitrag. Eine kleine Polka, die die Zuhörer mitriss, ehe…

…das „Geburtstagskind“ des heurigen Jahres zu seinen Ehren kam. Der „Donauwalzer“, oder wie er ganz streng, korrekt bezeichnet wird: „An der schönen blauen Donau“ (op. 314), feierte seinen 150. Geburtstag. Dudamel, ganz aufgeregt, legte sich sehr hinein und hatte den ganz pflichtbewussten, aber auch locker-melodiösen Zugang.

Den Abschluss bildete wie immer der „Radetzky-Marsch“ (op. 228), welchen Dudamel sehr exakt haben wollte und das Publikum nicht nur zum „Forte“- Mitklatschen, auch zu dem folgenden Begeisterungssturm brachte.

Bravo, Gustavo Dudamel, zu dieser Premiere!

 

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Der 60. Wiener Opernball – ein nostalgisches Fest für die Sänger

Wiener Staatsoper

Opernball 2016

Der letzte Ball der Organisatorin Desirée Treichl-Stürgkh wurde ein Ball der Nostalgie, ein Ball für die Künstler, ein Ball für die Tänzer. Das war spürbar. Von den ausführenden Künstlern spannte sich der Bogen von Tänzer Kirill Kourlaev über Tänzerin und Ehefrau Olga Esina bis zu KS Placido Domingo und der jungen, höchst talentierten Sängerin Olga Peretyatko. Auch diejenigen, die den Ball „nur“ genossen haben, wie Valentina Nafornita, Juan Diego Florez, Herwig Pecoraro oder Clemens Unterreiner, zeigten sich vollauf begeistert. Über das „Kommentatorenkammerl“, das sich bisher auf jedem Ball bewährt hat, kamen launige Kommentare von Karl (Kari) Hohenlohe und Christoph Wagner-Trenkwitz, die es in sich hatten.

Die Eröffnung beinhaltete den langen Konzertwalzer „Accelerationen“ von Johann Strauss Sohn, zu dem das Ballett eine lange, kraftzehrende Choreographie zum Besten gab. Hohenlohe merkte dazu an: „Läuft der Walzer noch immer?“ Olga Peretyatko bezauberte das Publikum mit einer wunderbaren Sopranstimme zu „Che il bel Sogno di Doretta“ aus La Rondine, und später überraschte KS Placido Domingo mit einem „Danilo“ aus der „Lustigen Witwe“ auf Spanisch mit deutschem Refrain. Man merkt, wie viel Spaß dieser Routinier an der Sache hat. Ein Duett, das alle „Lippen schweigen“ ließ, inklusive gefühlvollem Walzer, zwischen Peretyatko (in einer pastellfarbenen Robe von Zuhair Murad) und Domingo folgte. Am Schluss war Domingo dermaßen euphorisch unterwegs, dass er sehr laut wurde.

Erstmals eröffneten die Jungdamen und Jungherren den Opernball mit einem Galopp, und zwar dem hübschen „Klipp-Klapp-Galopp“, choreografisch waren sie sehr gefordert, meisterten diese Szenen aber bravourös. Die Herren formten das Wort Opernball, aus der Vogelperspektive gut erkennbar. Die Damen glänzten mit ihren Tiaras („Rising Star“), designt wurden diese von Marie Boltenstern. Auch die Sträußchen enthielten die an diesem Abend nicht wegzudenkende Pflanze, das Schleierkraut.

Das von den Kommentatoren so geliebte „Schleierkraut“ alias Gypsophila zierte den gesamten Ballsaal. Man darf annehmen, dass es heuer nicht ganz so attraktiv sein wird, die Blumen nach dem Kehraus mit nach Hause zu nehmen. Trenkwitz entschuldigte sich kurz bei den Zuhörern: Er „esse gerade einen Karpfen mit Marmeladefüllung“. Sofort wurde er von Hohenlohe korrigiert :“einen Krapfen oder einen Berliner“. Ebenfalls für ein Schmunzeln sorgte das Kommentatorenduo mit dem „Hashtag – sprich: Häschtääg Opernball“ unter dem die Zuschauer vor den Fernsehgeräten im Internet Fotos posten konnten, wie sie den Ball verfolgen.

Barbara Rett schließlich fragte bei KS Juan Diego Florez und seiner Frau Julia nach: Wie war denn das Kennenlernen? Nun, das Glück fanden diese beiden nach einer Autogrammstunde nach „La Sonnambula“. Sie fragte nach einem Autogramm, er sogleich nach einem Abendessen!

KS Herwig Pecoraro steuerte gemeinsam mit seinem Sohn Mario die Herrenspende bei: Eine CD von Vater und Sohn Pecoraro, auf der beide einen Klassik-Pop-Mix präsentieren. Was für ein nettes Projekt! Die Damenspende bestand unter anderem aus einer Wiener Philharmoniker-Münze.

Auf die Bemerkung von Barbara Rett, der Herr Kammersänger Pecoraro produziere Essig, verneinte dieser. „Nein, ich produziere keinen Essig! Es ist Balsamico!“ Was klargestellt werden muss, muss klargestellt werden. Auch am 60. Wiener Opernball. Der als Stargast erwartete Alain Delon kam nicht. Dafür sein wenig gesprächsbereiter Sohn Anthony, der mit dem Stargast eines gewissen Baumeisters, Brooke Shields, lieber schäkern wollte als mit Moderatorin Mirjam Weichselbraun.

Diesen Opernball nutzten viele, um ihre nächsten Projekte zu besprechen. Valentina Nafornita singt demnächst in „La bohéme“, bei KS P. Domingo ist eine Rückkehr an die Wiener Staatsoper für drei Vorstellungen von „La traviata“ geplant und KS J.D. Florez möchte eine Wienerlied-CD herausbringen. Natürlich mit „perfect Accent of Wienerisch“ wie er betonte. Etwas unpassend die Tatsache, dass Bilder der Kleider der Damen sofort auf dem Smartphone aufgenommen wurden und im TV von einer Modeexpertin analysiert wurden. Muss das auf einem feierlichen Ball denn sein?

Ein wunderbarer Ball und eine Erinnerung an den ersten Opernball überhaupt.

DB Opball

KS Placido Domingo und „seine“ Olga Peretyatko als Hanna Glawari und Danilo beim Walzertanz zu „Lippen schweigen“! Schön!

Extrapost, Walzerkost, Violetta, Ninetta und Espana – Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2016

Goldener Saal des Wiener Musikvereins

 

Ein Klassiker der österreichischen Musikgeschichte: Jeder Dirigent, und sei er auch noch so versiert, ist ein bisschen nervös, an diesem besonderen Datum die Wiener Philharmoniker dirigieren zu dürfen. Im heurigen neuen, ganz frischen Jahr fand sich der lettische Maestro Mariss Jansons am Pult ein. Sechs Neujahrskonzert-Premieren hatte dieser Vormittag zu bieten.

Zu Ehren des geladenen Generalsekretärs Ban-Ki Moon interpretierte das Orchester zuerst eine Neujahrskonzert-Premiere: Nämlich den UNO-MARSCH von Robert IMG_0006Stolz. Die vereinten Nationen sollten hiermit gepriesen werden. Ein fast italienischer, sehr fröhlicher Klang, gemischt mit „Gardemaß“, wurde hörbar. Trompeten hatten einen großen Auftritt und dieser Marsch stellte einen herrschaftlichen Beginn des Neujahrskonzertes dar.

Als zweites Musikstück präsentierten die Philharmoniker den wunderbaren „SCHATZ-WALZER“ (op. 418) von Johann Strauss Sohn mit Motiven aus seiner Operette „Der Zigeunerbaron“. Dass die Figuren Saffi und Barinkay einen Schatz finden, das hat man „deutlich gehört“. Auch dass die Musiker „das und noch mehr“ können. Ausdifferenziert und beinah uneitel, edel musiziert kommt der große Motiv-Walzer an. Eine auffällige Begebenheit ist aber: Das Carnero (Figur) – Couplet innerhalb des Walzers ist abgekürzt worden, der Refrain wird kein zweites Mal mehr gespielt.

Als nächste (erste) Polka francaise ist „VIOLETTA“ (op. 404) aus der Operette „Der lustige Krieg“ ebenfalls von J. Strauss Sohn, an der Reihe. Eine ganz hübsche, sanfte Polka, die durch das heurige Neujahrskonzert 2016 zum persönlichen Favoriten der Autorin geworden ist (nebst den Werken „Albion-Polka“ und „Vom Donaustrande“, beide von J. Strauss Sohn und „Neckerei“ von Josef Strauß). Man meint ein wenig, Wien und den Fasching und ein Begehren von Spaß und ausgelassenem Tanz herauszuhören. Die Polka ist aber dabei seriös, ein ganz klein bisschen schwingt Melancholie mit und teilweise (!) ist sie nicht wirklich leichtfüßig. Gerade DIESE Mischung macht ihn aus, den Reiz dieses wunderbaren kleinen Juwels! Die Interpretation: Also, das Urteil lautet: Besser geht es nicht! Leichte Triangel, flotte Violine!

Es folgt ein Zug. Ja, richtig. Und zwar der „VERGNÜGUNGSZUG“, eine Schnell-Polka (op. 281). Ein flottes, wieder sehr leichtfüßiges Werk von Johann Strauss Sohn. Inspiriert vom Bau der Südbahn, es geht also ein „Vergnügungs-Zug“ von Wien aufs Land. Strauss schrieb diese kleine Schnellpolka 1864. Die Wiener Philharmoniker haben sichtlich Spaß dabei und verleihen der Polka Frische. Dirigent Mariss Jansons bläst komödiantischerweise mehrmals dabei in ein Horn (vermutlich um die „Abfahrt des Zuges“ zu symbolisieren).

Ein großer Konzertwalzer von Carl Michael Ziehrer (auch er ist heuer vertreten, und zwar mit einer Neujahrskonzert-Premiere!) die „WEANA MAD´LN“ (op. 388) steht weiters auf dem Programm. Ziehrer galt als Konkurrent der Strauß-Dynastie (von der sich ausschließlich Johann II. mit Doppel – s schrieb!) und war ein typisch wienerischer Komponist. Es ist ein großer Segen, auch die wunderschönen Melodien von ihm einem Neujahrskonzert zuzuführen. Man denke dabei auch an die berühmten und beliebten „Wiener Bürger“ oder den „Natursänger – Walzer“. Zu den „WEANA MADLN“, die im Übrigen äußerst ziseliert und feinsinnig vom Orchester wiedergegeben werden: Die hübsche Leitmelodie wird von den flexiblen Musikern nicht etwa gespielt. Nein, sie wird gepfiffen. Und wer genau hingesehen hat, der hat wahrscheinlich erkannt: Die ersten Pfeifer (äußerst melodiös) waren im Violinen-Sektor (u.a. Erste Violine Erich Schagerl, Erste Violine Martin Kubik und Erste Violine Andreas Großbauer) zu verorten. Eine ganz wundervolle Idee, das muss man sagen!

Eine sehr schnelle Polka schnell „MIT EXTRAPOST“ (op. 259) von dem jüngsten der Brüder, Eduard Strauß. „Der Edi“ war bekannt für seine raschen Wendungen in der Musik. Mariss Jansons erhält hier von einem Pagen als wiederum komödiantische Einlage einen original Strauß-Taktstock per „Extrapost“ geliefert. Gleich dirigiert er damit die schon ganz begierigen Wiener Philharmoniker, die rasend schnell einem Eilbrief gleichend, aber trotzdem sehr akribisch musizieren.

Die Abfolge dieser beiden aufeinanderfolgenden Musikstücke ist ein klein wenig „hart gewählt“, vielleicht war dieser Kontrast aber gewünscht.

Nach der Pause geht es weiter mit der schönen Ouvertüre zu einer der lustigsten Werke von Johann Strauss Sohn: „EINE NACHT IN VENEDIG“.  Sie dürfte beim Neujahrskonzert keine Unbekannte sein. Diese wird in der Wiener Fassung gespielt. Strauss selber wandte ein Gedicht an: „Wiener seid froh, oho, wieso…“ Sehr fein ausgekostet wird darin das Gondellied des Caramello. Die Philharmoniker schwelgen in diesem Stück wie in den Meereswellen, kommen mit einem raschen Finale wieder heraus: „So ängstlich“ sind sie nicht! Eine Hommage an Lust und Faschings-, pardon, Karnevalzeit!

Es kommt wieder „der schöne Edi“ an die Reihe, und zwar mit einer maliziösen Schnell-Polka, die schnell einmal halsbrecherisch werden kann: „AUSSER RAND UND BAND“ (op. 168). Sie hat viele Wendungen, die vom Orchester leichtfüßig und ganz problemlos angegangen werden. Auf Jansons Kommando achtet man da, fein und sauber wird auch diese ausgestaltet. Auch dieses kleinere Werk ist eine Neujahrskonzert-Premiere.

Die Philharmoniker spannen den weiten Bogen zu einem der allerschönsten Walzer vom eher unbekannteren, nicht minder genialen Bruder Josef Strauß: die „SPHÄRENKLÄNGE“ (op. 235). Der Legende nach können diese nur ungeborene Babys hören, die Musik der Sphäre. Aber, das Orchester ist an diesem 01.01. so gnädig, auch uns in den Genuss dieses schönen Werkes kommen zu lassen. Schwebend kommen die Töne, von den Violinen über die Violas bis zu den Querflöten. Einfach toll zuzuhören!

Eine Polka francaise steht wieder im Raum, und zwar die „SÄNGERSLUST“ (op. 328) von Johann Strauss Sohn (geschrieben für den Wiener Männergesangverein). Und mit ihr als Orchester-Begleitung die Wiener Sängerknaben. Sie haben den Text selbst dazugedichtet und wirken oberhalb des Orchesters stimmlich kräftig mit. Sie sind deutlich, genau wie die Musiker. Das gelingt erst einmal sehr gut bei diesem Werk. Beim zweiten ändert sich das leider etwas.

Das zweite in dieser Manier aufgeführte Werk „AUF FERIENREISEN“ (op. 133) von Josef Strauss misslingt leider laut der Meinung der Autorin, und dies aus zwei Gründen: Das Werk und die Melodie an sich sind sauber und wunderbar, stimmig in sich. Die Wiener Sängerknaben sind hier bemüht, einen eigenen Text sehr rasch „über die Melodie darüber zu singen“. Sie strengen sich sehr an, der Text ist viel, viel zu schnell vorgetragen. Man kann kaum folgen. Die Philharmoniker wiederum werden (gehört) etwas lauter, die Knaben leiser. Ein entzückendes Bild bietet sich visuell. Es passt leider hier nicht so wie erhofft. Für sich genommen haben beide (Orchester & Sängerknaben) eine tolle Leistung abgeliefert, aber zusammen hat das nicht gepasst.

Johann Strauss Sohn hat eine weitere Operette im Programm: Die „FÜRSTIN NINETTA“, wo die Wiener Philharmoniker die romantisch-flehentliche „Zwischenmusik – Entr´acte zwischen 2. und 3. Akt“ gewählt haben. In einem leidenschaftlichen und dennoch klaren Spiel und einer präszisen, romantischen Interpretation haben sie an dieser Stelle das Publikum besonders schwärmen lassen.

Die nächste Neujahrskonzert-Premiere stammt vom gebürtigen Elsässer Waldteufel. Emil(e) Waldteufel. Er bringt uns durch die schöne, wirklich makellose Interpretation an dieser Stelle der  Wiener Philharmoniker ordentlich  spanisches Flair in den Goldenen Saal des Musikvereins. „Wilde, dennoch klassische“ Rhythmen werden hier dargeboten. Exotisch und erfrischend kommtESPAÑA“ (op. 236) an die Ohren. Der sanfte Beginn lässt eine Felsenlandschaft in Spanien erahnen, so lebendig wird er interpretiert. Und dann kommt richtiges Feuer auf. Kastagnetten und ein Fächer zur Kühlung eines mutmaßlichen Kontrabassisten werden verwendet. Dieser Walzer, weit, groß, üppig, wird an manchen Stellen wieder ziseliert, um jede Nuance dieses Landes erahnen zu können. Auch gewisse Dramatik und natürlich der spanische Stolz kommen beim Werk des 1837 geborenen Waldteufels zum Tragen. Mit entsprechendem Stolz gehen die Wiener Philharmoniker unter Mariss Jansons an dasselbe heran.

Es folgt eine selten gespielte Szene. Die „BALLSZENE“ des auf dem Neujahrskonzerts nicht so populären Josef Hellmesberger senior. Diese soll einen Vorgeschmack liefern auf den Hausball der Philharmoniker. Die Violinen haben hier eine diffizile Arbeit zu verrichten, diese gelingt wie erwartet bravourös. Wenn man genau beobachtet, merkt man auch, dass das ein oder andere Rosshaar von den Bögen fliegt. Die Bögen selbst fliegen auch über die Saiten. Edel!

Ein eher kurzer, aber vielleicht liebevoll gemeinter „SEUFZER-GALOPP“ (op. 9), das einzige Werk auf diesem Konzert, das von Johann Strauß Vater stammt, (natürlich außer dem Radetzkymarsch!). Nettes Stückchen. Komödiantisch gut umgesetzt. Einige Seufzer lockern auf. Musikalisch auch gut umgesetzt, wenn auch wenig spannend an sich. Wenn man ganz ehrlich ist, hätte dieses kleine Bonmot vielleicht, vielleicht effektvollere Alternativen gehabt.

Josef Strauß versetzt daraufhin mit seiner wunderbaren „LIBELLE“ (op. 204) – Polka mazur alle ins Staunen und andachtsvolle Lauschen! Selten hat man diese Polka besser und differenzierter, feinsinniger gehört. Ein großes BRAVO den Philharmonikern für diese All-Time-Favorite-Einspielung, wenn man es denn so salopp nennen darf.

Der allseits bekannte und sehr beliebte „KAISER-WALZER“ (op. 437) von Johann Strauss Sohn. Was soll man dazu sagen. Perfekt. Einfach perfekt. Mehr gibt es nicht.

Und dann gehen die Musiker mit uns noch einmal auf die Jagd nach dem neuen Jahr. Mit „AUF DER JAGD“ (op. 373), einer Schnell-Polka von Johann Strauss Sohn. Fesch und resch musiziert, zwei Holzbretter sorgen am Beginn für einen heiteren Moment.

Eine unerwartete, herzliche Zugabe gibt es: Johann Strauss´ Sohn „IM STURMSCHRITT“ (op. 348). In Italien ist dieses Werk auch beliebt: Es hat sogar den eigenen Namen „A passo di carica“. Wie sehr oft, auch hier „molto bella“ anzuhören.

Zum Schluss verwöhnt man noch das Ohr mit den beiden Klassikern:

  • Der Donauwalzer „An der schönen blauen Donau“ (op. 314) – Johann Strauss Sohn. Langsam intoniert, ganz anders als bei anderen Neujahrskonzerten. Das Wasser scheint sich zu bewegen. Wahrhaftig.
  • Der Radetzkymarsch (op. 228) – Johann Strauss Vater – Mariss Jansons versteht sich auf das Einklatschen, er verlässt auch als „Gag“ einmal den Saal. Jeder Dirigent macht dies auf seine Weise. Spaßig und launisch war es.
Fazit: Wer dieses Neujahrskonzert noch nicht zu Ohren und zu Augen bekommen hat, der sollte es tun! Der beste Start in das Jahr 2016 mit dem famosen Orchester und einem meisterlichen Dirigenten!
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Neujahrskonzert 2015 – Techniksegen,Konfettiregen, Orient und Student

 

Wiener Musikverein                                                                                               01.01.2015

Innovativ statt traditionell – so gestalteten in diesem Jahr Maestro Zubin Mehta (der zum 5. Mal dirigiert) und die Wiener Philharmoniker  das Neujahrskonzert. Es stand im Zeichen der Technik und der Universität. Im schönen Goldenen Saal des Wiener Musikvereins regnete es dieses Mal sogar Konfetti.

Ein Winter-Vormittag. Begonnen wird mit der Ouvertüre zu Franz von Suppés Lustspiel „Ein Morgen, ein Mittag, ein Abend in Wien“. Ein flotter Einstieg. Ein bisschen klingt das fast wie Otto Nicolai, ist aber ein waschechter Suppé. Richtig, wie eine Ouvertüre klingen muss. Mehta setzt hier auf das richtige Tempo und die Gangart. Eine Hommage an den gebürtigen Inder bildet der zweite Walzer von Johann Strauss Sohn, „Märchen aus dem Orient“. Dieser wird sehr langsam und feingliedrig musiziert. Die Übergänge wirken ein wenig gebremst. Die Musiker achten sehr auf Genauigkeit. Dieser Walzer wurde von Strauss Sohn für den Sultan von Konstantinopel komponiert und trägt die Opuszahl 444. Durch die elegischen Mollpassagen führen die Philharmoniker sehr elegant.

Es folgt die Polka francaise von Josef Strauss „Wiener Leben“, die äußerst fein ziseliert und sehr lebhaft gestaltet wird. Man kann sich das bunte Treiben direkt vorstellen. Daraufhin servieren die Musiker von Josefs Bruder Eduard Strauss: „Wo man lacht und lebt“, eine reizende Schnellpolka. Pure Lebensfreude wird hier unter den Musikern spürbar, wo so mancher auch ins Schwitzen kommt. Besonders rasant, aber auf feine Genauigkeit achtend wird intoniert. Das synchrone Aufschwingen der Geigenbögen ist auch einen Blick wert.

Ein mit einigen rustikalen Motiven gespickter, sehr langer Walzer von Josef Strauss, die „Dorfschwalben aus Österreich“: Klarinetten (u.a. Daniel Ottensamer) und Oboen sowie Vogelgezwitscher sind hier sehr gefragt. Heftig bewegt, dann wieder im piano. Schön fließend und sanft legt sich die Melodie über die Instrumente, auch der Streichersatz kommt hier gut zur Geltung. Romantisch-verklärt und ländlich mit einem ernsthaften Einschlag ließe sich dieses Werk beschreiben, dem Josef Strauss richtiggehend (eigentlich für das Pianoforte komponiert) zu einem kleinen Meisterwerk verholfen hat. Auch eine Harfe hört man sehr gut heraus. Das Vogelgezwitscher kommt aber aus der Konserve und nicht aus der Natur, klarerweise. Interessante Apparationen werden dafür herangezogen, etwa eine Pfeife in Form eines Vogels.

Wieder eine sauber und trotzdem leidenschaftlich intonierte Schnellpolka „Vom Donaustrande“ von Johann Strauss Sohn. Einige Passagen erinnern fast an ein ganz leichtes Pizzicato, so fein sind sie gespielt. An einigen Stellen mit nobler Zurückhaltung, um dann wieder entfesselnden Klang zu bieten. Die Streicher (u.a. Erich Schagerl, Clemens Hellsberg) entlocken ihren Instrumenten hier besonders genau differenzierte Töne. An einen Strand erinnert dieses Werk aber eher nicht, auch nicht an Wellenrauschen. Möglicherweise gibt es eine gewisse Diskrepanz zwischen Titel und Werk.

Weiter geht es nach der Pause mit dem „Perpetuum mobile“, dem Musikalischen Scherz von Strauss Sohn. Das Fagott und die Oboe machen ihre Sache gut. und scherzweise schließlich von Maestro Mehta mit den Worten „et cetera, et cetera….“ abgebrochen. Das Publikum reagiert mit Applaus.

Der Accelerationen-Walzer von Strauss Sohn ist der Technik gewidmet von der die Strauss-Brüder ja sehr begeistert waren. Eduard und Josef aber mehr als Johann. Industrialisierung und Dampfmaschine: Dieses Werk klingt sanft und wenn man ganz genau das Orchester beobachtet, sieht man einen Geiger breit lächeln ob des lieblichen Tones, den er gerade spielt. In den oberen Reihen geben die Kontrabässe (u.a. Ödön Racz) alles. Dieser Walzer hat die Besonderheit, immer schneller zu werden und sich dadurch in den Weiten der Musik zu verlieren, man kann sich ein Tanzpaar vorstellen, das dazu immer schneller und schneller sich im Walzertakt dreht und sich quasi in den Augen des anderen verliert. Wer es weniger romantisch mag: Eine immer rascher in Bewegung kommende Maschine drängt sich als Denkfigur ob des Werkes auf.

Technisch geht es auch weiter: Mit der „Electro-magnetischen Polka“ von Johann Strauss Sohn. Am Anfang sehr leise und differenziert, geht es im Mittelteil schmissiger zu. Eine Denkfigur hierzu sind zwei sich anziehende und abstoßende Magneten.

Mit allerhand Gerätschaften, um auch monotone Geräusche zu erzeugen, macht man wieder bei Eduard Strauss „Mit Dampf“, einer Schnellpolka, Bekanntschaft. Da wird geraschelt, gedampft und herrlich musiziert. So schnell, dass man sich fast überschlägt.

Die Bewegung der Wellen imitiert schließlich der Walzer „An der Elbe“, ein langer, schöner Konzertwalzer. Dieser stammt von Johann Strauss Sohn. Dramatisch, fein.

Dem Dänen Hans Christian Lumbye, dem „Strauß des Nordens“, wird mit dem „Champagner-Galopp“ Rechnung getragen. Er wollte sich der Strauss-Dynastie musikalisch angleichen. Als kleines Bonmot serviert Zubin Mehta ausgewählten Musikern ein Glas des Schaumweins und gemeinsam wird es erhoben. Allerhand eigentümliche Apparaturen für den Klang werden auch hier verwendet. Eine kleine Gesangseinlage lassen die Wiener Philharmoniker nicht nehmen.

Die Studenten-Polka von Johann Strauss mit dem weit bekannten Motiv „Gaudeamus igitur“ folgt mit fröhlicher Weise. Der „Freiheits-Marsch“ von Strauss Vater, ist, nun ja, ein typischer Marsch. Aber nicht besonders „fesch“. Er hat recht leise Stellen.

Die allseits beliebte und bekannte „Annen-Polka“ (Strauss Sohn) widmet Zubin Mehta seiner Frau. Sie wird feingliedrig musiziert, aber nicht zu sehr aufgebauscht.

Nun der große Walzer mit Motiven aus der Operette „Wiener Blut“, „Wein, Weib und Gesang“. Sehr ausgedehnt, mit langsam getragenen, träumerischen Passagen, gewinnt er wenig an Schwung, aber hier ist das vollkommen in Ordnung.

Noch eine rasche Schnellpolka, dann ist auch schon der offizielle Teil (leider) beendet: Es folgt Eduard Strauss´ „Mit Chic!“, flott musiziert, ein selten gehörtes Kleinod.

Die „Üblichen Verdächtigen“ als Zugaben sind heuer nicht genug: Die „Explosions-Polka“, bei der vor allem die Trommel sich redlich müht. Am Ende gibt es einen großen Knall, und dickes Konfetti rieselt von der Decke des ehrwürdigen Musikvereinssaales. Eine gelungene Überraschung!

Donauwalzer (sehr schmelzend und fließend musiziert) und Radetzkymarsch (wobei Mehta das Applaudieren nach Rang getrennt bevorzugte) komplettieren das Konzert.

Der Goldene Musikvereinssaal war an diesem Vormittag mit üppigem Blumenschmuck der Wiener Stadtgärten (Anthurien, Rosen, Tulpen) versehen.

Ein Bravo allen Beteiligten! So fein akzentuiert musiziert!

-Martina Klinger-

 

 

 

 

 

 

„Goldener Schikaneder“ 2014 – Musiktheaterpreis 2014-humoriger Moderator

Theater an der Wien. Wien                                                                   17. Juni 2014

-KK exklusiv-

ÖSTERREICHISCHER MUSIKTHEATERPREIS 2014 im Theater an der Wien

Der Musiktheaterpreis „Goldener Schikaneder“ mit seiner jungen Geschichte- es ist ein frischer, innovativer Preis. Er kommt ohne Subventionen, aber „mit Herz“, wie Co-Erfinderin und Sopranistin Elisabeth Flechl von der Volksoper Wien betonte. Als Schirmherr dieses Preises fungiert Karl Michael Ebner von der Volksoper Wien, auch Chef des Musikfestivals Steyr (OÖ).

Großes Gedränge vor dem Eingang zum Theater an der Wien. Viele prominente Gäste waren gekommen, um ihren Favoriten für den Preis die Daumen zu drücken, eine Laudatio zu halten und die Verleihung zu verfolgen. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass die Kartenausgabe wirklich außergewöhnlich rasch und gut organisiert war. Da sah man etwa KS Josef Luftensteiner etwas angespannt vorbeieilen, oder die beiden lebensgroßen Goldenen Schikaneder, die auch wirklich weiß im Gesicht bemalt waren.

Auf der Bühne erschienen erst Elisabeth Flechl und Karl-Michael Ebner, dann der Moderator des Abends, der den Abend auch wirklich fabelhaft gestaltete: Christoph Wagner-Trenkwitz. Er lud das Publikum auch bei kurzen Passagen zu heftigem Applaus ein: „Sie dürfen auch mir applaudieren!“ Das Publikum leistete dieser Aufforderung umgehend Folge, mit Gelächter. Die Dauer-Bestrahlung des Publikums mit Scheinwerfern während der Veranstaltung war nicht wirklich störend, wurde dies doch für eine Fernsehaufzeichnung berücksichtigt. Der Goldene Schikaneder sähe „aus wie letztes Jahr“, die Statue hätte nur eine grundlegende Änderung erfahren. Die Haare derselben wären nun „goldgelb“, so Trenkwitz. Zwei als Schikaneder- „Preis“ in Lebensgröße verkleidete Darsteller fanden sich auf der Bühne, und assistierten auch jeweils bei der Vergabe der Preise.

In der Kategorie Lebenswerk wurde KS Edita Gruberova geehrt. In ihrer Dankesrede meinte sie, ihr Manager habe sie angerufen und gesagt, sie bekomme einen Preis für ihr Lebenswerk. Sie habe entgegnet: „Jetzt schon?“. Gelächter im Publikum. Aber es war keinesfalls so gemeint, dass sie nicht mehr singen solle. Im Gegenteil. Gruberova betrat die Bühne mit dem Elan eines jungen Mädchens. In Videoeinspielungen früherer Aufführungen sah man sie etwa als „Gilda“ in Rigoletto an der Seite von Pavarotti oder als „Adele“ in der Fledermaus an der Seite von Eberhard Waechter. Bei der Verleihung an KS Edita Gruberova war von der Galerie ein Plakat mit der Aufschrift „Edita – l´unica“ wahrnehmbar. Sie nahm ihren Preis also mit Humor und Freude entgegen.

In insgesamt 12 Kategorien wurden die Schikaneder-Preise vergeben.

Die Gewinner und Gewinnerinnen:

Kategorie Beste Männliche Hauptrolle:  Lars Woldt | Volksoper Wien | Der Wildschütz | Baculus

Kategorie Beste Weibliche Hauptrolle:   Tatjana Larina | Vorarlberger Landestheater | La Traviata | Violetta

Kategorie Weibliche Nebenrolle: ex aequo  Johanna Arrouas | Bühne Baden | Im Weißen Rössl | Klärchen
Anna Prohaska | Theater an der Wien | Fidelio | Marzelline

Kategorie Männliche Nebenrolle: Florian Boesch | Theater an der Wien | Radamisto | Tiridate

Kategorie Ballettproduktion des Jahres: Stephan Thoss | Volksoper Wien | Blaubarts Geheimnis

Kategorie Musikalische Leitung: Bertrand de Billy | Theater an der Wien | Mathis der Maler

Kategorie Ausstattung: Hans Schavernoch (Bühne)/Yan Tax (Kostüme | Raimund Theater/Ronacher | Elisabeth

Kategorie ORF III Publikumspreis: André Schuen

Kategorie Gesamtproduktion: Mathis der Maler | Theater an der Wien

Kategorie Regie: David Pountney | Landestheater Linz | Spuren der Verirrten

Kategorie Lebenswerk: Edita Gruberova

Kategorie Nachwuchskünstler: Nadezhda Karyazina | Salzburger Landestheater

Die Namen der Gewinner und Gewinnerinnen wurden von Jurymitgliedern aus der hochkarätigen Jury aus dem Bereich Kunst und Kultur verkündet: Unter anderem von KS Neil Shicoff, KS Harald Serafin, Regisseur Robert Dornhelm, Dirigent Rudolf Bibl, Theaterschauspielerin und Grande Dame Lotte Tobisch, KS Kurt Rydl, Moderatorin Ani Gülgün-Mayr (ORF III).

Kurt Rydl merkte an, dass ein „Bass halte, was ein Tenor verspreche.“ Auch über kleine Pannen ließ Trenkwitz charmant hinwegsehen, mit seiner lockeren und gewinnenden Moderation. Diesen Mann sollte man für viel mehr Moderationsjobs andenken. Das Publikum unterhielt sich unter seiner Anleitung köstlich. Gewinnbringend, aber unaufdringlich gestaltete er diesen angesichts möglicher Leerläufe doch extrem unterhaltsamen Abend.

Gesangseinlagen wurden von Sieglinde Feldhofer von der Oper Graz („Kommt ein schlanker Bursch gegangen“ aus C.M.Webers Freischütz), Anita Götz von der Volksoper Wien („Arie der Norina“ aus Donizettis Don Pasquale) und der Newcomerin Nazanin Ezazi von der Oper Graz („Arie der Pamina – Ach ich fühl´s“ aus Mozarts Zauberflöte) beigesteuert.

-Martina Klinger-

 

 

 

 

 

 

Meterologisch kühl, musikalisch warm – Das Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker 2014

Schlosspark Schönbrunn. Wien                                                                                                              29. Mai 2014

NACHTKRITIK

Das traditionelle Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker. Das Wetter hat gehalten, so mancher Geigenbogen nicht ganz. Das Programm war gespickt von seltenen Raritäten und bekannten Klassikern. Die wetterfeste Überdachung ist klug, und der Dirigent  Christoph Eschenbach vom Orchester zurecht überzeugt. Aufgeführt wurden bei diesem Konzert die Komponisten Richard Strauss (150. Geburtstag in diesem Jahr), Hector Berlioz und Franz Liszt.

Le Carnaval romain. Ouvertüre caractéristique, op. 9, also eine vom römischen Karneval inspirierte Konzertouvertüre von Hector Berlioz, ist eine Seltenheit. Sie wird nicht oft, und schon gar nicht oft in Wien gespielt. Aber heute Abend war es soweit. Motive dieser Ouvertüre wurden aus Berlioz´ in Paris durchgefallener Oper „Benvenuto Cellini“ entlehnt. Die Konzertouvertüre hat in Wien deutlich mehr Anklang gefunden. Dem Sommernachtspublikum hat sie sehr gefallen, wie man am Applaus hören konnte.

Und über diese Ouvertüre gelangte man auch schon zur „Mazeppa“, einer symphonischen Dichtung von Franz Liszt. Diese ist fein nuanciert gehalten und wird von den Wiener Philharmonikern auch so interpretiert. Ziseliertes Spiel und feine Zurückhaltung, ja einer Dechiffrierung kommt diese Interpretation gleich. Das Publikum lauscht in der Kühle, die Philharmoniker halten sich sehr an „ihren“ Dirigenten, ein Blick hier, ein Blick da. Auf der riesigen Videoleinwand an der Seite ist Christoph Eschenbach mit Schwenkbewegungen zu sehen. Das Publikum will nicht nur entzückt lauschen, die Augen bewegen sich immer wieder fast im Takt hin und her.

Richard Strauss darf wieder gespielt werden, und zwar diesmal mit der „Burleske für Klavier und Orchester in d-Moll“. Die originelle Thematik wird bei diesem schwer zu spielenden Werk gut herausgearbeitet, Lang Lang als Gastsolist am Klavier macht sich zu schaffen. Es ist dies eines der „unspielbaren“ Werke, wie schon Bülow sich weigerte, es zu spielen. Aber an dem Abend ist es wiederum gelungen.

Die Ouvertüre zur Oper „Benvenuto Cellini“ folgt noch, quasi ein Nachtrag zu Berlioz. Das Einzige, was einer Ouvertüre gleichkommt. Qualitativ ist diese nicht fraglich. Das Wiener Publikum dankt es dem Orchester.

Ein klassisches Musikstück beschließt den offiziellen Teil des Konzertes: „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ op. 28. Strauss meinte, dass zwei Themen „das Ganze in den verschiedensten Verkleidungen und Stimmungen wie Situationen durchziehen bis zur Katastrophe, wo Till aufgeknüpft wird“.

Dann noch ein Johann Strauss-Klassiker. „Wiener Blut“. Fein gespielt, ein Rosshaar am Geigenbogen hält es aber nicht aus und springt ab. Das ist deutlich sichtbar. Menschen tanzen in den Reihen, auch teils mit Rucksack, auch auf der Wiese. Energische Bewegungen vom Dirigenten zügeln die Musiker wieder im Übermut. Ein Lob an die energischen Geiger und Geigerinnen.

Und dann erbittet das Publikum quasi noch einen Nachschlag, ein Dessert sozusagen. Clemens Hellsberg, Vorstand der Wiener Philharmoniker, fragt per Mikrofon, ob man denn noch etwas spielen solle.

Das Publikum verlangt noch das „Dessert“. Es ist die „Furioso-Polka“ von Johann Strauss. Sehr wienerisch, sehr gut gespielt.

-Martina Klinger-

 

 

 

 

Ein Ball der Bälle-auf alle Fälle

 

Der Wiener Opernball fand zum 58. Mal in der altehrwürdigen, aber sehr modern (mit Nelken) geschmückten Wiener Staatsoper statt. Es ist keine Oper, keine Operette, kein Musical, kein Theaterstück, und doch hat er von allem ein bisschen. Das traditionelle Walzertanzen gehört zu Wien. Der Chef der Wiener Oper, Dominique Meyer, betont immerzu, es solle ein Ball der Künstler und Künstlerinnen der Wiener Staatsoper sein.

Für die Debütantinnen und Debütanten wurde diesmal eine klassische Wiener Eröffnung von der Tanzschule Fränzl gestaltet. Die Jungdamen erschienen mit violetten Sträußchen auf dem Parkett zur „Fächerpolonaise“ von Carl Michael Ziehrer. Choreograf Renato Zanella gestaltete mit den Tänzern des Wiener Staatsballettes (u.a. Kirill Kourlaev und Olga Esina) den „Danse Diabolique“ von Josef Hellmesberger.

Es war offensichtlich, dass an diesem Ballabend vorwiegend die weiblichen Künstler ihren großen Auftritt hatten.

Margarita Gritskova, eine junge Sängerin, ließ sehr berührende Spitzentöne in der Arie „Di tanti palpiti“ aus Tancredi von Rossini erklingen. Ihre Kollegin Anita Hartig interpretierte „Depuis le jour“ aus Luise von Charpentier. Michael Schade schloss mit“Pourquoi me Reveiller“ aus Werther. Man merkte ihm jedoch deutlich die Nervosität an.

Das Wiener Staatsopernorchester hatte mit der Ouvertüre der „diebischen Elster“ von Rossini richtiggehend seine Freude. Feiner Harfen- und Violinenklang erfüllte den gespannten Ballsaal. Zum wunderbar interpretierten Donauwalzer bewegten sich dann auch wieder die Debütantinnen und Debütanten, und der Spaß konnte beginnen.

-Martina Klinger-