Christian Thielemann

„Transactionen, Nordseebilder, Elfenreigen, Tänzerin und Sphärenklänge, gründlich und intellektuell“ – Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2019

Der sehr begehrte deutsche Dirigent Christian Thielemann, Chef der Sächsischen Staatskapelle Dresden, gab sein Debut im Wiener Musikverein als Dirigent des Neujahrskonzertes 2019. Die Wiener Philharmoniker strahlten ob der glücklichen Symbiose.

Thielemann sollte bereits Jahre zuvor am Pult des Orchesters stehen, doch er war immer in Dresden verpflichtet. Heuer hat es erstmals funktioniert! Mit dem stets zu einhundert Prozent akribisch vorbereiteten Dirigenten leitete eine Größe der Musikszene das traditionelle Konzert aus dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins.

Auffällig war zunächst in diesem Jahr eine recht schnelle Programmfolge, zumindest im ersten Teil des Konzertes. Die Wiener Stadtgärten sorgten auch 2019 für den Blumenschmuck. Rosen in Tieforange und Frischgrün dominierten dabei, auch Hellgelb und Magenta mischten sich darunter. Wobei, nur als Hinweis gesagt: Der Farbmix war etwas ungewöhnlich.

Den Auftakt des Konzertes bildete einer der bekanntesten Märsche der Habsburger-Monarchie, der Schönfeld-Marsch (op. 422) von C.M. Ziehrer. Ehrlich: Dieser war kaum vorhersehbar gestaltet, wirkte trotz der „Angestaubtheit“ in der Umsetzung erfrischend. Neben dem vollen Klang setzten Posaunen feine Akzente. Der Marsch erlebte seine Erstaufführung beim Neujahrskonzert.

Der erste große Walzer des Vormittages war Transactionen (op. 184) von Josef Strauss. Er lief sehr ruhig ab und verleitete zum Tagträumen, so wie es sein soll. Querflöten leiteten zart ein, es übernahm die Harfe (Anneleen Lenaerts). Präzise und fließend mit kaum „zügellosen Ausbrüchen“. Zum Finale durfte es dann etwas Dramatik sein. Aus diesem Werk, und nicht nur aus diesem, entsteht allgemein der Eindruck, dass Josef Strauss der melancholischere der Brüder war. Er war auch Ingenieur und Erfinder neben seiner Kompositionstätigkeit.

Mit dem Elfenreigen von Josef Hellmesberger Sohn zeichneten die Wiener Philharmoniker ein lebhaftes Bild in die Köpfe der Menschen: Elfen mit champagnerfarbenen Flügeln und blattgrünen Kleidern tanzen und strecken sich. Die Pizzicato-Elemente kommen sehr konzentriert. Ein bezauberndes und sehr präzise umgesetztes Werk.

Gut darauf macht sich die Express-Polka (Polka schnell, op. 311) von Johann Strauss Sohn – ebenso eine Erstaufführung. „Hüpfend und leichtfüßig“ ist hier das Motto der Wahl. War Christian Thielemann vorhin noch sehr zurückgenommen, kann hier bemerkt werden, dass er sich zu dieser Polka etwas rhythmisch bewegte. Ist auch zu verführerisch, ohnehin verkörpert der Dirigent nicht den äußerst trockenen Typus.

Der große, ausladende und wunderbare Walzer Nordseebilder (op. 390) von Johann Strauss Sohn wurde durch dessen Hochzeitsreise geprägt. Der kleine Ort Wyk an der nordfriesischen Insel Föhr gefiel dem Komponisten derart, dass er dieses Werk verfasste. An eine symphonische Dichtung angelehnt und mit einer sehr langen Introduktion vermag der Walzer die Bilder von Küste und Wellen zu vermitteln. Flöten geben die Richtung vor. Ein gewagtes Gedankenexperiment: Stellenweise würde man dem vollmundigen und ausdrucksstarken Werk fast – aber nur fast – Ziehrer-Elemente unterstellen. Hörner folgen, und es gibt dramatische Momente, an denen man Gischt peitschen hört. Dann folgt wieder zucker-lastige Romantik.

Heraus aus den Nord-Träumereien, hinein in ein kleines Denkmal, welches der dritte Strauss-Bruder, Eduard, kreiert hat: Mit Extrapost, Polka schnell (op. 259) ist ein öfter zu hörendes Kleinod. Umgesetzt wird es mit Verve und Schärfe.

Nach der Pause geht es weiter mit Strauss´scher Operette, einem wichtigen Element nahezu jedes Neujahrskonzertes. Der Zigeunerbaron von Johann Strauss Sohn ist eines der bekanntesten Werke der Goldenen Operettenära (1860 – 1900). Er verbindet österreichische und ungarische Elemente mit der opernhaften Ouvertüre, die die Motive der Operette auf dramatische Weise in sich vereint. Daniel Froschauer (Erste Violine) wirft einen vielsagenden Blick ins Publikum.

Von Josef Strauss kommt ein entzückender wie meisterhaft umgesetzter Beitrag: Die Tänzerin, Polka francaise (op. 227) erfreut und unterhält. Elegant und leicht – ein Highlight des Konzerts. Thielemann hat auch hier seine helle Freude, und drückt das dezent durch seine Körpersprache aus. Bei der „Tänzerin“ handelt es sich um eine Erstaufführung beim Neujahrskonzert.

Der sehr bekannte Walzer Künstlerleben (op. 316) von Johann Strauss Sohn repräsentiert die Sorgen und Lüste dieser Berufsgruppe. Bei den Wiener Philharmonikern unter Thielemann wird zwischen zarten Andeutungen und strahlenden Höhen deutlich unterschieden.

Es folgt wiederum eine rasante, doch mit Bedacht gespielte Polka schnell, (op. 351), Die Bajadere von Strauss Sohn. Sehr schwungvoll, und sehr zackig umgesetzt. Eine treffliche Tanzmusik, wie man meinen könnte.

Auch von Bruder Eduard Strauss kommt ein launiger Beitrag zum Tanze. Niemand hielt es 1877 auf seinem Sitz, als Opern-Soiree, Polka francaise(op. 162) erklang. Dabei handelt es sich wieder um eine Erstaufführung im Rahmen des Neujahrskonzertes. Sehr verspielt, aber mit Konzentration.

Gleich drei Mal ist daraufhin wieder Johann Strauss Sohn, der bekannteste der drei Strauss-Brüder, am Werk: Und zwar wieder eine Novität am Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, der Eva-Walzer aus Ritter Pazman, der einzigen Oper, die Strauss Sohn je schrieb. Sie wurde leider zum Misserfolg. Nicht jedoch dieses Schmuckstück, getragen von jagdlichen Motiven. Demzufolge hört man oft das Horn. Dieser Walzer: Eine gute Idee, die Thielemann gemeinsam mit den Musikern umsetzte.

Populärer ist der Czardas (op. 441) aus der eben genannten Oper. Schwermut und Lebensfreude treffen hier direkt und ungeschont aufeinander. Besser kann man es nicht machen, als hier gehört. Wirklich nicht.

Der Egyptische Marsch (op. 335) stellte nahezu eine Wiederholung vom Jahr 2014, mit derselben Idee, dar. Fein musiziert, aber weit weg von einer Innovation. Auch hier sangen die Musiker leidenschaftlich mit. In dem Fall kann man aber den lateinischen Spruch abwandeln: Bis repetita placent. Voraussetzung: Thielemann steuert seine Pianissimi bei, die für einen eigene Note sorgen.

Abwechslung kommt mit noch einer Erstaufführung ans Pult: Die Zwischenaktmusik von Joseph Hellmesberger Sohn, der Entr´acte Valse, gefällt allen.

Die einzige und kostbare Polka Mazur (eigentlich Polka Mazurka) an diesem Tag ist Lob der Frauen (op. 315). Johann Strauss Sohn schrieb diese 1867 und sie wurde im Wiener Volksgarten uraufgeführt.

Konzertmeister Rainer Honeck wird seiner Euphorie nicht müde, ebenso wenig wie seine KollegInnen.

Zauberhaft holt Josef Strauss´ Walzer Sphärenklänge (op. 235) aus, um zu einem weiteren Highlight des Konzertes zu werden. Die Violinen haben hier ihr synchrones Plaisir. An keiner Stelle angestrengt, sondern leicht und virtuos, immer mit der Prise Marsch in sich. Jun Keller (Violine) verliert sich sichtlich in der Musik, was ein sehr positives Zeichen ist. Mit dem Großwerk endet der offizielle Teil des Konzertes.

Als erste Zugabe wählen Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker die hübsche und flotte Polka Im Sturmschritt (Polka schnell, op. 348) von Strauss Sohn. Diese macht Laune und freut, wirkt wie ein „Zuckerstreusel“ auf dem ohnehin feinen und über weite Strecken klar schnörkellosen Konzert.

Der Walzer An der Schönen Blauen Donau (op. 314) offeriert wieder einmal ganz andere Noten. Oft gehört, aber noch nie so. Nüchtern, aber nicht reizlos. Eine der klarsten und temporeichsten Interpretationen. Als ob man ein Exempel statuieren wollte. Gut. Anders. Aber gut. Hier hält man sich nicht auf. Genaues Hinhören ist hier Programm.

Für den Radetzkymarsch (op. 228) lässt sich der Dirigent etwas einfallen. Er erscheint erst zu den ersten Klängen im Saal und hält dann das frenetische „Mitklatschen“ des Publikums im Zaum. Mittels Handzeichen und Mimik leitet er es an.

Was ist abschließend zu sagen? Ein durchdachtes wie unterhaltsames Neujahrskonzert mit klarer Linie, das sich modern-traditionsbewusst und intellektuell präsentierte. Ein guter Jahresstart!

Osterfestspiele Salzburg: Die „Walküre“ unter Christian Thielemann

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Foto: Osterfestspiele Salzburg

 

Traditionsreich und doch mit einer Prise Moderne: Die Salzburger Osterfestspiele wurden gerade erst eröffnet. Den fünfzigsten Geburtstag feiert man hier standesgemäß kulturell, mit Christian Thielemann als „Zeremonienmeister“ seiner Sächsischen Staatskapelle Dresden. Die „Walküre“ des Komponisten Richard Wagner fand die Bühne.

Thielemann gilt als profunder Kenner älterer Werke, und so ließ er es sich nicht nehmen, ein „Flashback“ zu unternehmen, in die Zeit, als Herbert von Karajan selbst die Walküre dirigierte.

Es treten Anja Kampe (Brünnhilde), ihre Namensvetterin Anja Harteros (gesangliches Unikum und oft gefeierte Jonas-Kaufmann-Bühnenpartnerin mit ihrer ersten „Sieglinde“) sowie Peter Seiffert als Siegmund auf.

Die von Herbert von Karajan gegründeten Festspiele zeigen heuer Oper von 08.-17. April!

 

Feuriger Edwin, feine Sylva in Dresden

Semperoper Dresden                                                                                              Dezember 2014

Mit einer konzertanten Aufführung von Emmerich Kálmáns „Csárdásfürstin“ versuchte die Dresdner Oper das Publikum zu verwöhnen. Natürlich hat man gewisse Erwartungen, wenn auf der Besetzungsliste Namen wie Anna Netrebko und Juan Diego Flórez zu finden sind. Sie beide gaben ihr (deutschsprachiges) Rollendebüt. Netrebko als Sylva Varescu, Flórez als Edwin. Operette gesungen von zwei Opern-Stars? Wie man sagen könnte, eine „Luxusbesetzung“. Aber damit ist es nicht getan.

Die Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann gestaltete die Ouvertüre sehr opernhaft, mit viel Schmelz, sehr flott und als außergewöhnliches Hörerlebnis. Motive einfach abzuarbeiten, ist Thielemanns Sache nicht. Er kostet gemeinsam mit „seinen“ Musikern die Töne aus, versucht die Nuancen feiner Emotionen herauszuarbeiten.

Nun, Anna Netrebko betritt die Bühne im rosa Pelz, rosa Kleid, rosa Ring. Alles fein abgestimmt, aber für eine Sylva wirkt sie zu steif, zu fein, soll sie doch eine „aus dem Varieté“ mimen. Sie verteilt Luftküsschen. Die Herausforderung einer konzertanten Aufführung: Die Sänger und Sängerinnen müssen darstellerisch zu einem Gutteil wettmachen, was an Bühnenbild und Ausstattung nicht vorhanden ist. Alles Augenmerk ist auf sie gerichtet. Bei „Heia, heia in den Bergen ist mein Heimatland“, einer respektabel schweren Arie, lässt sich „die“ Netrebko natürlich stimmlich nichts nachsagen. Der Passage „O la la, so bin ich gebaut“ verpasst sie eine etwas überzogene Tanzeinlage und den Spitzenton am Ende kostet sie voll aus. Sie hat viel vokale Kraft, sie ist eine Traviata, eine Leonora, eine Manon. Aber keine Sylva Varescu.

Ihr männlicher Partner Juan Diego Flórez hat eine Stimme, die sich allen Gegebenheiten anpasst. Die fließende, monströse Tenorstimme entfaltet an mehreren Stellen ihre volle Wirkung. Ein Edwin Ronald wird aber aus ihm im Leben nicht. Der Peruaner ist mehr bemüht, sein Temperament im Zaum zu halten, während die Rolle des Edwin Ronald Karl Maria von und zu Lippert-Weylersheim ja mehr in Richtung „honorige Schlaftablette“ anzusiedeln ist. Er singt berührend „Heut´Nacht hab´ich geträumt von Dir“. Man glaubt es ihm. Aber die Rolle ist ihm im Gesamten (leider) nicht auf den Leib geschneidert. Sein Deutsch ist gut. Er bemüht sich sehr zu phrasieren.

Netrebkos Deutsch mischt sich ein wenig mit Englisch. Man verzeiht, das ist nicht problematisch. Beide sind allerdings sehr bemüht, nur hat man nicht immer das Gefühl, dass sie verstehen, was sie singen. Sie geben ein sehr hübsches Bühnenpaar ab.

Natürlich ist die stimmliche Qualität, die beide mitbringen, nahezu ein Garant für ein insgesamt gelungenes Konzert. Darstellerisch können die beiden nicht allen Wünschen nachkommen. Das Publikum ließ sich zu tosendem Applaus hinreißen.

-MK-

 

Links:

http://www.semperoper.de

http://www.annanetrebko.com

http://www.juandiegoflorez.com

 

 

 

 

Happy Easter with Arabella

Osterfestspiele. Salzburg/ Salzburg Easter Festival                                                                                                   12. April 2014


Zur Osterzeit wählte man anlässlich des Strauss- Jahres in Salzburg die Oper „Arabella“.  Über die Inszenierung von Florentine Klepper lässt sich nur Gutes sagen. Denn eine noble Zurückhaltung ist spürbar. Kein aufdringliches, bissiges Sentiment.

Die beiden Protagonisten Renée Fleming (Arabella) und Thomas Hampson (Mandryka) fühlen sich in der Oper wohl. Das merkt auch das Publikum. Fleming verinnerlicht die Rolle und lässt ihren Sopran für Arabella arbeiten. Arabella ist eine gefühlvolle Frau, die immer die Kontrolle behält. Hampson agiert mit kräftiger Bühnenpräsenz.Elisabeth Müller beweist ein Händchen und den Mut zur Gestaltung von Arabellas Schwester Zdenka. Auch Daniel Behle als Matteo macht gute Figur. Daniela Fally singt die Fiakermilli mit Leichtigkeit.
Das Dirigat (Christian Thielemann führt die Sächsische Staatskapelle Dresden) ist mehr als erfreulich.
-Martina Klinger-