Rezensionen OPERETTE

Hier finden Sie frühere & aktuelle Kritiken von Operetten aller namhaften Festivals & Häuser

„La veuve joyeuse“. DIE LUSTIGE WITWE (F.Lehár) mit Hampson, Gens, Nafornita, Ebner in Paris.

 

danilo

KS Thomas Hampson – sein Danilo als Elfenbein-Charmeur (c) th

 

Tombe amoureux souvent, fiance‑toi rarement, ne te marie jamais !
– Danilo , Acte II, scène 11

Man muss nicht unbedingt Französisch können, um das zu verstehen. Es schadet aber niemals.

Eine der bekanntesten Operetten ist aktuell gerade an der großen Oper in Paris – an der Opéra Bastille (in der Rue de Lyon) zu sehen. Paris ist neben Wien wohl die „Operettenstadt“, dort wo Lolo, Dodo und so weiter immer flanieren. Auf, und ab, auf, und ab, irgendwann fallen sie dem lüsternen Danilo in die Hände. Dass dieses Werk auch 112 Jahre nach der Uraufführung lustig, aktuell und heutig ist und sehr gut ankommt, beweist wieder einmal die Top-Besetzung in Paris.

Der Star am Besetzungszettel ist wohl Welt-Bariton Thomas Hampson, Kammersänger und etwas blass geschminkt (gewollt) in dieser Rolle des Frauenverstehers Graf Danilo Danilowitsch zu sehen. Viel Schmelz und darstellerische Sicherheit packt er aus. Mit der über 300.000 mal aufgeführten Operette hat er absolut keine Schwierigkeiten, eher viel Laune.

Als Titelheldin Madame Glawari hört man die französische Opernsängerin Veronique Gens aus Orléans. Sie bringt die richtige Attitüde mit, hat an manchen Momenten aber doch einige Mühe.

Die wunderschöne und stimmgewaltige Valentina Nafornita von der Wiener Staatsoper unterstützt die Aufführung mit ihrem facettenreichen Sopran. Als junge und wissbegierige und nach anderen Amouren als ihrem „faden“ Mann Baron Zeta Ausschau haltende Valencienne ist sie federleicht, überrascht mit Feinheit.

Mit kernigem Bass veredelt Zeta alias Franck Leguerinel seine delikaten Momente, etwa zum Geburtstag des Fürsten. Pontevedro kann sich mit diesen Menschen wohl sehr glücklich schätzen. Auch in den kleineren Nebenrollen können kompetente Sänger punkten: Der Tenor Karl-Michael Ebner (Volksoper Wien) als Raoul de St. Brioche oder Alexandre Duhamel (französischer Bariton) als Vicomte Cascada sowie Metropolitan-Opera-Sänger Stephen Costello als Valenciennes heißer Liebhaber Camille de Rosillon („Wie eine Rosenknospe im Maienlicht erblüht…“) fügen sich mehr als achtbar ein.

Unter dem Dirigat des deutschen Dirigenten Marius Stieghorst steigt diese Witwe einen steilen Weg hinauf zu ihrer großen Liebe, auch wenn es sehr lange dauert, bis sie zueinander finden. Ob die Ehe wirklich nur ein „Standpunkt“ ist, den man „längst überwunden“ hat? Am Ende.. oder aber über jenes hinaus – wird er sie oder sie ihn wohl heiraten müssen.. Bis dahin gilt es viele Hinternisse – auch diplomatischer Art zu nehmen, und wie einmal als Ausspruch in einer Aufführung der Wiener Volksoper verwendet wurde: „Und ärgert das den Danilo, es is´ halt so!“

Die Aufführung in Paris ist unterhaltsam, fast opernhaft, doch sehr kurzweilig (Regie: Jorge Lavelli).

 

Info und Karten: https://www.operadeparis.fr/saison-17-18/opera/la-veuve-joyeuse

 

 

Silvester-„Gala“-Fledermaus mit vielen Stars in der Wiener Staatsoper

Der Silvesterabend gehört ja in Theaterkreisen zu den „Gala-Events“, wo die ganz besonderen Vorstellungen an der Reihe sind und auch ein wenig Klamauk und Spaß nicht fehlen dürfen. Eine liebgewonnene und traditionsreiche Aufführung der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauss Sohn in renommierten Opernhäusern gehört dazu. Auch der Jahreswechsel 2016/17 wurde mit einer solchen versüßt. Kammerschauspieler Peter Simonischek, der wie berichtet am heutigen Tag auf einen Golden Globe hoffen darf, gab eine von vielen Persönlichkeiten vor ihm geprägte Rolle: Den Gefängniswärter Frosch, den auch er inzwischen liebevoll geprägt hat. Mit rot geschminkter „Schnapsnase“ und wirrem, durcheinandergebrachtem Haar wäre dieser Frosch der Einzige, mit einer runden Kugel aus Hollywood! Hoffen wir das Beste! Auch sonst war der Abend von einer hochkarätigen Besetzung geprägt.

Es darf unterstellt werden, dass es an diesem Abend ein wenig mehr als sonst um das Atmosphärische ging, nicht so sehr darum, dass Rosalinde am Ende ihrem Gatten verzeiht. Denn der Silvesterabend bleibt magisch, man weiß im Stück, dass „Champagner alles verschuldet hat, was die handelnden Personen für Wirrungen erdulden mussten“. Dieses Motto zieht sich durch die Handlung. „Eisenstein erkennt auf dem Fest seine eigene Gattin nicht, wie gibt es denn so etwas?“, hatte vor Jahren die renommierte Barbara Rett den Tenor Herbert Lippert gefragt. Er entgegnete: „So etwas gibt es wohl nur in der Operette!“

In dieser Silvester-Aufführung der „Fledermaus“ ist ebenso alles möglich. Kammersänger Michael Schade gab sein „Eisenstein“-Debüt, vorher wurde er noch mit einer ranghohen Ehre aus Kanada (seinem Herzensland) überrascht. Nur die Pointen gerieten ihm etwas zum Verhängnis, gesanglich kann man einem Kapazunder wie ihm nichts vorwerfen. Es verhält sich so, dass der Gabriel von Eisenstein eine heitere, aber auch leicht melancholische Seite zeigen soll. Zum Ende hin sowieso mehr reuig. Regine Hangler als seine Gattin Rosalinde hat die Rolle gut verinnerlicht, wenn sie auch manchmal ein bisschen outrierte. Singen kann sie sehr gut. Ihre sehr geliebte Adele spielte Daniela Fally an diesem Abend wieder voll aus, inklusive köstlicher Bonmots. Norbert Ernst als Alfred ließ schon ein bisschen Glanz vermissen, den er in Jahren zuvor noch „drauf“ hatte. Als Prinz Orlofsky hatte man Elena Maximova engagiert. Die Russin verkörperte den Prinzen stilecht, und langte auch beim Bühnen-Wodka (Wasser) zu, so wie das Klischee es verlangt. Clemens Unterreiner als Dr. Falke hatte diebischen Spaß, als er wieder einmal die Fäden seiner Intrige ziehen durfte, und überzeugte mit seiner vokalen Durchschlagskraft. Wolfgang Bankl als Gefängnisdirektor Frank zeigte sich sehr flexibel. Peter Jelosits als Dr. Blind und Lydia Rathkolb als Ida fügten sich achtbar ein.

Und dann war da noch: Der berüchtigte Überraschungsgast am Silvesterabend. Manche hatten mit Placido Domingo gerechnet, aber dann kam ER und begeisterte die Massen: Juan Diego Flórez, der Mann mit der Samtstimme, das Universaltalent,“bewaffnet“ mit Gitarre. Ein großartiger Künstler! Nicht nur die Arie des Tonio aus der „Regimentstochter“ (da hätte noch gefehlt, dass Eisenstein, Rosalinde, Adele am Bankett sitzend und Co. die Soldaten gemimt hätten!!!) mit den „mörderischen“ hohen C´s, sondern auch eine besonders nette Version von „Guantanamera“, vermischt mit „I wish you a happy new year“, war zu hören.

Der Staatsoper gelang wieder einmal ein fulminanter Jahreswechsel.

Hier die beiden Gastauftritte von J.D. Flórez:

Ah mes amis! (Tonio, Fille du Regiment)

Auld Lang Syne und Guantanamera:

 

 

 

 

Ein Hilferuf aus Mörbisch – Viktoria und ihr Husar

Die beliebten Seefestspiele in Mörbisch (nicht nur wegen des Feuerwerkes zum Schluss!) feierten am Donnerstag mit der eher wenig bekannten Operette „Viktoria und ihr Husar“ von Paul Abraham Premiere. Dieses Werk wurde bereits vor Jahrzehnten hier aufgeführt. Johannes Heesters trat damals auf. Es braucht eine Portion Mut, diese „Außenseiteroperette“ auf den Spielplan zu setzen. Die kühne und mutige Intendantin Kammersängerin Dagmar Schellenberger hat dies getan. Eine wahre Materialschlacht, die alle in den Bann ziehen sollte. Aber leider ein trauriges Fazit: Die heurige „Viktoria“ konnte keinen Siegeszug antreten (wie ihr Name vielleicht verspricht). Die Operette gehört leider zu den schwächsten, die Mörbisch in den letzten Jahren gesehen hat.

csm_steppan_schellenb_heim_slider_395cbfc2c9

(v.l.) Andreas Steppan, KS Dagmar Schellenberger, Michael Heim als Cunlight, Viktoria, Koltáy (c) Jerzy Bin Photography

 

 

Man hatte sich sehr viel erwarten dürfen: Im Vorfeld wurden Operetten-Quereinsteiger wie Andreas Steppan (den viele Besucher noch kannten, da er für eine österreichische Baumarktkette jahrelang geworben hat) gelobt und mit zahlreichen Vorschusslorbeeren bedacht. Leider eine glatte Fehlbesetzung, wie sich für die Rolle des Botschafters Cunlight herausstellte. So eine Rolle, so leid es einem tut, braucht Stimme, braucht viel mehr Ausstrahlung. Gesicht hat Steppan, Stimme nicht. Kammersängerin Dagmar Schellenberger vermag ihrer Viktoria hingegen auch stimmlich Glanz zu verleihen und eben jene Ausstrahlung. Aber auch sie kann die Inszenierung nicht „herumreißen“. Zu versüßt, zu aufgebläht, zu unglaubwürdig sind die gezeigten Idyllen. Kimonos und Russenmützen, Folklore und Nationalstolz, es ist schlicht „much too much“. Es wird getanzt, getanzt, getanzt (die schweißtreibende Choreographie: Simon Eichenberger), viel mehr als gesungen, was ja seit jeher eine Mörbischer Kernkompetenz darstellt. Die Tänzerfüße schreien schon um Hilfe. Dabei müsste es an tollen Sängern und Sängerinnen nicht mangeln. Herauszuheben aus dem durchmischten Ensemble ist Michael Heim, der sich als Koltáy sehr bemüht, und für sich tolle Momente herausfassen kann. Außerdem sind Andreas Sauerzapf, Katrin Fuchs (bekannt als „Eliza“ von 2009) und Verena Barth-Jurca (war schon 2015 in der „Nacht in Venedig“ dabei) entzückende Sänger(innen).Man nimmt sich durch diese Inszenierung (Reige: Andreas Gergen) selbst sehr, sehr viel Potential weg. Einen massiven Pluspunkt kann man musikalisch mit David Levi (alternierend mit Günter Fruhmann) als Dirigenten sammeln.Paul Abrahams vielschichtige und reizvolle Musik wurde gut umgesetzt. Selbst eingefleischten Mörbisch-Besuchern dürfte aber die massive Überladung aufgefallen sein. Man wollte gefallen, um jeden Preis. Es gab verhaltenen Applaus.

Dagmar Schellenberger wollte sich heuer vermutlich an einer Mörbischer „Leistungsschau“, nämlich darzubieten, was an der riesigen Seebühne mit Eigenleben technisch alles möglich ist, versuchen. Für die Intendantin muss man hier eine Lanze brechen. Die vielen wechselnden Orte, über Tokio, Sibirien bis hin zu Ungarn und die allzu üppige Ausstattung sind natürlich Luxus, gar keine Frage. Der Bau der gigantischen Bühnenteile muss viel Zeit und Geld verschlungen haben. Die Idee ist an sich sehr gut. Es hakt daran, dass dies viel zu offensichtlich, und gar nicht versteckt auf die sanfte Weise, dem Publikum offeriert wird. Die Sänger treten eher in den Hintergrund. Wen das nicht stört, der ist heuer noch bis 20. August an der Seebühne sehr gut aufgehoben.

 

Meisterlich. Die „Gold´ne Meisterin“ von E. Eysler in Baden bei Wien

Stadttheater Baden bei Wien

Ein ganz selten gespieltes Operettenjuwel hatte kürzlich in der Kurstadt Baden bei Wien glanzvolle Premiere. Die reizende Geschichte der „Gold´nen Meisterin“ war zu sehen und zu hören. Und das noch dazu in einer respektablen Besetzung.

Die mehrfach von der Bildregie für´s Theater bekannte Karina Fibich führte Regie und geleitete „ihre“ Sängerinnen durch die zweieinhalbstündige Aufführung. Sehr hübsch gemacht die eher traditionelle, ältlich (passende!) Bühne von Roswitha Wilding-Meisel.

Unter der musikalischen Leitung von Dirigent Michael Zehetner und einer einfallsreichen Choreografie von Michael Kropf gaben sich zwei nicht nur in Wien (VOP) bekannte Sängerinnen die Ehre: Elisabeth Flechl gab die edle Margarethe, die quirlige Renée Schüttengruber spielte die ulkige Haushälterin Portschunkula und hatte merklich ihren Spaß.

Die nicht minder talentierte Katrin Fuchs war in einer Hosenrolle zu erleben, und zwar der des Lehrbuben Friedel. Sylvia Rieser als tolle Contessa machte die Damenriege komplett.

Bei den Herren taten sich Reinhard Alessandri als Christian („Du liebe Gold´ne Meisterin“), Andreas Sauerzapf als Jaromir von Greifenstein und Beppo Binder mit dickem Bauch als Ritter von Gumpendorf hervor.

 

SOMMERBühne 7: Ein Weißes Rössl, aber kein Lipizzaner – MUSIKFESTIVAL STEYR mit IM WEISSEN RÖSSL

Musikfestival Steyr/Oberösterreich                                                                              31. Juli

Premiere

In der Industriestadt Steyr, beim etablierten Musikfestival unter der Leitung von Karl-Michael Ebner, hält heuer das lustige Salzkammergut Einzug. Besser gesagt spielt man Benatzkys „Weißes Rössl“, das sich nicht ganz zwischen Singspiel und Tourismusklamotte entscheiden kann.

Man hat auch während der Handlung das Gefühl der Zerrissenheit. Denn die Regisseurin Susanne Sommer schwankt wagemutig zwischen ernst zu nehmendem, nostalgischem Urlaubsidyll und sehr kitschigen, teilweise unpassenden modernen Einlagen. Ein homogenes Bild ergibt sich da eigentlich nicht. Einmal so, einmal so versucht man das Publikum in den Bann zu ziehen. Aber Bauhelme vor dem traditionsreichen Hotel? Das in letzter Zeit beliebte Mittel, „kleinere“ Videoprojektionen einzuflechten, nunja. Nun zu den Akteuren: Als Zahlkellner Leopold manövriert sich der honorige Kammersänger Josef Luftensteiner durch das Singspiel, macht es gut, wiewohl ihm die Rolle sicher nicht auf den Leib geschneidert ist. Seine (nicht nur) Bühnen-Partnerin Martina Dorak kontert ihm als resche Rösslwirtin deftig und herzhaft und erliegt erst zum Schluss seinem Charme. Gesanglich fügen sich beide harmonisch zusammen. Gesamt gesehen ist dieses „Rössl“ stimmlich eher karg besetzt, im Ensemble gibt es große Unterschiede. Daniel Serafin (mit lächerlich ungebührlicher Einlage im roten Mini-Auto – wem fiel das ein?) als golfspielender Rechtsanwalt Dr. Siedler und Lisa Maria Greslehner als badendes Klärchen (mit viel Haut) sind darstellerisch guter Durchschnitt, gesanglich beide besser. Rita Nikodim als Ottilie und Michael Havlicek als Sigismund (die Glatze wirkt dermaßen künstlich!) mühen sich, lustig zu sein. Und was hat denn ein Karl Lagerfeld im Salzkammergut zu suchen? Dieser Kunstgriff schien nicht logisch. Der Giesecke von Andreas Mitschke mag unterhalten, mehr schon nicht. Nett angelegt und modern hingegen Hinzelmann: Ewald Reiter. Der altersmilde Kaiser, zu agil gespielt von Kammersänger Harald Serafin, bekommt Aufmerksamkeit vom kleinen Blumenmädchen und lässt sich gebührend und rührend empfangen. (auch hier wieder: äußerst künstlicher, unpassender Bart, es ist einfach a bissl a G´frett mit der Maske heuer!) Man bekommt auch ungewohnt für dieses Stück von Einigen nackte Haut zu sehen. Sollte denn das der Inszenierung förderlich sein.. Obwohl Dr. Siedler für die Damen und das Klärchen für die Herren sicher für einen angenehmen Anblick sorgen.

Ein Lob gebührt einmal mehr auch Siegfried Andraschek für die profunde, wenn auch instrumental dünn besetzte Interpretation.Ein etwas durchwachsenes „Rössl“ also. Aber natürlich bekommen sich am Ende alle, wie es sich gehört.

-Martina Klinger-

Information: Spielzeit: 30. Juli bis 15. August Schlossgraben von Schloss Lamberg, alternativ bei Schlechtwetter: Stadttheater Steyr

Link: http://www.musikfestivalsteyr.at

SOMMERBühne 3: Auf hoher See mit sehr viel Schmäh – SEEFESTSPIELE MÖRBISCH mit Eine Nacht in Venedig

Seefestspiele Mörbisch. Burgenland

Die gewohnte Opulenz zu zeigen, war offenbar heuer Intendantin KS Dagmar Schellenbergers Ziel bei den Seefestspielen Mörbisch. Dies ist sehr gut gelungen. (Lesen Sie hier eine Vorschau vom Kulturpavillon im Dezember 2014: Lagunenstadt im Burgenland-nächstes Jahr) Dieses schöne Werk ist die ewig aktuelle „Nacht in Venedig“ von Johann Strauss, übrigens seine einzige Operette, die in Berlin uraufgeführt wurde (1883). Sanft und an manchen Stellen weniger sanft, aber sehr effektiv wurde sie in die Gegenwart geholt.

Eine durchwegs stringente und amüsante Änderung am Original wurde vorgenommen: Caramello ist hier in Mörbisch nicht der Leibbarbier des Herzogs, sondern sein erster Offizier. Warum das? Weil der Herzog der Kapitän seines eigenen Schiffes ist: Die HERZOG von URBINO (imaginär der Reederei MSC zugeordnet) legt in Mörbisch vor Anker. Es ist ein Riesen-Dampfer, ein Kreuzfahrtschiff, das schon von Weitem alle Blicke auf sich zieht. Bewegt wird diese überdimensionale Kulisse per Rad im Hintergrund von „acht Technikern, die sich das Fitnessstudio sparen“, wie die Intendantin im Vorfeld erklärte. Die liebevoll gestaltete Kulisse mit Trattoria und sonstigen original italienischen Einrichtungen stammt von Walter Vogelweider. Spektakulärer Genuss für das Auge. In Punkto Genuss für das Ohr kommt man heuer als anspruchsvoller Operettenbesucher auch nicht (viel) zu kurz. Hierfür sorgen meistens die Hauptpartien: Herbert Lippert begeistert als Herzog von Urbino (oder Kapitän), der seine Kapitänsmütze auch schon einmal launig gegen ein Kostüm im Stil von Jack Sparrow aus „Fluch der Karibik“ tauscht; Mirko Roschkowski als sein 1. Offizier gibt sich große Mühe und wird belohnt. Einen lustigen und stimmlich guten Pappacoda liefert Roman Martin ab. Die Annina, reizvoll verkörpert von Elena Puszta, hat ein bisserl mit der Höhe zu kämpfen. Verena Barth-Jurca als Ciboletta singt gut, darstellerisch ist sie sehr flott unterwegs. Die tanzenden Karnevalsbesucher (Choreografie von Mirko Mahr von der Oper Leipzig) hübschen die Szenerie auf.

Die große Cinemascope-Bühne will, wie auch jedes Jahr, mit Leben gefüllt werden. Der Dampfer ist ohne Frage das zentrale Element dieser sehr flotten Inszenierung mit markigen Sprüchen. Für diese sorgte jemand, den man so gar nicht der Operette zuordnen würde: Joesi Prokopetz. Er frischte ein wenig den Text auf und sorgte sich sogleich um die „Sitten“. Aber bitte, wir sind hier nicht im „Zigeunerbaron“. Es ist eine gute Idee, mit Prokopetz ein wenig Kabarett einziehen zu lassen. Er übernahm auch gleich die Rolle des Senator Barbaruccio. Dass man es mit dem Kabarett auch übertreiben kann, zeigte Verena Scheitz als Agricola. Wie sehr sie sich auch müht, Sprechen ist eher ihre Stärke als Singen. Da kommt dann schon die Moderatorin in ihr durch. Darstellerisch sehr in Ordnung.

Zwei mit dem Titel Kammersänger(in) konnte man heuer ebenfalls auf der Bühne bewundern: Die Intendantin Dagmar Schellenberger höchstselbst als Frau Delacqua, Barbara, ließ (nicht nur) mit ihrem Schwipslied aufhorchen. Heinz Zednik als Senator Bartolomeo Delacqua lässt keine Wünsche offen, ein großer Sänger.

Der ebenfalls wie die beiden vorigen Mörbisch-erfahrene Ernst-Dieter Suttheimer (Enterich im „Bettelstudent“) darf sich als Senator Testaccio Lacher holen. Seine Frau Constantia wird von der Tochter des Festspielgründers Herbert Alsen, Marina Alsen verkörpert. Spielfreudig und kokett gibt sie auf der Bühne alles. Newcomer Otto Jaus schließlich komplettiert das Ensemble mit seinem heißblütigen Enrico Piselli, der Barbara ganz stürmisch umwirbt.

Die Regie liegt in den bewährten Händen von Operettenspezialist Karl Absenger, der in Mörbisch schon das „Weiße Rössl“ in Szene setzte. Er führt die Personen durch das heiter-amouröse Treiben. Musikalisch lässt sich unter dem Dirigat von Andreas Schüller nichts beanstanden. Die Musik fließt rasch wie die Wellen vor dem Palazzo Ducale.

-Martina Klinger-

Information:

Alle Spieltermine unter folgendem Link:

http://www.seefestspiele-moerbisch.at/programm/eine-nacht-in-venedig/spieltermine/

Seefestspiele Mörbisch / Bühnenbild für Eine Nacht in Venedig, Walter Vogelweider

Seefestspiele Mörbisch / Bühnenbild für Eine Nacht in Venedig, Walter Vogelweider  (c) Jerzy Bin Photography

Paris in kaltem Blau

Volksoper Wien                                                                                             21. Feb. 2015

Jacques Offenbach war und ist ohne Zweifel ein großer Operettenkomponist, der Vertreter des typisch französischen Tempos und der Schnelligkeit. In der Wiener Volksoper ist sein in letzter Zeit selten gespieltes Werk „Pariser Leben“ (eigentlich eine Opera buffa) zu neuem Leben erwacht.

Eine Scheinwelt wird hier präsentiert, unterlegt mit sehr, sehr hübschen Melodien. Die beiden vergnügungssüchtigen Schweden (Baron und Baronin von Gondremark) werden von der „Festgesellschaft“ empfangen.  Das Bühnenbild (Michiel Dijkema) soll wohl einen Bahnhof darstellen, zumindest lässt sich ein solcher erahnen. Es ist überhaupt kühl und karg gehalten, was man vor Augen bekommt. Pariser Flair bringen erst die Darsteller auf die Bühne. Ceci n´est pas une Operette, steht auf der durchschimmernden Leinwand. Naja. Als Baron von Gondremark ist der sensible, mit einer beachtlichen Stimme ausgestattete Kurt Schreibmayer eine gute Besetzung. Lustvoll und gar nicht hausbacken, dieser Baron, gierig nach der Pariser Luft. Caroline Melzer steht ihm als Baronin zur Seite und in nichts nach. Sie will Paris ebenso genießen, aber eben kulturell in der Oper und nicht wie ihr Gemahl in fragwürdigen Etablissements. Annely Peebo als Metella tut sich schon ein wenig schwerer, vor allem in der Höhe. Daniel Prohaska ist Gardefeu, der sich redlich müht, seine Wohnung in ein Hotel umzufunktionieren. Die Stimme passt zur Figur und somit ist es auch gut. Johanna Arrouas (Pauline), Elisabeth Schwarz (Gabrielle) und Boris Pfeifer (ein toller Brasilianer) fügen sich achtbar ins Ensemble ein. Helga Papouschek gefällt als Madame Quimper-Karadec. Die musikalische Leitung liegt bei Sebastien Rouland. An einigen Stellen sehr laut.

-Martina Klinger-

Fledermaus mit Zuckerguss

Wiener Staatsoper                                                                                                     03.01.15

Zu Silvester spielt das Haus am Ring bekanntlich eine der bekanntesten Operetten von Strauss, die „Fledermaus“. Zu einer Folgevorstellung kam es im Jänner.

Die bewusst traditionelle und der Zeit (1874) angepasste Inszenierung von Otto Schenk. Die klassische Operette mit einem extra „Zuckerguss“. Opulent, ohne modernen Touch. Da charmieren Fracks mit Abendkleidern, da wird der Prinz Orlowsky schwach bei einem „Spaß“ von Dr. Falke.

Aus dem Off singt Alfred (Norbert Ernst). Man hört ihn ziemlich leise, es soll aber auch so sein. Nur hörbar muss er bleiben. Das Stück über bleibt er eher blass, tritt selten in Erscheinung. Adele (Ileana Tonca) ist sogleich begeistert von seinen Gesangskünsten. Tonca tut sich etwas schwer mit der Aussprache des Deutschen, gesanglich ist sie auf einem guten Weg. Sie legt in Stubenmädchen-Manier einen flotten Auftritt hin. Eisenstein (Adrian Eröd, merklich erkältet) ist souverän, trotz ein wenig Stimmschonung. „Wien, Wien, nur Du allein, Adele, komm und sprüh´ mich ein!“ Er ist in seinem Element, schwingt sich sogar zu einer kleinen „Königin der Nacht“ – Einlage auf, als er das Haus verlässt. Beim „kleinen Hunger vorm Gefängnis“ bestellt er Schöberlsuppe, Tafelspitz mit „Fettranderl“, Apfelkren und Sauce sowie Kaiserschmarrn mit Zwetschkenröster. Sportlich hüpft er im Tanz und vom Tisch, reißt sich im 3. Akt spektakulär die Perücke vom Kopf und schüchtert Rosalinde (Juliane Banse) und Alfred ein. Rosalinde ist respektabel besetzt. Im 1. Akt meint man doch glatt bei „Mein Herr, was dächten Sie von mir“ zu hören: „Gleich einer Wachtel fanden Sie ihn mir im Schlafrock vis-a-vis!“ Dabei soll Alfred doch ein „Pascha“ sein. Auch die „Klänge der Heimat“ bleiben leider ziemlich wortundeutlich. Schauspielerisch und gesanglich ist Banse in guter Form.

Gefängnisdirektor Frank (KS Alfred Sramek) weiß wie man mit Zigarren und Zeitungen umgeht. Sein beschwipstes Spiel im 3. Akt ist sehenswert. Die Stimme tut ihr Übriges. Im 2. Akt schmust und tänzelt er sich durch das Bankett. Später ahmt er die Trommel wie in den meisten Inszenierungen mit den Händen nach und „rattert“ Ida (Lydia Rathkolb) und Adele bei „Spiel ich die Unschuld vom Lande“ hinterher.

Der „actionreichste“ Akt ist aber der zweite. Die Drehbühne ist wahrlich ein „Schmankerl“ für sich, das an anderen Häusern mit dem festlichsten aller Bankette wirklich nicht so umgesetzt werden kann. Prinz Orlowsky (Elisabeth Kulman) freut sich über schöne Tanzeinlagen bei „Unter Donner und Blitz“, choreografiert von Gerlinde Dill und über den grandiosen „Spaß“ von Dr. Falke (Clemens Unterreiner).

Kulman ist als russischer Prinz köstlich und stimmstark, so wie ihr „Iwan“, der sogar fast Räder auf der Bühne schlägt. Unterreiner als Dr. Falke hat Witz, Charme, eine deutliche Aussprache und ist sehr gut bei Stimme. „Brüderlein und Schwesterlein“ ist rührend. Tänzerisch ist er sehr aktiv. Die französische Hymne und der Can-Can beim Fest von Orlowsky, den das Ensemble kurz an-tanzt, sind gute Einlagen.

Dr. Blind (Peter Jelosits) ist schon ab und an im Stück „gewalttätig“ und rammt seine Aktentasche in Bäuche, wenn er wütend wird. Seine „Ho-Ho-Ho-Hose“ will er nicht an Eisenstein abgeben. Schließlich werden es doch Aktentasche, Mantel und Perücke.

Im 3. Akt hat eine skurrile Figur noch ihren großen Auftritt. Das „Froscherl is do“ (Peter Simonischek). Für so manchen Geschmack ist er ein zu „betrunkener“ Frosch, sagt er doch keine einzige Passage, ohne zu lallen. Auf seine Art zieht er das Publikum an und lässt es dann gleich wieder los, um hinaus durch die bewegliche Flügeltür zu poltern. Auf den Bürokasten zieht er sich gefährlich hoch zum Bildnis von Kaiser Franz Joseph, der „für ihn Slibowitz aufbewahrt hat“ (er zieht die Flasche hinter dem Bild hervor). Der Mann befriedigt als Frosch die Gemüter. Singen kann er nicht, wie er auch betont: „Ich singe nicht mit Dir, ich habe eine Sprechrolle!“

Patrick Lange führt das Wiener Staatsopernorchester durch die lustigste Strauss-Operette. Schon bei der Ouvertüre (A-Dur) entfaltet das Orchester einen feinen, großen Klang.

Ein sehr gelungener  und abwechslungsreicher Abend!

Martina Klinger

 

Links:

http://www.wiener-staatsoper.at

http://www.wiener-staatsoper.at/Content.Node/home/kuenstler/saengerinnen/Sramek.de.php

http://www.unterreiner.at

http://www.adrianeroed.com

http://www.ileanatonca.com

http://www.julianebanse.com

 

 

Feuriger Edwin, feine Sylva in Dresden

Semperoper Dresden                                                                                              Dezember 2014

Mit einer konzertanten Aufführung von Emmerich Kálmáns „Csárdásfürstin“ versuchte die Dresdner Oper das Publikum zu verwöhnen. Natürlich hat man gewisse Erwartungen, wenn auf der Besetzungsliste Namen wie Anna Netrebko und Juan Diego Flórez zu finden sind. Sie beide gaben ihr (deutschsprachiges) Rollendebüt. Netrebko als Sylva Varescu, Flórez als Edwin. Operette gesungen von zwei Opern-Stars? Wie man sagen könnte, eine „Luxusbesetzung“. Aber damit ist es nicht getan.

Die Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann gestaltete die Ouvertüre sehr opernhaft, mit viel Schmelz, sehr flott und als außergewöhnliches Hörerlebnis. Motive einfach abzuarbeiten, ist Thielemanns Sache nicht. Er kostet gemeinsam mit „seinen“ Musikern die Töne aus, versucht die Nuancen feiner Emotionen herauszuarbeiten.

Nun, Anna Netrebko betritt die Bühne im rosa Pelz, rosa Kleid, rosa Ring. Alles fein abgestimmt, aber für eine Sylva wirkt sie zu steif, zu fein, soll sie doch eine „aus dem Varieté“ mimen. Sie verteilt Luftküsschen. Die Herausforderung einer konzertanten Aufführung: Die Sänger und Sängerinnen müssen darstellerisch zu einem Gutteil wettmachen, was an Bühnenbild und Ausstattung nicht vorhanden ist. Alles Augenmerk ist auf sie gerichtet. Bei „Heia, heia in den Bergen ist mein Heimatland“, einer respektabel schweren Arie, lässt sich „die“ Netrebko natürlich stimmlich nichts nachsagen. Der Passage „O la la, so bin ich gebaut“ verpasst sie eine etwas überzogene Tanzeinlage und den Spitzenton am Ende kostet sie voll aus. Sie hat viel vokale Kraft, sie ist eine Traviata, eine Leonora, eine Manon. Aber keine Sylva Varescu.

Ihr männlicher Partner Juan Diego Flórez hat eine Stimme, die sich allen Gegebenheiten anpasst. Die fließende, monströse Tenorstimme entfaltet an mehreren Stellen ihre volle Wirkung. Ein Edwin Ronald wird aber aus ihm im Leben nicht. Der Peruaner ist mehr bemüht, sein Temperament im Zaum zu halten, während die Rolle des Edwin Ronald Karl Maria von und zu Lippert-Weylersheim ja mehr in Richtung „honorige Schlaftablette“ anzusiedeln ist. Er singt berührend „Heut´Nacht hab´ich geträumt von Dir“. Man glaubt es ihm. Aber die Rolle ist ihm im Gesamten (leider) nicht auf den Leib geschneidert. Sein Deutsch ist gut. Er bemüht sich sehr zu phrasieren.

Netrebkos Deutsch mischt sich ein wenig mit Englisch. Man verzeiht, das ist nicht problematisch. Beide sind allerdings sehr bemüht, nur hat man nicht immer das Gefühl, dass sie verstehen, was sie singen. Sie geben ein sehr hübsches Bühnenpaar ab.

Natürlich ist die stimmliche Qualität, die beide mitbringen, nahezu ein Garant für ein insgesamt gelungenes Konzert. Darstellerisch können die beiden nicht allen Wünschen nachkommen. Das Publikum ließ sich zu tosendem Applaus hinreißen.

-MK-

 

Links:

http://www.semperoper.de

http://www.annanetrebko.com

http://www.juandiegoflorez.com

 

 

 

 

Kaiserliche Premier´ in Blindenmarkt – Im weissen Rössl

Herbsttage Blindenmarkt

Die Herbsttage Blindenmarkt, ein Garant für hohe künstlerische Qualität im ländlichen Raum: Weil man heuer das 25-Jahr-Jubiläum feiert, lässt man es kaiserlich angehen. Liebeswirren zwischen dem Salzkammergut und Berlin stehen auf dem Spielplan. Wer hat´s schon erraten? Genau, das Kultstück um das Kult-Hotel am Wolfgangssee, das berühmte Weisse Rössl (von Ralph Benatzky) wird aufgeführt. Intendant Michael Garschall (bekannt aus Klosterneuburg) freut´s. Regie führt Isabella Gregor.

Als resche Rösslwirtin Josepha lässt sich hier die Sopranistin Kerstin Grotrian blicken. Das Dirndl steht ihr, und auch gesanglich hat sie die Rolle inhaliert. Ihr Leopold Alexander Kaimbacher schlägt sich wacker. Gute Momente hat als Dr. Siedler der Sänger Clemens Kerschbaumer. Katrin Fuchs und Gabriele Schuchter fügen sich als Klärchen und Kathi achtbar ein. Willi Narowetz als Hinzelmann ist lieb.

Nun, die Bühne wirkt manchmal gar reduziert. Etwa, als der alte Kaiser („Quereinsteiger“ und TV-Mann Peter Rapp, der für die Rolle sogar seinen Bart ließ!) sich dem Volk zeigt. Nett, anschaulich. Singen kann er zwar nicht, aber die Rolle wird hübsch rezitiert. „S´ist amol im Leben so, allen geht es ebenso, was man möcht´so gern, liegt so fern, wenn ma alles haben könnt´, wenn man ohne Mühe fänd´, was man nie erreicht, dann wär´s leicht!…“

Die Ottilie von Barbara Pöltl bleibt brav bis unmerklich. Dafür dreht der schöne Sigismund Ronny Hein ziemlich auf. Bissl überzeichnet, würde der Kaiser sagen, aber es hat mich sehr gefreut.

-MK-

 

Link:

http://herbsttage.at

 

 

Tipp für Familien: Am 25.10. um 15:00 Uhr gibt es die Sing-Along-Version zum Mitsingen und Jodeln. (Familienvorstellung)