Rezensionen SPRECHSTÜCK

Hier finden Sie Rezensionen von tollen Sprechstücken in Wien und international

Sommerbühne #6: Salzburger Jedermann von H. von Hofmannsthal

Kaum ein traditionsreicheres Schauspiel gibt es als dieses: Das Sterben des reichen Mannes. Wer Jedermann denkt, denkt Salzburg. Wer Jedermann denkt, denkt an den gedeckten Tisch. Das Stück präsentiert sich reichlich variabel, allen zum Trotz. Eine Entwicklung hat es zweifelsfrei durchgemacht.

Schell, Jürgens, Berger, Hörbiger (Attila, Christiane), Lohner, Simonischek, Ferres, Reinsperger, Obonya, Moretti, Hochmair, Hobmeier, Minichmeyer, das sind klingende Namen sowie neue Impulse in den Ohren der Theaterfans. Sie alle verbindet, dass sie im Spiel vom Sterben des reichen Mannes mitgewirkt haben.

Im Jahr 2019 füllen Tobias Moretti als Jedermann und die „Neue“ Valery Tscheplanowa, gebürtige Russin, als Buhlschaft die Rollen aus. Sie spricht von der Rolle als Auftritt und bringt frischen Wind mit. Das ist auch nötig, wenn das Stück bereits im Jahre 1911 im Berliner Zirkus Schumann uraufgeführt wurde, damals in der Regie von niemand Geringerem als Max Reinhardt. An das Seminar desselben Namensgebers drängen angehende SchauspielerInnen und RegisseurInnen. Die Aufnahmeprüfung ist hart, die Selektion durch die Ausführenden auch. Darüber müssen die DarstellerInnen des Jedermann nicht mehr diskutieren.

Michael Sturminger, renommierter Regisseur und an Oper und Theater gefragt, inszeniert den „Jedermann“ im 3. Jahr. Progressiver, aggressiver geht es zu. Die Kostüme von Renate Martin verleihen ein stellenweise braves Bild, geschniegelt im Anzug der Jedermann Moretti und sein Gesell (auch sein Bruder: Gregor Bloeb), der auch als Teufel im Einsatz ist. Hier weniger brav und eher im Musical-Stil.

Moretti agiert scharf, zieht und packt zu, reagiert impulsiv. Lebensfroh, erfüllt und sterbenselend liegen in seiner Interpretation nah beieinander. Tscheplanowa im Hosenanzug in heller Farbe (moderner: Jumpsuit) ist eine starke Partnerin, mimisch ausdrucksstark. Auch eine Gesangseinlage für die Buhlschaft ist neu. Schmusen auf der Bühne? Darf für die beiden kein Problem sein. Aggressiv wirkt das.

Peter Lohmeyer als Tod, Mavie Hörbiger als Werke, der sehr gute Falk Rockstroh als neuer Glaube, Edith Clever als Jedermanns Mutter, Martina Stilp und Michael Masula als Schuldknecht-Paar sind mit von der Partie. Dicke und dünne Vetter gibt es in Form von Björn Meyer und Tino Hillebrand. Als Mammon fungiert Christoph Franken. Helmut Mooshammer hat sich schon an die Stelle von Johannes Silberschneider als armer Nachbar gesetzt, und Markus Kofler ist der Koch.

Die musikalische Leitung der Streicher liegt bei Jaime Wolfson. Der Jedermann: „Ein singulärer Vorgang im deutschen Theater“, so heißt es vonseiten der Salzburger Festspiele. Die sich um dessen Auslastung wohl keine Sorgen machen müssen. Die 14 Vorstellungen auf dem Salzburger Domplatz sind allesamt ausverkauft.

Info:

JEDERMANN – H. von Hofmannsthal – Salzburger Festspiele 2019

Regie: Michael Sturminger

Aufführungen: von 20. Juli bis 28. August auf dem Salzburger Domplatz, bei Schlechtwetter im Großen Festspielhaus.

http://www.salzburgerfestspiele.at

Sommer(hitze)theater # 2: Die Schlossspiele Kobersdorf mit „Das Mädl aus der Vorstadt“ von J. Nestroy

Die Schlossspiele Kobersdorf punkteten schon oft mit Inszenierungen von Nestroy-Klassikern. Bekanntlich darf es dabei immer ein wenig scharfzüngig zugehen, auch an Gesellschaftskritik wird nicht gespart.

2019 setzt man im traditionsreichen burgenländischen Festspielort auf den Charme des „Mädls aus der Vorstadt“. Die Nestroy-Posse in 3 Akten mit Gesang wurde 1842 uraufgeführt. Intendant Wolfgang Böck holt Beverly Blankenship, die erfahrene Regisseuse. Dieser gelingt eine durchaus schlüssige und runde Inszenierung. Die Geschichte wird mit der nötigen Empathie erzählt.

Ein findiger Geschäftsmann will sich mit Hilfe eines erfundenen Kassenbetrugs das Leben leichter machen. Aber damit bringt er nicht nur den fälschlich Beschuldigten, sondern auch dessen Tochter in Verruf. Sie arbeitet in der Vorstadt. Die Tochter hat einen Verehrer, der sich eigentlich schon einer reichen Witwe versprochen hat. Doch will er nicht mehr die Witwe, sondern die Tochter. Die Witwe ist dummerweise auch die Nichte des Geschäftsmanns. So entspinnt sich also ein Kreis, welchen der Privatdetektiv zu durchblicken versucht.

Das „Mädl aus der Vorstadt“ war einer der größten Publikumserfolge Nestroys. Die an Zufällen und Überraschungen reiche Komödie wurde gekrönt durch die Rolle, die sich Nestroy selbst auf den Leib geschrieben hat: Die des Privatdetektivs (Winkeladvokaten) Schnoferl.

Diese übernimmt in Kobersdorf der Chef Wolfgang Böck und geht mit Feuereifer an die Aufklärung der Wirrnisse. Nicht umsonst gibt es bei der Posse den Untertitel: „Ehrlich währt am längsten.“ Denn in diesem Stück ist selten jemand ganz ehrlich. Der Spekulant Kauz wird würdig porträtiert von Wolf Bachofner, eine gut aufgelegte und köstlich pikierte, amüsante Frau von Erbsenstein liefert Katharina Stemberger ab. Der Verehrer Herr von Gigl wird im besten Sinne als gefühlsduselig und dann auch energisch in Szene gesetzt von Markus Weitschacher (ein Talent). Michaela Schausberger mimt die Tochter des Spekulanten weitgehend brav.

Auch die kleineren Rollen können sich sehen lassen: Etwa stechen als die Näherinnen Laura Rauch, Sophie Gutstein und Sabrina Rupp heraus.

Die Kostümabteilung unter Gerti Rindler-Schantl hat ganze Arbeit geleistet: Pinker Plüsch und biedere Anzüge sind da in einem Atemzug zu sehen. Das passt zu Nestroy. Christopher Haritzer trägt als Musiker seinen Teil zum Ganzen bei und steuert damit ein Stück weit die Handlung. Beliebt war zur Uraufführungszeit etwa das Quodlibet zwischen Schnoferl und der Näherin Rosalie: „Singen kann der Mensch auf unzählige Arten.“

Ein sommerlicher Spaß voller Wirrungen.

Info:

Schloss-Spiele Kobersdorf

Stück 2019: „Das Mädl aus der Vorstadt“ von J. Nestroy

Karten unter: http://www.schlossspiele.com

Gespielt wird „Das Mädl aus der Vorstadt“ von 2. Juli bis 2. August (Zusatztermin wegen großer Nachfrage).

Es finden auch wieder die beliebten Bike- beziehungsweise Oldtimerfahrten gemeinsam mit dem Intendanten Böck zu den Vorstellungen in Kobersdorf statt. Die Termine sind der 13. Juli (Motorrad) und der 21. Juli (Oldtimer). Nähere Infos hierzu ebenso unter http://www.schlossspiele.com.

Sommer(frische)theater # 1: Die Festspiele Reichenau mit „Eine blassblaue Frauenschrift“ von F. Werfel

Nicolaus Hagg präsentiert als Auftakt der Reichenauer Festspiele 2019 eine Neufassung nach Franz Werfels „Eine blassblaue Frauenschrift“. Blass ist hier nur die Zurückhaltung, nicht aber das Spiel.

Diese Aufführung erfolgte im Rahmen der Reihe: „Frauenschicksale in der Weltliteratur“. Die Regie übernahm Julian Pölsler, dem das Stück bereits aus seiner Zeit als Regieassistent bekannt war. Soll man es vorsichtig, umsichtig nennen? Wagemutig ist man in Reichenau bei dieser Inszenierung nicht, sie ist recht brav, solide im besten Sinn.

Wie hinlänglich bekannt sein mag, stellt ein in der titelgebenden Farbe verfasster Brief das Leben des erfolgreichen Sektionschefs des Unterrichtsministeriums, Leonidas, (nobel und mimisch reich verkörpert von Joseph Lorenz) auf den Kopf. Darin bittet eine Frau um Hilfe für einen Studienplatz in Wien für ihren jüdischen Sohn. Und plötzlich die harschen Zweifel: Leonidas muss sich fragen, ob dieser nicht auch sein Sohn sein könnte? Viel zu lange liegt die Zeit zurück….

Lorenz jedenfalls beherrscht über weite Strecken die Bühne mit seiner Darstellung eines vom schlechten Gewissen geplagten „hohen Tiers“.

Leonidas‘ reiche Frau Amelie, verständnisvoll, aufopfernd und doch erschüttert, sowie sehr zurückgenommen spielt sehr fein Fanny Stavjanik. Die betrogene Ehefrau muss ihrer Angst ins Auge sehen.

Nicolaus Hagg fügte in seinem Ideenreichtum eine neue Figur ein. Diese fungiert als Zeitzeuge mit Witz, Charisma und Gespür für die neue Welt. Spielt doch die Originalversion im Jahre 1936. Es handelt sich um Amelies Bruder Paul (Alexander Rossi).

Ebenso Platz ist für musikalische Einlagen wie Beethovens Mondscheinsonate oder Schlager wie „Kann denn Liebe Sünde sein?“.

Die verlassene Geliebte Vera Wormser, ihres Zeichens Philosophin und ein kluger Kopf, wird ebenso feinsinnig wie trotzig von Stefanie Dvorak dargestellt.

Die Rolle des Ministers wäre für den leider verstorbenen Peter Matic vorgesehen gewesen. Thomas Kamper sprang für ihn ein und zeichnet ein diffiziles Bild voller Bodenständigkeit. Peter Moucka spielt den national gesinnten Büromenschen Hofrat Skutecky detailreich.

Für das Reichenauer Stammpublikum (nicht nur) bedeutet diese Aufführung eine sanfte Auffrischung. Die Bühnendekoration stammt von Peter Loidolt (kammerspiel-artig). Für die Kostüme zeichnet – brav und edel – Erika Navas verantwortlich, da gingen sich eine fesche Krawatte für Lorenz und ein türkisfarbener Seidenmorgenmantel für Stavjanik aus.

Info:

http://www.festspiele-reichenau.com

Gespielt wird die „Blassblaue Frauenschrift“ noch bis 03.08., alle Vorstellungen sind ausverkauft.

Theater in den Bergen auf der Raxalpe 2019

Ein einzigartiges Kulturerlebnis, das die Sinne berührt – so der Flyer, verspricht das neue Projekt von Theater in den Bergen. Es wird psychologisch.

Einen Einakter will man aufführen. Also gut, was darf es sein? Man bedient sich des großen Psychomannes Sigmund. Der Nachname ist bekannt und muss nicht erwähnt werden: Freud.

Um dieses Theatererlebnis genießen zu können, muss man etwas höher hinaus als auf eine Seebühne, oder in eine Grotte, oder in eine aufgelassene Fabrikshalle. Man fährt mit der Raxseilbahn, eine neue, reizvolle Idee. Für die Bergfahrt, so die Ankündigung, muss man mindestens eine Stunde einplanen, das ist das Knappste. Höhenangst sollte also kein Bestandteil einer Seele sein, die sich dorthin begibt. Eine Nächtigung auf der Bergstation ist ebenso möglich, muss aber separat reserviert werden.

„Die Frau auf der Couch“. Also: Freuds Theorie der Weiblichkeit, und wie man sich entscheiden soll, wie man ihn zu sehen hat. Asket, Patriarch, Analytiker, Frauen-Freu(n)d?

Die Regie dieses Stückes hat Norbert Mang inne, die Aufführungen finden jeweils im Raxalm-Berggasthof statt.

Es spielen Sandro Swoboda (Absolvent bei Elfriede Ott) und Sandra Schuller (zuletzt bei „All About Eve“ in den Wiener Kammerspielen zu sehen).

Info:

„Die Frau auf der Couch“ – Sigmund Freud

Einakter von Norbert Mang

Premiere: 17.05.2019, 15:00 Uhr

Kartenbestellung: http://www.raxalpe.com

Es wird bis zum 21.09.2019 gespielt.

Premieren-Donnerstag: Mystisch, artistisch, erfrischend – „Der Bauer als Millionär“ von F. Raimund am Theater in der Josefstadt/Wien

Das Raimund´sche Zaubermärchen wird am Theater in der Josefstadt von Josef Köpplinger in neue Kleidung gehüllt. Dennoch hält es sich inhaltlich an die Vorlage. Ein sanftes Experiment.

Man wird ins „Geisterreich“ entführt. Feen greifen in das Leben der Erdenbürger ein. Das Geisterreich (nach einer Idee des Bühnenbildners Walter Vogelweider) wird aber auch zuweilen in kürzere Worte verwandelt, etwa „sei geistreich“. Eine ansatzweise, vorsichtige Modernisierung findet statt. Die Uraufführung 1826 war unter dem Titel „Romantisches Original-Zaubermärchen mit Gesang“. Da dies schon eine ganze Weile her ist, stellt es eine Herausforderung dar, 2018 diesem Werk gerecht zu werden. 

Es ist die letzte Premiere des heurigen Jahres für die „Josefstadt“. Das Ensemble gibt noch einmal alles: „Scheint die Sonne noch so schön, einmal muss sie untergehn….“. Wobei hier allen voran Michael Dangl in der Rolle des Fortunatus Wurzel eher als „aufgehende Sonne“ agiert. Glaubhaft im Größenwahn des ihn umrauschenden Geldes, polternd und schließlich zerstört. Wolfgang Hübsch als Das hohe Alter wandelt sich von einem Herrn mit Grandezza und Weisheit zu einem tattrigen Greis, und das gekonnt. Eine Bühne ohne viele Details schafft einen praktikablen Rahmen für die DarstellerInnen: Julia Stemberger ist Die Zufriedenheit und agiert sehr besorgt und mütterlich. Starke Bühnenschminke sorgt bei vielen der Mitwirkenden für Eindruck. Als Lottchen tritt Lisa-Carolin Nemec auf. Um deren irdisches Wohlergehen wird das ganze Stück lang gerungen. Die Fee Lacrimosa alias Alexandra Krismer will ihre Macht ausspielen. Ihr Vetter Ajaxerle ist Schwabe, umtriebig verkörpert von Alexander Pschill. Neid (Martin Niedermair) und Hass (Dominic Oley) wollen Wurzel zu Leibe rücken. Die Jugend (Theresa Dax) singt ihr Abschiedslied an den einstigen Waldbauern und jetzigen Millionär. Auch der Hauptdarsteller Dangl liefert ein feinsinniges Aschenlied. 

Zwischen Zufriedenheit und Geldgier springen die Akteure herum, versuchen sich teils als Magier, Akrobaten und Zauberschüler. Eine sehr moderne und auch gelungene Interpretation.

Info:

„Der Bauer als Millionär“ von F. Raimund

Theater in der Josefstadt, Wien

Regie: Josef E. Köpplinger

http://www.josefstadt.org 

A Play more and more relevant – JULIUS CAESAR (Shakespeare) at the Bridge Theatre London with David Calder, Michelle Fairley.

Julius Caesar by Shakespeare – a Play, more relevant than ever?! It seems that way. The antique tragedy is brought to nowadays, if not: the future. Caesars triumph is not long-lasting. The brand-new Bridge Theatre in London brings it to life. Art is flexible, and so is the new Version of the Shakespearean Play from 1599. 

The innovative promenade staging by director Nicholas Hytner guarantees another point of view on antique „roman“ traditions. Modern, and in a breathtaking way, and, of course, with newest production design (Bunny Christie), the play offers a wide range of various situations.

Not as usual. The new Bridge Theatre sets up a stunning location, just like it happens to be in Shakespeare´s Globe. People do not only see the action in every detail. No! They are just a part of it. The transformation of the auditorium is brought to you by the Bridge itself.

Julius Caesar is on top of his triumph. But the elité is going to bring him down, as in history. The point of the storyline is clearly historical. But for nowadays, you can also draw conclusions from this. As glorious Caesar, David Calder is mighty and powerful, not only addicted to the stage. He seems to be not as clashing as real Julius. Calder is more down for a charismatic man of the show. Dressed in black, he appears quite good-looking.

One charming person you all know, not only as „fresh and nerdy“ Q from James Bond franchise, is Ben Whishaw. The young, inspiring Benjamin John Whishaw from Clifton drawing attention to Brutus, one of Caesar´s murderers. He does not overrate brutal action, but fine-tunes his verbal expressions very well.

The other murderer, here, is surprisingly overwhelming! Cassius, who is also one group leader when it comes to rip Caesar off his throne, is played by „Game of Thrones“-Actress Michelle Fairley. Also dressed in a black trenchcoat which leaves room for plenty of discussion (pure und fabulous costume design by Christina Cunningham). Passion for the beautiful arts, but also a sense for serious Action. Fairley combines both!

David Morrissey is supposed to bring the good old Rome back after the insult. His character, Marcus Antonius or Mark Anthony, is „the last man standing“.

With a length of two hours without interval, the Bridge offers you to join a mob in this thinkful and meaningful production. You as a recipient are not supposed to only watch, but also to take action in the piece.

If you are interested in ancient Rome and Politics, this is a must-see for you.

 

Website:

http://www.bridgetheatre.co.uk

 

 

 

„Saufen, trinken, untergehen.“ – SUFF (Winterberg und Rukov) in den Kammerspielen des Theaters in der Josefstadt

Ein Stück über notorische Trinkerinnen zu bringen, ist ein wenig gewagt. Die Kammerspiele des Theaters in der Josefstadt in Wien trauen sich das zu, und bringen tolle Schauspielerinnen in starken Charakterstudien auf die Bühne. In der Regie von Alexandra Liedtke laufen die Damen zur Hochform auf. 

Sona MacDonald, Elfriede Schlüsseleder, Marianne Nentwich und Therese Lohner mimen die vier trinkfreudigen Damen, die im Leben sonst keinen Sinn mehr sehen. Alle haben sie einst etwas dargestellt, in der feinen Wiener Gesellschaft. Aber jetzt, ist alles anders…

Das Stück dauert eineinhalb Stunden, trägt aber vom Stoff her durchaus mehr in sich. Alkohol dominiert auch das Bühnenbild. Die Altbauwohnung, in der Hedwig (Sona MacDonald) wohnt, wird zum Treffpunkt der Damen. Charmant sind sie alle auf ihre Weise, und Routine im Flaschen öffnen haben sie (komischerweise?) auch alle. Als Quartett in Reih´ und Glied aufgestellt und damit etwas grotesk wirkend, „kippen“ sie ihre tägliche Ration Alkohol hinunter.

Sona MacDonald als Hedwig ist überhaupt eine sehr zerbrechliche Figur, die kaum Stress verträgt. Ganz verwirrt reagiert sie auf Reize des Alltags. Elfriede Schlüsseleder als Irma kann zum Chaos ihrerseits beitragen, dass sie ihre Gedanken nicht vom „Suff“ abwenden kann, aber niemandem etwas zu Leide tun würde. Ein bisschen Humor, aber wirklich nur eine kleine Brise, verträgt das Stück von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov. Marianne Nentwich als Marion spielt vollends ihre Bühnenerfahrung aus und ist ständig fröhlich, wenn auch ein bisschen angestrengt. Spielt da nicht auch das namensgebende Getränk bei der Figur eine Rolle. Natürlich! Aber die Thematik lässt sich nicht allein auf Alkohol (Ethanol) reduzieren. Auch beginnende Demenz kann und wird eine kleine Rolle spielen. Therese Lohner als ehemalige Top-Tänzerin Constanze ist vor allem frustriert. Und so greift auch sie zur Flasche. Der einzige Mann im Gewirr, ist Martin Niedermair als Jacob und Sohn von Hedwig. Er bietet ein wenig Paroli in der vom „Suff“ dominierten Welt.

 

 

William! William! SHAKESPEARE IN LOVE am Theater in der Josefstadt/Kammerspiele

 

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Dominic Oley (W. Shakespeare) und Swintha Gersthofer (Viola) (c) Astrid Knie/Theater in der Josefstadt

 

Englands No 1. in der Dichtung. Das ist unser William Shakespeare. Bekannt durch seinen klugen Einsatz von Poesie und Fabelwesen, Wahrheit und Trugschluss in allen seinen Werken. Ausnahmsweise ist dies nun kein Werk von ihm, sondern ein Werk über einen inspirierten Schauspieler, welches am Theater in der Josefstadt (Kammerspiele) zur Aufführung gelangt. „Shakespeare in Love“ (die Uraufführung fand am Londoner WestEnd statt) erzählt die Geschichte des jungen aufstrebenden Schriftstellers Will Shakespeare, der in der Krise steckt…

Wer exakt die Idee hatte, dieses Stück an die Josefstadt zu bringen, dem ist wirklich zu danken! Es handelt sich hier um eine höchst gelungene Auflockerung, mit vielen Zitaten von Shakespeare, dem selbsternannten Titelhelden. Nach dem Drehbuch von Marc Norman und Tom Stoppard, in einer Bühnenfassung von Lee Hall ist Shakespeare in Love ein Werk von hoher Präzision. Hier in den Kammerspielen der Josefstadt findet die Deutschsprachige Erstaufführung also statt.

Szenen werden ineinander verhakt, was relativ gut angestellt ist. Das gesamte Schauspiel „spielt“ sich auf zwei verschiedenen Etagen ab. In der Regie von Fabian Alder können sich alle Charaktere entwickeln, es kommt aber auch viel Schwung in die Sache. Als mit Verve und tollem Mut agierendes Liebespaar Will Shakespeare und Viola de Lesseps sind die jungen Stars Dominic Oley und Swintha Gersthofer ein tolles Gespann.

Insgesamt beteiligen sich an dieser modernen und packenden Produktion 22 enthusiastische Darsteller und Darstellerinnen, darunter Susanna Wiegand, Oliver Huether, Olivia Pflegerl, Lupo Grujcic und viele mehr.

 

Sommerstück (9): Domplatz in neuem „Gewand“. Farbenlehre und der Zugang zum Sterben – der neue JEDERMANN in Salzburg

 

Vielleicht das meist-erwartete Stück dieses Sommers in Salzburg: Der neue JEDERMANN. Alles neu, alles innovativ. Nicht jeder und jede konnte von diesem erstmaligen Konzept allerdings überzeugt werden. Hofmannsthal 2017 sieht naturgemäß etwas anders aus als jene Interpretation des Gründungsjahres. Sicher liegt das nicht nur an der neuen Düsterkeit. Bühne anders, Darsteller anders, alles anders?

Der Film- und Fernsehstar und Theaterdarsteller Tobias Moretti (wer in Österreich hat noch nichts von ihm gehört…Die Kommissar-Rex-Zeiten sind aber definitiv vorbei) ist der antizipierte, mit Spannung erwartete neue Jedermann im Jahr eins nach Obonya. Dieser Mann weiß definitiv, worauf er sich eingelassen hat. Ein wenig Unsicherheit und Nervosität, wenn auch gut versteckt, gehört zu jeder neuen Rolle. Aber bei Moretti macht man sich keine Sorgen. Man ahnt, dass er diesem Jedermann gewachsen ist, ihn mit Bild- und Stimmgewalt ausfüllen wird. Mal mit zusammengebissenen Zähnen, erwartungsvoll, niedergeschlagen. Alles, was man vom Jedermann erwartet, kurzum. Sich wehrend und ereifernd, genussvoll und leidend.

Ganz in Schwarz steckt Moretti in der Inszenierung von Michael Sturminger. Man kann das Schwarz, wie auch Farben in dieser Interpretation überhaupt eine starke Bedeutung haben, folgendermaßen interpretieren: Es regt nichts auf, nichts lenkt ab vom Leben und Sterben des reichen Mannes. Es ist ein Mann, ein einfacher Mann, vielleicht komplex in seinen Gedanken, aber immer einer von uns, aus dem Volk. Es „färbt“ nichts ab, bis sich eine markante Farbe in sein Leben mischt.

Diese markante Farbe ist rosa, genauer lachs-rosa. Eben nicht dieses Pink, dieses stechend-grelle Pink, sondern eine sanftere Nuance, eine Andeutung. Jugendlichkeit, Umtriebigkeit und Frische, Verlockung, Lähmung und Bejahung eines ausschweifenden Lebens. Diese Farbe soll den Jedermann ergreifen. Sie kommt in Gestalt der neuen Buhlschaft, und das ist Stefanie Reinsperger, Schauspielerin vom Volkstheater in Wien. Diese Rolle, wer spielte sie nicht gerne? In der Tradition von Johanna Terwin, Christiane Hörbiger oder Veronica Ferres steht diese Buhlschaft nicht mehr. Sie macht daraus „ihr eigenes Ding“. Viel lacht sie, intensiv spielt sie.

Der bereits eingespielte, immer kunstvoll bemalte und ausdrucksstark agierende Peter Lohmeyer ist als Tod der „krasse“ Gegenentwurf zu einer lebensbejahenden Einstellung. Düster, kraftvoll und wenig humanistisch, so zeigt Sturminger diese Figur im Jahr 2017.

Eine weitere Premiere stellt Edith Clever dar, sie gibt Jedermanns Mutter. Johannes Silberschneider, sehr gefragt und immer im Einsatz, geht vom „Nachbarn“ zum „Glauben“ über.

Renate Martin und Andreas Donhauser entwerfen für das Jahr 2017 Bühne und Kostüme.

Der Jedermann 2017 präsentiert sich als gewollter Totentanz, eine Neuinterpretation wenn man so will. Man sollte sich das Spiel vom Sterben des reichen Mannes jedenfalls nicht entgehen lassen.

 

Sommertheater (2): Phobischer Baumeister in Reichenau/Rax

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Ein „nordischer“ Dichter hat im heurigen Jahr auch Einzug im Sommerfrischeort „der Wiener“ gehalten: Henrik Ibsen beehrt quasi Reichenau an der Rax. Sein nicht so häufig gespieltes Stück BAUMEISTER SOLNESS begeistert das Publikum. Ein Regiedebüt gibt es auch zu verzeichnen. „Die Gefahr der Jugend für den Etablierten“ – lässt Reichenau dies zusammenfassen.

Der Reichenauer Publikumsliebling und Regiedebütant Joseph Lorenz gibt diesem Baumeister nicht nur Profil. Er inszeniert auch die um den schwer phobischen Baumeister herumschwadronierenden Damen wie seine Frau Aline (Julia von Sell), die Buchhalterin Kaja (Elisa Seydel) mit tiefgehenden Charakterstudien.

Die größte Angst des Solness ist diese, alt zu werden und nicht mehr dem Zeitgeist zu entsprechen. Die Angst vor der Jugend mischt sich darunter, als Alma Hasun als verführerische wie sehr kompetente Hilde Wangel auftaucht. Mit Kostümen von Erika Navas (stattete auch Volkstheater und Theater in der Josefstadt aus) wird die Kluft zwischen Alt und Jung noch deutlicher. Steht der Baumeister vor seinem Rücktritt? Diese Frage kann er sich wohl nur selbst beantworten. Die starke und junge Frauenfigur hat der Baumeister schon früher kennengelernt, als Zehnjährige versprach er ihr sogar, „ein Schloss zu bauen für sie“.  Der Bau hat für ihn tragische Folgen…

Das Stück hat einen realen Hintergrund: Henrik Ibsen verliebte sich mit 60 Jahren bei einem Sommeraufenthalt in Tirol im Jahre 1889 unsterblich in die 18-jährige Emilie Bardach. Mit dem Stück setzt er dieser unmöglichen Liebe ein Denkmal.

In der Inszenierung von Lorenz und im Bühnenbild von Festspielgründer Peter Loidolt gerät dieses Stück zum Kassenerfolg. Sehenswert!