
Sophie Aujesky, Andreas Patton (Sophie, Herr von Rappelkopf) (c) Jakob Stickler
Wald und Wildnis, Zivilisation und Zerstörung (seelisch): Zwischen diesen Raimund-Gefilden bewegt sich der „Menschenfeind“ Herr von Rappelkopf, der vom verwandelten Astragalus (dem Alpenkönig) den „Spiegel“ vorgehalten bekommt. Gerade da zeigen sich auch die Stärken des Stücks. Das Publikum staunt und schmunzelt auch manchmal, als Andreas Patton als Rappelkopf sich später in der Handlung „sich selbst beim Böse-Sein“ zusehen darf (in Gestalt des Onkels Herr von Silberkern) und das passend kommentiert. Elisa Seydel, eine Dame also, spielt höchst überzeugend und textdeutlich „den Alpenkönig“ und schlüpft in Rappelkopfs Haut. Im Zauberspiel ist vieles erlaubt.
Ein Märchen über die schließliche Läuterung eines Menschen, bevor er im wilden Wasser (dargestellt mit Tüchern) „ersäuft“. Der erklärt, nichts von Menschen zu wollen. Der seine Frau – gespielt von Sophie Aujesky – als Schlange sieht, seine Dienerschaft hoch verachtet (lustig und konsequent „zwei Jahre in Paris“: Habakuk, der Diener alias Rudi Roubinek, der sich ganz schön an die „Wäsche“ gehen lassen muss, Oldtimerfan und „Kaisergetreuer“ ist, und Theresa Linder-Lustig als flottes „Lischen“ mit einem schönen Couplet vom General, das an die „Fledermaus“ erinnert). Seine Tochter Malchen – aufstrebend gespielt von Carmen Kirschner – will er nicht mit dem Maler August – eher zurückhaltend: Matthias Rauth – verliebt sehen.
Wald dominiert im Bühnenbild – Bäume auf die geklettert wird, von Simina Nicolaescu, düstere Atmosphäre und die schön eingerichtete Wohnung (Gutshaus) von Rappelkopf ist in weiß mit Schnörkelmöbeln getaucht. Klavier und Flinte fehlen ebenfalls nicht. Die Kostüme sind harmonisch passend gestaltet: Die biedere vornehme Dame des Hauses Sophie, die laut Rappelkopf ja keine sein darf, in einem violetten Kostüm. Malchen etwas „marktschreierisch bunt mit Leopardenmantel“, Rappelkopf selbst in einem „Glockenhosenanzug mit rotem Karo und passender Krawatte“ nachher zerrissen in Lumpen im Wald (er kann sie tragen! einen schönen Mann entstellt nichts, wie man sagt). Die Dienstleute auch ästhetisch in der entsprechenden Kleidung – von Anna Hoss, die dafür ein Kompliment bekommt. Ein Kompliment hat sich auch die Hauptfigur schließlich verdient: Eine fordernde, schimpfende (der Zichori, der Zichori!), aufbrausende, singende und körperlich einigermaßen anspruchsvolle Darstellung bietet in dieser klugen Inszenierung von Lea Dalfen..
..Andreas Patton, deutscher Schauspieler, bekannt aus Film, Serien, aber mit großer wahrer Theaterleidenschaft, die er auf verschiedenen österreichischen Bühnen ausspielt, ausgebildet am Mozarteum Salzburg, in Niederösterreich in einem abgelegenen Forsthaus zuhause, philosophierend über das Leben, diese Parallele teilt er sich wohl mit der Rolle, aber wie er selbst sagt, sieht er Herrn von Rappelkopf als einen Therapiefall. Wie die Stimme immer wieder nach oben kippt beim „Anlocken und Fordern“ von Menschen, die er ja eigentlich verachtet, nach dem Motto „Kooommm nur, kooomm nur! Ja, nimm, ja, niiimmm!“ Klasse! Schön!
Er schimpft sich lautstark durch drei Viertel des Abends, erst bei der Läuterung wird er sanfter und leiser. Einmal verwechselt er zwei Wörter. Man überlegt und leidet mit der Figur, findet sie unsympathisch und hassenswert, wie er die „Leut'“ behandelt. Irgendwo kann man Verständnis für tiefe Wunden aufbringen, aus der der Hass entstanden ist. Die Raimundspiele haben mit dieser Besetzung einen Coup gelandet.
Auch für musikalische Untermalung der „Menschwerdung“ Rappelkopfs ist gesorgt. Tobias Grabher übernimmt die musikalische Leitung, die Zwischenspiele und Couplets gelingen allesamt fein.
Man sollte sich die Aufführung nicht entgehen lassen, nicht nur wenn man Raimund mag, bis 09. August hat man im Theaterzelt Gutenstein noch Gelegenheit dazu.
Weitere Informationen: Raimundspiele Gutenstein – Raimundspiele Gutenstein