(Die) Oper ist immer eine emotionale Angelegenheit. Das ist allgemein bekannt. Die Kirche stellt einen Ort der Einkehr, der Andacht, der Heimat dar. Gott nahe sein, sein Wirken in der Welt verstehen. Oft genug wird in klassischen Werken Bezug auf die göttliche Welt genommen.
Die Neunkirchner Stadtpfarrkirche ist dem Patrozinium Mariä Himmelfahrt unterstellt. An jenem Abend im Oktober beschlossen der 1. Neunkirchner Musikverein unter Obmann Kurt Bock (1873 mit 20 Musikern gegründet und mit der Traditionsuniform des ehemaligen k.u.k. Hausregiments Niederösterreichs, der „84er“ ausgestattet) und die Amici del Belcanto (Verein für Opernliebhaber des Schöngesangs, gegründet in Neunkirchen im Jahr 1983) unter Präsident Michael Tanzler, „Große Klänge“ beim Altar der Kirche (erbaut in romanischer Architektur) gemeinsam darzubieten. Ein eigens für das Konzert gegründeter Chor, der Coro Nuova Chiesa unter der Leitung von Petra Ripa, sollte stimmlich zusätzlich unterstützen und untermalen.
Gestartet ist das Konzert allerdings noch nicht mit großer Opernemotion. Ein nahezu sanfter und dennoch aktivierender Einstieg war der „Triglav – Marsch“, ein Slowenischer Marsch op. 72 von Julius Fučík. Er war ein böhmischer Komponist, bekannt, 1872 in Prag geboren, schrieb etwa auch noch den „Einzug der Gladiatoren“, der heute weitgehend als Zirkusmusik bekannt ist, wie der Moderator des Abends, Michael Tanzler, nicht mit bedeutsamen und sorgsam eingestreuten Hintergrundinformationen sparte.
So auch von Antonín Dvořák (1841 geboren) als eines von neun Kindern, er hat Geige, Klavier und Orgel gespielt, war noch weitaus bekannter als Julius Fučík, und der weltweit meistgespielte tschechische Komponist und es soll nicht unerwähnt bleiben, auch Eisenbahnexperte. Er sorgte mit seinen Kompositionen nicht selten für Gänsehaut, so auch mit dem vom 1. Neunkirchner Musikverein unter Dirigent Andreas Brenner, wie man hört, ein Spezialist für flotte Tempi, fein interpretierten Slawischen Tanz. Die Slawischen Tänze von Dvorak können im Polka-Stil oder eben auch sehr langsam geschrieben sein. In diesem Fall gerät das Skočná (ein schneller Volkstanz im 2/4 Takt) in Allegro assai sehr schön, im Slawischen Tanz Nr 7.
Für das Dirigat der Opernarien zeichnet nun Maestro Erwin Stoll verantwortlich, die erste Solistin wird eingeführt: Es ist die junge Römerin Caterina Meldolesi, die über eine beachtliche, höhensichere Sopranstimme verfügt und diese auch recht flexibel verwendet: Sie hat das berühmte „Lied an den Mond“ aus Dvořáks tragischer Oper „Rusalka“, die zu dieser und jener Zeit auch die Lieblingsoper des Moderators darstellt, wie er betont, und er kann sich da richtig hineinleben: Immer, wenn er nach Tschechien unterwegs sei, höre er ein Stück aus der berühmten „Wassernixe“, die sich unsterblich in einen Prinzen verliebt und für ihn zum Menschen werden will – mit Beinen.
Sie besingt den Mond im 1. Akt flehentlich – und so entstand eine der bekanntesten und anrührendsten Opernmelodien, im Original „Měsíčku na nebi hlubokém“. Bekannt ist etwa die Interpretation durch Asmik Grigorian geworden. Meldolesi hat das Stück studiert, aber noch nie live aufgeführt. Einmal ist bekanntlich immer das erste Mal, und sie (be)-rührt die Herzen des Publikums. Die Resonanz in der Kirche tut emotional gesehen ihr Übriges. Alles wirkt andächtiger, ja auch majestätischer.
Zum Großmeister der italienischen Oper:
Er hat, ähnlich wie sein tschechischer Kollege, ebenso – nur in San Michele in Roncole Verdi – auch die Orgel gespielt. Die Rede kann natürlich, wie im Satz angekündigt, nur von GIUSEPPE sein. Er schrieb Oper wie kein zweiter, so viel ist sicher. Und das wissen auch die Ausführenden des Abends. Das Orchester rückt vor zu den mächtigen, sehr intensiven Klangwelten des 1813 in Le Roncole geborenen Meisters. Der gegründete Chor Nuova Chiesa hat seinen ebenso intensiven Einsatz beim Chor der Banditen aus „Ernani“. 1844 komponiert, geht es im Kern um Elvira zwischen drei Männern, von denen einer ihr Onkel ist.
Ernani, der Titelgebende, lebt in den Bergen als Bandit. „Evviva! Beviam!“ erklingt von den ambitionierten Stimmen in der Kirche. Das stimmt ein auf den Solisten des Abends, auf seinen ersten Auftritt als einer der Männer, der „Elvira“ begehrt: Die Arie des Don Carlo aus dem 3. Akt von Ernani singt der rumänische, in hohem Maß auftrumpfende Ionut Pascu (er dirigiert auch und spielte in seiner Jugend Akkordeon), der mit einem durchaus kräftigen Bariton aufwarten kann. „Gran Dio!“ aus seinem Munde lässt die Zuhörerschaft befriedigt zurück. Für die umsichtige Führung und das Zusammen-Halten von Musik, Stimme und instrumentalen Einsätzen im Sinne des großen Ganzen gebührt Erwin Stoll ein ebenso großes Lob. Man merkt bei der gesamten Vereinigung die leidenschaftliche Arbeit sowie die Neigung zum detailreichen Umsetzen, insbesondere wenn die Blechbläser große Ouvertüren interpretieren.
Die dritte im Bunde, ihr Name ist Ezgi Kutlu. Sie hat in Ankara, Türkei studiert und an der renommierten Juilliard School in New York weitere Ausbildung genossen. Sie sang erst viele Rollen am Staatstheater Nürnberg, von Dorabella bis Santuzza. Kutlu konnte heuer im Sommer am Wiener Heumarkt, beim Wiener Opernsommer von Joji Hattori als „Carmen“, reüssieren und ist im Besitz eines schönen, schlank geführten Mezzosoprans mit warmer Tiefe. Aus einem geradezu gewachsenen „Verdi-Klassiker“, dem Troubadour, hört man von ihr in manierlicher Form die Arie der Azucena „Stride la vampa“. „Die Flamme lodert“!
Bevor wieder thematisch zu Verdi und seinen übergroßen Klängen geleitet wird, kündigt Moderator Tanzler einen Bäckerssohn an, der Jurist werden sollte. Brötchen und Recht, abgegrenzt von Gerechtigkeit? Aber wie passt das denn zusammen? Ja, doch nicht sonderlich gut, wie Tanzler schmunzelnd feststellt und sogleich die Situation auflöst: Durch seinen Onkel konnte besagter „Povero“ doch noch Musik studieren, und es hat sich hörbar ausgezahlt: Pietro Mascagni macht bis heute – auch mit Unterstützung des 1. Neunkirchner Musikvereins, der sein „Intermezzo“ aus der „Cavalleria Rusticana“ spielt, Furore. Na, Gott sei Dank, an richtiger (kirchlicher) Stelle!
Eine weitere überaus passende Ausdrucksform in der Kirche ist naturgemäß das Gebet: Ein solches, wunderbares kann man von Caterina Meldolesi, die in die Rolle der Leonora aus der „Macht des Schicksals“ schlüpft, hören: „La vergine degli angeli“, was wiederum anrührend von ihr gesungen wird. Die Künstlerin zeigt noch viel Potential. Ganz andere, rebellische Töne „schlägt“ Ezgi Kutlu als eine von Verdis Figuren ebenso aus der „Macht des Schicksals“ an: Die kriegswerbende Preziosilla will zu den Waffen rufen: „Al suon del tamburo“ – begleitet wird sie vom Chor und Soldaten. Energisch geht es zu, lustig angeblich im Kriegslager in der Oper. Petra Ripa hat einmal mehr ganze Arbeit geleistet, ihren Chor zu disponieren.
Die letzte Etappe des Konzertes, welches bis hier her bereits viele Zuschauerherzen gewinnen konnte, ist einer weiteren populären Oper des Großmeisters Verdi gewidmet: Nabucodonosor oder kurz Nabucco, so wie er überall bekannt ist, mit Abigaille und Fenena. Nabucco erhöht sich selbst im Rausch des Sieges zu Gott (das hat nichts mehr damit zu tun, gerne Erfolg zu genießen) und wird danach vom Blitz getroffen, der ihn „verrückt“ macht. Wieder gibt es von Moderator Tanzler kurzweilige Information zu Verdi selbst, der 1859 eine – wenig überraschend – Opernsängerin zu seiner zweiten Ehefrau machte. Giuseppina Strepponi, eine schon berühmte Sopranistin, beriet ihn, als sie nicht mehr so gut singen konnte, auch in Theaterfragen, wurde aber in „wilder Ehe“ 1849 nicht von den Bewohnern von Verdis Heimat Busseto akzeptiert. Verdi war beleidigt, schrieb Verteidigungsbriefe für seine Partnerin (direkt romantisch). Die beiden zogen sich nach Feindseligkeiten innerhalb und außerhalb der Familie in Verdis gekauftes Landgut Sant‘ Agata zurück.
Einen großen Auftritt haben Pascu und Meldolesi im Duett der Abigaille und des Nabucco, wo er seine scheinbare einzige Tochter nicht gleich erkennt und fragt: „Donna! Chi sei?“, Frau, wer bist Du?“nachdem er nach seiner „Verrücktheit“ seinen Platz auf dem Thron wieder einfordern will, den inzwischen Abigaille eingenommen hat. Sehr kraftvoll und man kann sich als Sängerin, Sänger gut beweisen.
Pascu bringt mit Nabuccos „Dio di Giuda“ aus dem 4. Akt des Werkes noch einmal seinen Bariton vor und wendet sich reumütig an den Gott der Hebräer, bittet um Verzeihung und verspricht, den zerstörten Tempel wieder aufzubauen. Schließlich reiht sich Kutlu in der Rolle der Fenena daran, Nabuccos wirklicher Tochter, mit „Oh, dischiuso é il firmamento“, wo sie kurz vor ihrer Hinrichtung, friedvoll den Himmel spürend, steht.
Schließlich kommt es zum berühmtesten Chor (wenn nicht in der Geschichte der Oper). Wer kennt diesen nicht? Bekannt ist er auch als „Chorus of the Hebrew Slaves“ und ein Motiv ist zentral: Sehnsucht nach Freiheit. Die wirklich ästhetische Melodie dringt tief, sehr tief. Auch an diesem Abend. Erst durch den Chor Nuova Chiesa gesungen, ein zweites Mal am Ende des Konzerts erklingt statt eines „abgedroschenen“ Trinkliedes (so Tanzler) das „Va, pensiero“ noch einmal. Diesmal machen alle – auch dank vorgegebenen Textes – mit. Die Neunkirchner Stadtpfarrkirche – erfüllt von diesem allumspannenden Klang – für diesen Moment einfach atmen, Stimmung aufsaugen, inne halten, für Frieden beten. Krankheit, Schwäche, Missmut, alles kann für diesen Moment warten. Und diese Momente zählen doppelt, dreifach.
Jeder einzelne konnte aus diesem Große Klänge-Konzert, einer Fortsetzung der oftmaligen fruchtbaren Zusammenarbeit des 1. Neunkirchner Musikvereins und der Amici del Belcanto, eigene Impulse mitnehmen und Schlüsse ziehen, was den Abend zu einem bedeutsamen in kirchlichem Ambiente machte.