Tonio, Marie….WOW! „C’est exactement ça“ könnte man sagen. Auf einem Höhepunkt der Karriere schwebt gerade der spanische Tenor aus San Sebastian, Xabier Anduaga mit seinem recht jungen Alter von 31 Jahren. Und er begeistert das Wiener Publikum nicht NUR mit seinen 9 hohen C’s in der Arie „Ah mes amis..“ (der sprichwörtliche „Mount Everest“ für Tenöre). Tatsächlich ist es ein „jour de fete“, ein stimmlicher Feiertag für diese Inszenierung der Regimentstochter an der Wiener Staatsoper aus dem Jahre von Laurent Pelly, die mit einigem Humor aufwarten kann und regelmäßigen Gästen gut bekannt sein dürfte.2007 sangen Natalie Dessay und Juan Diego Flórez das Paar aus Marketenderin und Bauer, 2026 sind es Erin Morley und eben „der“ Xabier Anduaga, auf den momentan wohl sehr viele Augen und Ohren gerichtet sind.
Das Paar ist auf der Bühne entzückend im Spielen und Singen, Morley bügelt, Anduaga stolpert rollengerecht tollpatschig, sie schälen gemeinsam Kartoffeln, hüpfen, machen Kampfhandlungen. Und kämpfen (nicht nur nebenbei) um ihre Liebe. Erin Morley lässt das 21. Regiment, das sie großzieht, durch ihr „Chacun le sait“ erklären und ist dabei sehr präsent. Eine sehr passende Besetzung. Ihre verinnerlichten Koloraturen mit großer Freude begleiten sie durch die Oper! Sie kann spielerisch Variationen beim „Salut à la France“ ausspielen, wo sie im 2. Akt, überdrüssig der Erziehungsversuche durch die Marquise de Berkenfield (sehr laut agierend an dem Abend porträtiert von Stephanie Houtzeel), beim Anblick ihres hereinstürmenden Regiments in diese patriotische Huldigung an Frankreich ausbricht. Die Arie hat sich kulturell auch zu einer „2. Nationalhymne“ Frankreichs entwickelt. Als Sulpice, ihr Regimentsziehvater, kann sich Peter Kálmán in der Aufführung profilieren, nicht zuletzt durch Situationskomik, zum Beispiel sein Gang, seine Besorgnis um Marie wird ebenso spürbar. Sehr blass bleibt hingegen der Hortensius von Marcus Pelz, der hin und wieder in Erscheinung treten kann. Auch die Herzogin von Crakentorp (Brigitte Kren) kann zwar sehr gut sprechen (ist ja auch ausgebildetete Schauspielerin), aber übertreibt doch sehr, kann sich zwar lustvoll austoben, und demzufolge singt sie auch keine Stelle. Philippe Aubault darf als herbeigerufener Notar in den Kamin kriechen. Tja.
Zum Tenor des Abends ist zu konstatieren: Er besitzt eine brillante Technik, eine Stimmschönheit, eine Ausstrahlung, eine Jugendlichkeit, die wohl viele zum Schmelzen bringt. Minutenlanger Applaus bei Anduagas Arien, auch bei der anspruchsvolleren der beiden „Pour me rapprocher de Marie“ ist seine Verzweiflung so spürbar, dass das Publikum hochberührt ist. BRAVO. Que VOZ!
Meister Evelino Pidò aus Turin und das Wiener Staatsopernorchester sind absolut bei der Sache und die eindrücklichen Melodien gehen auch nach der Aufführung nicht aus dem Kopf.
Prädikat: Musikalisch sehr hörenswert, mit Komödiantik versetzt.
Weitere Aufführungen gibt es am 04., 07., 10. und 13. November in dieser Besetzung.