Die Salzburger Festspiele 2026 zeigen konzertante Oper: Jules Massenets Werther! Goethes Briefroman mit der Hauptfigur des Werther, einem unglücklich verliebten jungen Mann, faszinierte den Komponisten Jules Massenet so sehr, dass er auf Basis dieses Stoffes eine Oper komponierte. Der Roman heißt: „Die Leiden des jungen Werther“ aus dem Jahre 1774. Er liebt seine Angebetete Charlotte dermaßen, dass er daran stirbt. „Der arme Tote ist selig, wenn sie an seinem Grab weint und die Tränen ins Dunkel fallen“. Charlotte ist jedoch Albert versprochen, den sie auch heiratet. Doch auch die junge Sophie ist in Werther verliebt. Werther bewahrt den Anstand, Charlotte weist ihn ab, er erbittet am Weihnachtstag Alberts Pistole. Lotte wirft sich beim Anblick des sterbenden Verliebten in seine Arme und gesteht ihm ihre Liebe. Werther stirbt in ihren Armen, selig, dass er sie noch einmal ansehen darf.
Dramatische Momente, unendliche Verliebtheit, Raserei: Gefühle und Umstände, mit denen die Sänger des Abends umgehen. Und das mehr als nur zufriedenstellend. Adele Charvet hat die Rolle der Charlotte von Marianne Crebassa übernommen, welche aus persönlichen Gründen abgesagt hat. Sie hat die Fähigkeit, Gleichmut und wachsende Besorgnis auf einer Ebene darzustellen, und ihre Stimme ist sehr gut geführt, wenn sie manchmal auch forcierend auftritt. Schauspielerisch könnte die Chemie zwischen ihr und Werther etwas mehr sein. Vor allem in den ersten Akten. Das Ende berührt wohl jeden im Publikum. Diese Charlotte weiß, was beziehungsweise WEN sie verliert, wenn sie weiter so agiert.
Nämlich einen Mann, der sie vergöttert und ihr am liebsten zu Füßen liegen möchte. Dabei möchte man an diesem Abend IHM zu Füßen liegen – oder seiner Stimme: Benjamin Bernheim, Spezialist des französischen Fachs, fühlte sich bereit für die Rolle des Werther, die er nicht nur zu einem Höchstmaß überzeugend verkörpert, ja man meint, dem Mann leibhaftig ansichtig zu werden. Er weiß mit seinem „Instrument“ hauszuhalten und verschmilzt geradezu mit der Rolle. „Je suis partie“, da ist auch die Mimik überzeugend dabei. Nicht nur seine strahlende Höhe, sondern auch die Phrasierungen sind edel und wunderbar.
Als er dann singt: Warum weckst Du mich auf, Du Frühlingshauch? Pourquoi me réveiller, Ô, souffle du printemps?, hält es niemanden mehr. Das Publikum tobt vor Begeisterung. Und ER? Kann nicht anders, es gibt ein bis! Bitte sehr, noch einmal! Das ist selten, das ist rar, das ist legendär. Hört und sieht man genau hin, liefert Bernheim zwei unterschiedliche Versionen: Derselbe Text, dieselbe enthusiastische, doch melancholische Haltung. Das aufgewühlte und doch hoffnungslose Herz! Beim ersten Mal lässt er die Hand locker, und die Stimme gleitet mehr über die einzelnen Zeilen. Die Höhe kommt, sich aufbäumend. Mit Verzweiflung im Ausdruck, aber subtil gestaltet dieser Werther sein Lied. Das zweite Mal geht die Hand mit nach oben, als wolle sie den Prozess halten und begleiten. Für einen Augenblick überlegt er. Die Phrasierungen von „Pourquoi?“ und „misére“ werden kürzer gestaltet. Das Faszinierende ist: Er weiß beide Male zu berühren. Das ist selten. Und: Schön sterben, das kann dieser Werther auch.
Die Rolle der Sophie hat Sandra Hamaoui mit einem sehr lieblichen Auftreten und einer ebensolchen, hellen und eindrucksvollen Stimme gestaltet. Immer zur Stelle und hilfsbereit, mit erfrischendem und schönem Ausdruck und Timbre. Sie ist es auch, die Charlotte zur Seite ist und gemeinsam vermissen sie Werther, wenn er abgereist ist. Das ferne Glück, und wie es wegrückt, wird spürbar gemacht. Sie bezaubert, wenn sie den Raum betritt, die Anwesenden.
Albert ist beständig und pflichtbewusst, auch er weiß seine Stimme gut zu führen. Er will Charlotte ein verlässlicher Ehemann sein und lobt seine Frau mit schönen Worten (auch gesungen). Andrey Zhilikhovsky stattet diese Rolle mit seiner Erfahrung aus, und beim Anblick seiner Frau Charlotte spürt Albert Vertrautheit und Zuneigung. Wenn er sich auch nicht bewusst sein mag, dass die Liebe einseitig ist.
Tomislav Jukic als Schmidt, Andrew Moore als Johann und Manuel Winckhler (Le Bailli) in seiner geordneten bürgerlichen Welt, als Familienvater sind Teile des Ensembles, die immer wieder für Akzente sorgen. Die Figuren sind in der konzertanten Aufführung (ohne „störende“ Regie) dennoch recht liebevoll „gezeichnet“ worden. Hanna Park als Käthchen und Jack Lee als Brühlmann komplettieren die Riege. Der Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor (mit der Einstudierung durch Wolfgang Götz) verdient sich einen Extra-Applaus, bringt gerade Anfang und Ende auch noch einmal leuchtend hervor. („Assez! Assez! – Noël!) Das Weihnachtslied will geprobt werden, auch wenn es am Ende Werthers wieder erklingt. Die Tragik ist spürbar.
Alain Altinoglu, mit dem Werk bestens vertraut, dirigiert das Orchestre symphonique de la Monnaie. Gewaltige Stürme und langsame Tempi, alles da.
Sollte man nicht sagen, Werthers Sternstunden an diesem Tag in Salzburg? Ja.
Eine letzte Vorstellung am 01. August gibt es noch.