Die Stimmen müssen stimmen – ein mögliches neues Traumpaar der Oper ?

Martina Serafin (c) Arenaria

Die Stimmen müssen stimmen, nur so entsteht Genuss. Die Stimmen müssen klingen, sonst resultiert Verdruss.

Was ist? Was war? Was könnte werden?

Diese elementaren Fragen (also die Zusammenkunft oder besser das Dreigestirn von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) sollten und müssen auch das Theater (mit oder ohne Musik) betreffen. Was muss in Zukunft getan werden, damit gesichert wird, dass echte Klassiker die Bühne nicht verlassen? Nicht durch modernes Regietheater ersetzt werden, welches das Stück vollkommen entstellt und sich somit der Sinn und die Aussage dem Publikum entziehen?

Nun ja, es fällt dem geneigten Opernbesucher ganz sicher ein: Die Stimmen müssen stimmen! Mag einfach klingen, ist es aber beileibe nicht. Wirklich gute Sänger und Sängerinnen findet man eben nicht wie den sprichwörtlichen „Sand am Meer“. Und der vielzitierte technisch perfekte Gesang? Was hat es denn hiermit auf sich? Kann man davon ausgehen, dass nur diese Komponente im Opernbetrieb für die gewünschte Wirkung und Furore sorgt?

Jonas Kaufmann (c) Sony Classical

Perfektion ist uns Menschen ganz gewiss nicht gegeben, denn wir sind keine Maschinen, die immer funktionieren. Die immer produzieren und kein Risiko eingehen. Nein, besonders das Leben für den und mit dem Gesang, das birgt so einige Risiken. Die Menschen, die wirklich mit Herz, Leib und Verstand dahinterstehen, müssen sich dieses Risikos bewusst sein: Funktioniert die Stimme an jedem Auftrittstag, bin ich in guter Verfassung, kann ich auf der Bühne meine 120 Prozent abliefern. Nein, „abliefern“. Was ist das für ein Wort? Es hört sich nach einer Fließbandarbeit an. Also, tun und machen, produzieren und sich gegebenenfalls für sein Produkt abstrafen lassen, wenn es nicht so funktioniert hat, wie es hätte sein können.

Ganz klar, Kritik gibt es in jeder Profession. Egal ob am Fließband in Schichtarbeit oder abends auf der Opernbühne. Wenn nicht von den Kollegen, dann vom Publikum. Andererseits: Am Fließband gibt es selten Publikum, außer vielleicht den Produktionsleiter, der den Arbeitsvorgang überwacht. In der Oper ist das der Regisseur, der zugegebenermaßen „seiner“ Premiere nur ungern beiwohnt. Zu nervös seien die meisten Regisseure, und würden lieber einen Spaziergang machen, während ihr Werk das Publikum erfreut, oder eben nicht. Die Sänger und Sängerinnen, die auf der Bühne ihren Stimmbändern Mächtiges abverlangen, werden nicht selten behandelt wie Popstars. Fans warten vor dem Bühneneingang, um ein Wort wechseln zu können, eine Autogrammkarte signiert zu bekommen. Manche sind schon oft durch einen Augenkontakt glückselig.

Aber man denke an diffamierende Buh-Rufe. Das sind die Schattenseiten der Karriere. Etwas missfällt, die Stimme versagt, man fühlt sich nicht wohl. Ist mit der Personenführung durch den Produzenten/Regisseur unzufrieden, möchte an der Situation etwas ändern. Viele Sänger und Sängerinnen fühlen sich durch schnelle Karrieren auch schnell überfordert. Werden viel zu früh in Rollen gedrängt, denen sie nicht gerecht werden können. Weil sie noch nicht reif dafür sind. Die Anforderungen an den heutigen Opernbetrieb sind in der Tat hoch. Man strebt immer mehr nach Perfektion oder zumindest 99,9 Prozent davon. Der Interpret soll eine tolle Stimme haben, natürlich gut aussehen und die nötige Sopran-Dramatik oder den tenoralen Schmelz mitbringen. In der Rolle leben und aufgehen. Ein ätherisches Gesangserlebnis bieten. Sich schon an Vorbildern orientieren, jedoch Niemandes Kopie sein.

Zwei, die sich diesem Beruf, nein, dieser Berufung mit vollem Einsatz aller ihrer Mittel verschrieben haben, sind der Münchner Tenor JONAS KAUFMANN und die Wiener Sopranistin MARTINA SERAFIN.

Viele Male wurden beide schon befragt, warum sie sich denn dafür entschieden hätten: Beide planten zu Beginn ihrer beruflichen Überlegungen etwas anderes. Es wären aus ihnen gar noch ein Mathematiker und eine Archäologin geworden. Doch Kaufmann hängte die „sichere Mathematik“ für den riskanten Gesang an den Nagel, und Serafin entschied sich dagegen „in antiken Ausgrabungen“ herumzusuchen. Aus heutiger Sicht war das für die beiden Ausnahmekünstler sicherlich die richtige Entscheidung. Bei beiden lag und liegt die Musikalität in der Familie.

Jonas Kaufmann stammt aus einer musikbegeisterten Familie. Beide Elternteile hatten zwar beruflich mit Musik nichts zu tun – seine Mutter war Kindergärtnerin und der Vater bei einer Versicherung – aber zuhause wurde gegeigt, Langspielplatten von Opern wurden exzessiv gehört genauso wie Beethoven, Mozart oder Wagner.

Anders bei Martina Serafin: Ihre Eltern, beide Sänger von Beruf, beide sind Kammersänger. Schon als junges Mädchen kam sie mit zu Proben, verkleidete sich nach Lust und Laune und sang zum Beispiel „Heia, heia, in den Bergen ist mein Heimatland“ aus der Csárdásfürstin.

Zum Werdegang von Spitzensängern gehört neben der Unterstützung des sozialen Netzwerks natürlich eine gewisse Begabung, ein Talent, das man früh erkennen und fördern muss. Eine darstellerische Begeisterung und keine Scheu, sich auf der Bühne zu zeigen, ebenfalls. Natürlich kann man eine Stimme technisch trainieren. Aber berührt sie auch das Publikum, erreicht sie auch diesen sphärischen Klang? Man muss auch die Rollen fühlen können, ihren  Liebes – und Leidensweg durch die gesamte Musik.

Zwei unabstreitbare Beispiele, bei denen dies gelungen ist.

Kaufmann singt überall auf der Welt. Serafin singt überall auf der Welt. Die Reisen sind gewiss anstrengend. Wenn man noch bedenkt, dass das wichtigste Instrument immer mitreist: Die zwei hochsensiblen Bänder im Hals, die alles kontrollieren. Beide Sänger „brennen“ für ihre Tätigkeit. Sind auch Familienmanager: Jonas Kaufmann hat drei Kinder, lebt von seiner Frau getrennt. Martina Serafin ist mit einem Sänger verheiratet und hat eine Tochter. Eine Herausforderung, alles unter einen Hut zu bringen, Rollen zu lernen. Einer der anspruchsvollsten Berufe. Diese beiden haben, wie man schon merkt, viel gemeinsam. Zusammen haben sie schon die „Tosca“ in London gesungen, mit Kaufmann als Mario Cavaradossi und Serafin in der Titelrolle. In einem Interview sagte Kaufmann, ihm sei der Mund offen geblieben, so toll habe sie gesungen. Zwei auf Augenhöhe. Aber ist es auf dem Gipfel nicht einsam? Sangeskunst auf hohem Niveau zu halten, ist schwierig. Vielleicht gelingt es den beiden Weltsängern, einmal gemeinsam in einer Weltstadt der Musik aufzutreten? Salzburg würde sich gewiss eignen, Wien sowieso. Die beiden Sänger verschreiben sich auch der Tradition, nur selten und fast als „Ausreißer“ wirken sie auch in modernen Produktionen mit. Das „Mit der Zeit-Gehen“ ist in der Oper auch so eine Sache:

Die Oper in ihrer ursprünglichsten Form kann heute natürlich so nicht mehr aufgeführt werden, und das ist auch gut so. Die technischen Möglichkeiten sind um ein Vielfaches fortgeschritten, Dekorationen sind nicht mehr filigran, Wellen des Meeres können etwa heute bereits per Videowall eingespielt werden und müssen nicht mehr aufwändig, wie zu Jacopo Peris Zeiten bei „La Dafne“, der ersten bekannten „Oper“ der Musikgeschichte, aus Material hergestellt werden.

Sie werden mir gewiss beipflichten: Wenn ich Sie jetzt vom Jahr 1500/1639 in das Jahr 2015 sende, hat sich die Aufführungspraxis verändert. Die schon angesprochenen Videowalls wurden -um ein Beispiel zu nennen – in Aufführungen der Opernfestspiele St. Margarethen in den Jahren 2013 bei „La bohéme“ und 2015 bei „Tosca“ verwendet. Natürlich hatte Peri damals, im 16. Jahrhundert, solche Mittel nicht zur Verfügung. Um zu visualisieren, was hier gerade auf der Bühne geschieht, steht heute ein Hollywood-Regisseur (Herr Dornhelm) Modell für eine neue Generation der Oper. Natürlich hat diese Form der Aufführungspraxis auch Feinde. Wie alles im Leben, ist des Einen Freud, des Anderen Leid.

Martina Serafin bewies diesen Sommer mit einer weiteren umjubelten „Tosca“ in St. Margarethen, dass man sich keinesfalls vor Videowänden innerhalb einer Inszenierung fürchten muss.

Jonas Kaufmann ist ebenfalls „angstfrei“ auf Neues zugegangen in einem extrem reduzierten, klaren Salzburger „Fidelio“.

Sehen wir also, was die Zukunft bringt. Kaufmann verwöhnte uns erst 2014 wieder mit der CD „Du bist die Welt für mich“, auf der er mit dem äußerst schwierigen Lied „Das Lied vom Leben des Schrenk“ von Künneke zu hören ist. Weltweit gab es nur drei Einspielungen. Auf die erste Aufnahme von Serafin müssen wir noch warten. 2016 könnte es soweit sein.

Freudig erwarten wir einen neuerlichen gemeinsamen Auftritt der beiden Talente.

 

Jonas Kaufmanns „Du bist die Welt für mich“ – Trailer:

 

Martina Serafin mit „Hat dich die Liebe berührt“ – mit Michael Lakner am Klavier: