Paul Gulda liebt bei seinen Konzerten die Spontaneität, wie auch im Programmheft der Classic Events des Schlosses Stuppach angekündigt ist. Ein Programmheft ohne festes Programm? Moment! Er ist 2004 zum ersten Mal hier aufgetreten, mit Klaviersonaten von Mozart und Kompositionen seines Vaters Friedrich, und seine Konzerte auf Schloss Stuppach haben heute kein vorgegebenes Programm mehr. Lieber erzählt er in Poesie und Geschichte und kündigt die Werke mit historischen Hintergrundinformationen „wie sie gewachsen sind“ an. Er liebt es, seine Zuhörer zu überraschen, und teilt diese Leidenschaft mit dem Grafen Walsegg, der Konzerte und Aufführungen auf Schloss Stuppach veranstaltete.
Und die Leidenschaft für (nicht nur aber großteils) das Tasteninstrument spürt man bei ihm auch (immer). Spannend erzählen, worum es gleich geht, ist das eine. Das andere ist, dies auch noch hochqualitativ umzusetzen! Der elegante Könner achtet auch auf die Details. Und mit Streichern im Vordergrund, die später im Verlauf des Konzerts dazukommen, vermag er es auch, selbst spielend, mit fast chirurgischer Präzision mit seinem Haupt Anweisungen zu geben. Und versucht sich hier und da stimmig in tenoralen Anklängen.
Es gibt Musik von Franz Schubert: Der Wanderer an den Mond, ein Kunstlied für Singstimme und Klavier in G-Dur. Wie Gulda gleich danach betont, gehen Schuberts mährische Wurzeln auf seinen Vater Franz Theodor Schubert zurück, der aus Mährisch Neudorf (heute Vysoka in Tschechien) stammte. Mit slawischer und mährischer Volksmusik war Schubert vertraut. Franz Schubert schrieb den wunderbar anzuhörenden „Kupelwieser-Walzer“ für die Hochzeit seines Freundes namens Leopold Kupelwieser mit Johanna von Lutz 1826. Doch er notierte ihn nie. Der Walzer blieb durch ständiges Spiel erhalten, wobei ihn später Richard Strauss in Wien aufnotiert hat.
Auch Johannes Brahms steht auf dem nicht niedergeschriebenen Überraschungsprogramm: Aus Hamburg gebürtig kommt von ihm eben NICHT das, was sich jetzt alle erwarten, der Ungarische Tanz Nr. 5, nein. Ein Wiener Walzer mit ungarischen Anklängen darf es sein. Das folgende Intermezzo in A-Dur ist keine Tanzmusik. Sie ist zum Zuhören gedacht. Das schöne Schlaflied „Guten Abend, Gut‘ Nacht“ stammt auch von ihm. Wir hören es nicht. Wir gehen noch nicht schlafen.
Es geht weiter mit Franz Liszt: Nicht nur in Raiding! Auch hier, wer ist im damaligen Ungarn und heutigen Burgenland geboren? Der Ferenc! Obwohl er kaum Ungarisch sprach, und viel Zeit in Frankreich verbrachte, wurde er in Ungarn als Nationalheld gefeiert. Auch seine Komposition des Abends, von Gulda ausgewählt, trägt einen französischen Titel: Le mal du pays, zu Deutsch: Heimweh. Es klingt gut. Und schlichte Melancholie mit Anklängen auf Schweizer Alpen, wofür Gulda extra das Klavier öffnet.
Von Richard Strauss, dem Rosenkavalier-Komponisten, hören wir „Die Nacht“, ein berühmtes Kunstlied nach einem Gedicht von Hermann Gilm zu Rosenegg. Hier wird gesungen, hier wird gespielt. Aus dem Walde tritt die Nacht, Aus den Bäumen schleicht sie leise, Schaut sich um im weiten Kreise, Nun gib Acht!
Und wir sind bei Gustav Mahler angelangt, wofür Unterstützung in Form von Streichern eintrifft: Violine, Bratsche, Violoncello und ganz später noch ein Bass gesellen sich dazu. Damit es auch etwas geheimnisvoll bleibt, wird ein Stück gespielt, nach den „Liedern des fahrenden Gesellen“, die blauen Augen von meinem Schatz, wo es nicht ganz eindeutig oder klar bleibt, und das geneigte Publikum raten muss. Es könnte sich um das Jugendwerk „Das klagende Lied“, welches Mahler bei einem Wettbewerb einreichte, wo Johannes Brahms in der Jury saß, eingereicht hatte, handeln. Jedenfalls trägt es aus subjektiver Sicht auch atonale Anklänge sowie ein wenig Tschaikowski in sich.
Im zweiten Teil des Konzertes geht es etwas heiterer zu: Gulda scherzte, in der großen Streicherbesetzung könne man nun locker auch das Klavierquintett von Johann Nepomuk Hummel aufführen. Es wurde dann aber doch Franz Schuberts „Forelle“, von der der Text verlesen wurde und die dann auch fabelhaft und fantasievoll vertont wurde. Richtig „perlig“ und frisch wie wohl auch dramatisch. Fünf verschiedene Fassungen dieses Kunstliedes, das um die Welt ging, existieren, sie unterscheiden sich mehrheitlich in der Wahl der Tempi. „Mäßig, nicht zu geschwind, etwas geschwind, Etwas lebhaft und Etwas geschwind“. Ein musikalischer Genuss, der aber bedauerlicherweise böse für den Fisch ausgeht.
Als Zugabe und „Traummelodie“, die man doch bitte nach Hause und wenn möglich zwischen die Federn mitnehmen sollte, diente der Abschluss durch den Komponisten Robert Schumann.
Überraschende Musik für Auge, Herz, Ohr und Seele wurde geboten, und das durch einen Pianisten, der nicht nur das Bedienen des Instruments – was eine grundlegende Voraussetzung für das Vermitteln der innenliegenden Emotion ist – wie kaum jemand verinnerlicht hat, sondern es auch versteht, mit der darin enthaltenen Poesie hauszuhalten.
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